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Die 13. „Nacht der schönen Künste“ in Saarbrücken

Die 13. „Nacht der schönen Künste“ in Saarbrücken : Durch die Nacht mit Kunst und Götterspeise

Die 13. „Nacht der schönen Künste“ in Saarbrücken hat am Freitag viel aufgeboten – vor allem im Garelly-Haus und der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK). Wir haben uns umgeschaut.

„Ich hab’ gehört, dass Siebdruck arschteuer ist.“ Ein juveniles Männertrio fachsimpelt vor Papierstudien in der Tante Guerilla. Hier, in hippem Ambiente in der Eisenbahnstraße, hängen Schwarzweiß-Fotos mit Impressionen aus Paris und Arbeiten mit Tusche, Kohle und Siebdruck zwischen Kleidern und Accessoires – in einem Geschäft, das eigentlich auf Streetwear und Grafikservice für Textilien spezialisiert ist. Am Freitagabend jedoch hat es sich in eine Galerie verwandelt, in der eine Bar, Liegestühle und neben einem Holzsteg drapierte Fahrräder Urlaubsflair verbreiten. Anlass ist die 13. „Nacht der schönen Künste“, bei der man einer Route quer durch Saarbrücker Werkstätten und Ateliers folgen kann.

Von außen mutet die Tante Guerilla an diesem lauen Sommerabend freilich eher an wie eine Kneipe, vor deren Tür sich ein Pulk junger Leute mit Bierbuddeln in der Hand staut. Ein paar Meter weiter, vorm Garelly-Haus, sieht‘s ähnlich aus, nur dass sich hier zu den Jungen auch jung Gebliebene hinzugesellen. Es scheint, als ob Gerstensäfte, insbesondere aus Stubbiflaschen genossen, und andere bewusstseinserweiternde Substanzen bei der Rezeption schöner Künste eine wie auch immer geartete wichtige Rolle spielten – eine Vermutung, die sich zu vorgerückter Stunde auch gegenüber bei der nächtlichen Party im Innenhof der Hochschule der Bildenden Künste (HBK) verfestigt.

Garelly-Haus und HBK sind die beiden Epizentren der Veranstaltung. Vor allem das Garelly-Haus, ein in ständigem Wandel befindlicher und von unterschiedlichen Sparten bespielter Ort der Kunst und Soziokultur, ist so was wie die Schaltzentrale: Von den insgesamt 80 beteiligten Künstlern, die zwischen Malstatt und Feldmannstraße, zwischen Nauwieser Viertel und Keplerstraße ausstellen, interagieren, musizieren und performen, tummelt sich hier gut die Hälfte. Hier trifft man auch die beiden Organisatoren der Aktion: den Experimentalfilmer und Fotokünstler Volker Schütz und die Grafikdesignerin und Fotografin Rachel Mrosek. Wobei Mrosek nur kurz vorbei schaut und gleich wieder zurück eilt zum anderen Hauptstandort – zu den „HBK-Menschen“, wie Schütz genderneutral formuliert.

 Große Augen und Gemälde auf rotem Sand: Kunst von Yannik Herter in der HBK.
Große Augen und Gemälde auf rotem Sand: Kunst von Yannik Herter in der HBK. Foto: Kerstin Krämer

Dass an diesem Abend die Abschluss-Ausstellungen der HBK plus die Absolventenfeier in die „Nacht der Schönen Künste“ integriert sind, begreifen die beiden als Bereicherung. Zumal viele HBKler den zusätzlichen Raum nutzen und ihre Arbeiten auch im Garelly-Haus zeigen – der Mangel an Präsentationsmöglichkeiten war denn auch der Grund, warum die „Nacht der Schönen Künste“ vor 13 Jahren von der HBK-Absolventin Bernadete Fernandes initiiert wurde, erinnert Schütz.

Ausdrücklich distanziert sich die Kunstnacht vom städtischen Tag der Bildenden Kunst: „Dort darf ja jeder mitmachen!“, schnaubt Schütz. Für die Schönen Künste aber muss man sich bewerben. Schütz: „Zu einem Drittel werden die Teilnehmer liebevoll und behutsam ausgewählt und kuratiert und mit dem für ihr Schaffen am besten passenden Ort verknüpft.“ Ein weiteres Drittel werde nach dem Zufallsprinzip oder als thematische Bereicherung akkreditiert; die dritte Gruppe stellten etablierte Saarbrücker Künstler. „Wir streben nach einer Mischung aus Mitmach-Sachen, Hochakademischem und Straßenkunst“, erläutert Schütz.

 Nika Jonsson bei ihrem Auftritt im Garelly-Haus.
Nika Jonsson bei ihrem Auftritt im Garelly-Haus. Foto: Tobias Keßler

Genau das spiegelt das bunte Treiben im Garelly-Haus wider. Unten kniet Alexander Karle und fegt mit einem Handkehrer den Eingang, weil sich Teile seiner Maden-Installation im Schaufenster selbständig gemacht haben. Der große Saal im ersten Stock mutet an wie eine Insel-Kolonie der Kunst, wo sich alle paar Meter etwas Neues auftut – hier Wachsminiaturen, da eine Holzskulptur; dort Analog-Fotografie auf handgemachtem Fotopapier, daneben Selbstgewebtes, gegenüber ein Ordnungsversuch an einem kleinteiligen Reisesammelsurium und zig anderes.

Mittendrin eine Musikbühne, auf der bei gedimmtem Saallicht ein Quartett namens „Hitzestau, Martha und die Tiere“ ein „Wohnzimmer-Lo-Fi-Spektakel“ psychedeliert oder die Sängerin Nika Jonsson solo mit hypnotischem Experimentalpop am Keyboard verhext. Temporäres Tattoo gefällig? „Oder magst Du Dir ein Porträt einschleimen lassen?“ lotst Schütz Besucher an den Stand von Kai G. Klein. Der übermalt Fotos, geschützt durch eine Glasscheibe oder Klarsichtfolie, mit Honig, Wackelpudding oder Gelatine, fügt Salz oder Zucker hinzu und fotografiert das Ganze mit Blitzlicht ab: Durch die Reflexion des Gallerts entstehen ganz neue Bilder, die das ursprüngliche Motiv verfremden.

Noch spektakulärer sind die leuchtenden Aufnahmen von Rosita Hofmann. Sie kooperiert mit einer Saarbrücker Radiologiepraxis und tut, was für panische Klaustrophobiker der blanke Horror wäre: Hofmann zwängt sich freiwillig in ein MRT-Gerät, um das Kernspin als Kamera für Innenansichten ihres Körpers zu nutzen. Dabei spielt sie mit unterschiedlichen Haltungen; die frappierenden Aufnahmen färbt sie danach digital ein, um die Formen noch besser sichtbar zu machen.

Geradezu monumental mutet dagegen in der HBK die Diplomausstellung des Absolventen Yannik Herter an. Sein Triptychon „Biosphere dream reality reflector“ aus Malerei und Installation beansprucht ein ganzes, mit Sand ausgeschüttetes Atelier – eine kontemplative Oase der Stille inmitten all des Trubels rundum.

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