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Die Klangkünstler Douglas Henderson „Zimoun“ stellen in der Saarbrücker Stadtgalerie aus

Eine Klangreise in Saarbrücken : Klingende Kartons und Trompetenblumen

Derzeit sind Werke des amerikanischen Klangkünstlers Douglas Henderson und seines Schweizer Kollegen „Zimoun“ in der Saarbrücker Stadtgalerie zu sehen.

Man wähnt, in einem verwunschenen Garten zu stehen – angesichts dieser merkwürdigen Trompetenblumen, die sich auf bunt schillernden, teils gläsern fragil wirkenden und verknoteten Stengeln in den Raum schrauben. Wunderliche, zauberhafte Gebilde; abrupt rotierend und gekrönt von Blüten, die aussehen wie Grammophontrichter. Mit dieser Assoziation liegt man richtig: Die zauberischen Pflanzen, die mittels roter Kabel wie in einem Pilzmyzel miteinander verbunden scheinen, geben Geräusche von sich – mal schnarren und schnauben sie sanft, mal produzieren sie ein Stimmengewirr. Fragt sich nur, mit wem sie kommunizieren: untereinander oder mit dem Besucher?

„Summer of Love“ heißt diese sinnliche, visuell berückende Klang­installation des amerikanischen Künstlers Douglas Henderson, dessen verspielte Werkschau „Bodies of Sound“ (2007 – 2015) parallel mit aktuellen Werken seines Schweizer Kollegen „Zimoun“ derzeit in der Saarbrücker Stadtgalerie zu sehen ist. Mit diesen beiden rein analogen Expositionen knüpft die Stadtgalerie-Chefin Andrea Jahn an die langjährige Klangkunst-Tradition des Hauses an. In seinen kulturkontextuell grundierten, elektroakustischen Skulpturen und Installationen widmet sich der Wahlberliner Henderson (geboren 1960) dem Dialog aus Klang, Form und Bewegung. Am unteren Stielende seiner 19 wunderlichen Blumen beispielsweise befindet sich ein Lautsprecher mit einem Mechanismus, der die Pflanzen gemäß den Vibrationen der Lautsprechermembran in Drehung versetzt. Gesteuert wird diese Choreographie durch eine mehrkanalige, elektro-akustische Komposition, wobei durch die Bewegung der Blüten ein komplexes Klangfeld entsteht, das selbständig variiert.

Von Interaktion abhängig ist dagegen Hendersons Installation „playback. no rewind button“. Wer immer schon mal mit den Füßen E-Gitarre spielen wollte, und das auf deutlich mehr als sechs Saiten: Hier kann er es tun. Aber bitte Vorsicht bei Betreten des Raums. Zwischen fünf Verstärkern sind unzählige Stahlsaiten quer auf dem Boden aufgefächert; wer darüber läuft, erzeugt mit der Fußsohle Vibrationen, die von Tonabnehmern an die Amps übertragen werden. So kann jeder mit Schritten seinen eigenen Soundtrack kreieren oder zu dem anderer Besucher improvisieren. Weitere skurrile, tönende Objekte Hendersons: Eine Tonkalotte namens „Waterspeaker“, die einem Spucknapf ähnelt und durch Vibrationen das darin befindliche Wasser für Sekunden in bestimmte Strukturen bannt. Oder eine Wandskulptur, die sich „Wonderwoman“ nennt und einen angesichts der kippelnden, pfeilbewehrten Brust-Halbkugeln unweigerlich an den torpedösen BH des Modeschöpfers Jean Paul Gaultier erinnert, mit dem Madonna sich einst bewaffnete. Dann wäre da noch, Goethes „Zauberlehrling“ lässt grüßen, ein „Großer Hexenkreis“, bei dem drei Reisigbesen im Kreis stotternd über eine Pappscheibe fegen. Und in „Under Way II“ wirft eine Art illuminiertes nautisches Instrument schwankende Horizonte an die Wände des dunklen Raums, während man Meeresgeräusche und das Schlagen der Takelage zu hören glaubt.

Wesentlich nüchterner sind die ortsbezogenen Klanginstallationen Zimouns (Jahrgang 1977), die trotz aller wissenschaftlichen Attitüde einen geradezu unwiderstehlichen Witz haben. In Zimouns motorbetriebenen, akustischen Systemen kollidiert die rigide Ordnung industrieller Alltagsobjekte lustvoll mit dem Chaos natürlicher Kräfte. Einfach ausgedrückt: Zimoun bringt raumfüllend Mikrostrukturen auf verblüffende Weise zum Schwingen. Wie in einem Windkanal zittert hier etwa auf nicht offensichtliche Weise eine ganze Wand voller einseitig geöffneter, quadratischer Pappkartons vor sich hin – 364 Stück an der Zahl, mit der entsprechenden, luftig flatternden und raschelnden Geräuschkulisse. Ein im Vergleich dazu regelrecht infernalisch donnerndes Trommeln entfachen, durch einen Bewegungssensor gestartet, 280 geschlossene, gleichartige Kartons im Raum dahinter: zu einem gigantischen Halbkreis gestapelt, werden sie von Pingpong-Ball-großen Schlegeln an beweglichen Drähten beklöppelt. Der akustische Effekt ist enorm. Beide Ausstellungen hätten ursprünglich bis 7. Juni laufen sollen und wurden nun nach der zwischenzeitlichen Schließung der Stadtgalerie aufgrund der Corona-Pandemie bis 2. August verlängert.

Parallel zu diesen Ausstellungen erstrahlt der Innenhof in neuem Licht: Mit der Leuchtkasten-Installation „EbayAesthetics29,82m“ sind 21 Fotografien der deutsch-russischen Künstlerin Ida Kammerloch zu sehen. Kammerloch studierte Freie Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste des Saarlandes (HBK Saar).

Zimoun 2_KEK4652 : Pappkartons wie im Windkanal Foto: Kerstin Krämer

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