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Epidemie in der Kunst: Dichter zwischen Pest und Cholera

Kostenpflichtiger Inhalt: Epidemie in der Kunst : Dichter zwischen Pest und Cholera

Pandemien wie jetzt die Corona-Seuche zwingen Menschen in Ausnahmesituationen, bringen auch das Beste und das Schlechte in ihnen zum Vorschein. Darum fordern sie auch Künstler heraus. Camus’ „La peste“ und Thomas Manns „Tod in Venedig“ sind nur zwei berühmte Beispiele.

Nein, immun war und ist auch die Kunst nie gegen die große Seuchen. Im Gegenteil: Summiert man mal grob allein das Literarische, scheint die Ansteckungsgefahr am Schreibtisch sogar besonders hoch. Thomas Mann (1875-1955), dieser ewige Kränkler, der schon mit diversen Unpässlichkeiten ganze Tagebuch-Strecken zu füllen vermochte, suhlte sich beim Dichten geradezu im Moribunden. Ob nun auf dem „Zauberberg“, wo er die Schwindsucht blühen ließ bis hin zu seiner Form des erotischen Exzesses, dem Austausch von tuberkulösen Röntgenbildern, oder in seinem pandemischen Meisterwerk „Tod in Venedig“. Die Lagunenstadt wird darin von der Cholera gepackt, während der alternde Dichter Gustav von Aschenbach unter der verbotenen Leidenschaft für den bildschönen Jüngling Tadzio leidet – bis ihn der Seuchentod von dieser Liebesqual, fast gnädig schon, erlöst.

Bemerkenswert ist da auch, wie hellsichtig Manns Novelle von 1911 sich über 100 Jahre später liest. „Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zu Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übers Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfen aufgetaucht...“ Zwar war es nicht Corona, sondern die Cholera, und der Erreger kam aus Indien, nicht aus China; aber wer seinen Thomas Mann kennt, der hätte ahnen können, dass die Beschwichtigungsreden diverser deutscher Politiker vor ein paar Wochen vor allem eines waren – heiße Luft.

In Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ hat die Cholera die Lagunenstadt im Griff. Foto: dpa

Krankheiten, die massiv und tödlich ins Leben der Menschen einschneiden, Tausende dahinraffen, zählen zum Ur-Inventar der Dichtung. Schon in der „Ilias“ von Homer, der bereits 1200 vor Christus, vielleicht auch erst um 850 vor Christus wirkte, kommt der Schwarze Tod über die Kämpfer vor Troja. Übrigens, jemanden für dieses Unheil die Schuld in die Schuhe zu schieben, wie US-Präsident Donald Trump das tat, indem er beim Corona-Virus fix die Demokraten anschwärzte, ist ein schon seit der Antike bewährter Trick. Gott Apoll strafte damals die Griechen mit der Pestilenz. Genutzt hat es bekanntlich nichts. Am Ende sind sie ja doch siegreich – dank der List des Odysseus. Das Verderben in epidemischen Ausmaß greift da als Schicksalsmacht ins dichterische Spiel ein, gibt der Handlung unerwartet eine Wendung, zeigt dem Menschen aber auch exemplarisch seine Grenzen auf.

Der Roman „La peste“ gehört zu Albert Camus’ Meisterwerken. 1957 bekam er den Literatur-Nobelpreis. Foto: dpa/dpa INP

Andererseits war Dichtung, gerade in frühen Zeiten, oft zugleich ein Spiegel, wie das Leben und Sterben der tatsächlichen Menschen seinerzeit war. Der römische Dichter Ovid etwa, der um Christi Geburt lebte, berichtet in seinen „Metamorphosen“ so kunstvoll wie drastisch über das Wüten der Pest, wie sie Tier und Mensch verdirbt. Weitere 1300 Jahre später setzt Giovanni Boccaccio (1313-1375) in „Il Decamerone“ ebenfalls dem Schwarzen Tod ein Denkmal. Doch darf man sein Werk durchaus auch als historische Quelle für die verheerenden Pest-Wellen in den 1340er Jahren lesen. Das Verderben aber nutzt der große Humanist Bocaccio auch grandios als Katalysator seiner Wortkunst: Sieben Frauen und drei Männer flüchten sich 1348 auf einen toskanischen Landsitz. Während draußen die Seuche tobt, vertreiben sich die jungen Adligen die Zeit mit Geschichten erfinden. Heiteres, Ernstes und viel Sinnliches erzählen sie sich; Tod und Eros meisterlich gepaart. Was aber wohl auch einfach sehr menschlich ist. In unseren Quarantäne-Zeiten des Coronavirus sind denn nicht nur Nudeln Mangelware, auch Sexspielzeug soll sich angeblich um bis zu 40 Prozent besser verkaufen.

Was Schriftsteller so sehr an den Seuchen reizt, liegt auf der Hand. Bei Cholera, Pest und eben jetzt Corona herrscht Ausnahmezustand, es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Dann bröckelt schnell auch die dünne Schale der Zivilisation, und sei es nur, dass sich Hamsterkäufer um die letzte Rolle Klopapier balgen. Der Umgang mit der Bedrohung wird dann auch zum Prüfstein für Mitmenschlichkeit. Kein Autor hat das so prägnant zu Papier gebracht wie Albert Camus 1946 in „La Peste“, ein Buch, an dem er fünf Jahre schrieb. Erst sind es nur ein paar Ratten, die in der algerischen Küstenstadt Oran die Bedrohung ankündigen, dann aber kommt der Tod dutzendfach, hundertfach. Manche grenzen die Kranken aus, wenden sich ab, um sich selbst zu retten, andere beten nur; der Arzt Bernard Rieux aber hilft, arbeitet bis über die Erschöpfung hinaus, entzündet mit seinem unbedingten und selbstlosem Engagement eine Fackel im Dunkel der Hoffnungslosigkeit. Mancher hat Camus’ Roman vielleicht noch als Französisch-Oberstufenstoff in Erinnerung mit quälenden Übersetzungsübungen. Doch selten war er so wiederlesenswert wie heute.