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"Die blitzenden Waffen" von Robert Pfaller

Robert Pfallers „Die blitzenden Waffen“ : Von Geistesblitzen und schönen Formen

Formen bestimmen unser Leben mit, nicht nur wenn es um Höflichkeit und Charme geht. Warum Formen für Gesellschaften so wichtig sind, hat der österreichische Philosph Robert Pfaller in seinem Werk „Die blitzenden Waffen – Über die Macht der Form“ erörtert.

Nicht nur Schwerter und Karosserien blitzen, auch Worte tun es. Der antike Rhetoriker Quintilian formte aus dieser Einsicht das griffige Bonmot ,,Nicht nur mit scharfen Waffen kämpfen, sondern auch mit blitzenden“, das dem neuen, bisweilen die ein oder andere theoretische Pirouette zu viel drehenden Buch des österreichischen Philosophen Robert Pfaller seinen Titel verlieh. „Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form“ heißt es und würdigt die Bedeutung und dramaturgische Kraft, die der Form in sozialen Verhältnissen zukommt.

Pfallers Buch macht klar, dass Formbewusstsein dabei vielerlei bedeuten kann: Höflichkeit und Charme etwa, aber auch Sprachwitz, Eloquenz, Gedankenschärfe. Ganz allgemein gesprochen untersucht der an der Kunstuniversität Linz Philosophie lehrende Philosoph, in welch‘ unterschiedliche Gewänder Kulturpraktiken heute gekleidet werden. Mal munitioniert er sich dabei mit Ludwig Wittgenstein und Ferdinand de Saussure, mal mit Roland Barthes und Jacques Lacan, mal mit Karl Marx und Friedrich Engels. Die Grundidee zu seinem Buch aber verdankt Pfaller wohl dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der die Postmoderne und in deren Nachfolge den Neoliberalismus dafür geißelte, uns unseres Spieltriebs beraubt zu haben und damit jener „rituellen Masken der Geselligkeit“ (Sennett), ohne die moderne Gesellschaften auseinanderfallen.

Pfallers Formstudie, die im Stil eines philosophischen Essays daherkommt, mündet immer wieder in einen gesellschaftlichen Appell, mehr Form- und Stilbewusstsein zu zeigen, da unser Zusammenleben durch eine „bemerkenswerte Formvergessenheit“ gekennzeichnet sei. Formbewusstsein – als Ausdruck sozialen Umgangs oder als Anerkennen der Bedeutung von Ästhetik – könnte, so Pfaller, in diesen Zeiten fortschreitender kultureller Differenz und Selbstbezogenheit zu einer verbindenden Kraft werden: Geselligkeit statt Vereinzelung, Anteilnahme statt Gleichgültigkeit, Esprit statt Eintönigkeit, Stil statt Banausentum, Zivilisiertheit statt Verkommenheit.

Pflegt die Form! Dies legt das Buch uns nahe. Form kann dabei vieles meinen: einen sprachlichen Ausdruck, eine ästhetische Gestalt, eine verlockende Erscheinung, eine soziale Geste. Um es in Pfallers Worten zu sagen: „Warum verfangen bestimmte Werbeslogans und andere nicht? Was lässt uns bestimmte Autos lieben (…)? Was ist es, das einen wissenschaftlichen Titel nicht nur informativ und klar macht, sondern auch die Leser neugierig werden lässt und sie mit Lust auf die Lektüre infiziert (…)? Was berührt uns an einem Kunstwerk (…)? In welchen Worten muss ein Rat an unsere beste Freundin formuliert sein, um ihr aus einem Schlamassel helfen zu können?“ Das gesellschaftliche Spektrum dessen, was Pfaller unter Formbewusstsein subsumiert, reicht weit.

Wer „blitzende Waffen“ hört, assoziiert damit nicht von ungefähr schnell „Gedankenblitze“. Da Pfaller mehr an Erkenntnisgewinnung als an Erkenntnisverwaltung gelegen ist, weiß er um die produktive Kraft des Geistesblitzes, der Dinge gedanklich in Bewegung bringt. Was damit gemeint ist, dekliniert er auf erfrischende Weise im Bereich der Kunst durch: Heutige Kunst büße immer öfter vor lauter Metaebenen, Katalogtextbeglaubigungen und gesellschaftlicher Zweckdienlichkeit ihr wahres Herz – ihre originäre Form, ihre Materialität – ein.

Pfaller erinnert uns an das Urgesetz der Kunst: „Die Würde, die Faszination und damit auch die transformative Kraft der Kunst kann sich nur dann entfalten, wenn die Kunst keinen Zweck außer sich selbst zu erfüllen braucht.“ Anders gesagt: Kunst, die Originäres sucht, illustriert nicht. Aus guten Gründen erinnert Pfaller in dem Zusammenhang an die letzte Kasseler Weltkunstausstellung, die „documenta 14“ von 2017. Sie krankte genau daran: Das Gros der ausgestellten Werke gab die Form zugunsten von Inhalt auf. Mit großer Forschergeste wurden sie politisch und kulturwissenschaftlich aufgebläht, was indes nur einer Verbrämung „recht dürftiger künstlerischer Ergebnisse“ (Pfaller) diente. In scharfer Abgrenzung hiervon verdeutlicht das Buch, dass Schönheit eine „Erkenntnisschleuse“ ganz eigenständiger Art ist und nicht nur Dekor – weshalb ihr „Blitzen“ denn auch erst für die nötige Schärfe unserer sozialen Waffen sorgt.

Die Schärfe von Pfallers eigenen argumentativen Waffen lässt indessen mitunter zu wünschen übrig. Etwas mehr Anschaulichkeit in der weit auskragenden und dabei teilweise versandenden philosophischen Argumentation hätte durchaus schon sein dürfen.

Ein roter Alfa Romeo ziert Pfallers Buchtitel. Foto: S.Fischer Verlag

Robert Pfaller: Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form. S. Fischer, 283 Seiten, 22 Euro