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Das Programm des Perspectives-Festivals
Erschütterndes Theater und Zirkus im Garten

 Terror ohne Worte: Mit fast 3000 Miniatur-Puppen spielt „Hotel Modern“ in dem Stück „Kamp“ den grauenvollen Alltag im KZ Auschwitz nach.
Terror ohne Worte: Mit fast 3000 Miniatur-Puppen spielt „Hotel Modern“ in dem Stück „Kamp“ den grauenvollen Alltag im KZ Auschwitz nach. FOTO: Leo van Velzen / Leo voan Velzen/Perspectives
Saarbrücken. Das 42. deutsch-französische Theaterfestival Perspectives bietet vom 6. bis 15. Juni wieder Zirkus, Tanz, zeitgenössisches Theater und Performances. Neben einem unterhaltsamen Familienprogramm geht es auch um ernste, brandaktuelle Themen wie Missbrauch, Migration und Erinnerungskultur. Von Esther Brenner
Esther Brenner

Großer Andrang herrschte auch in diesem Jahr bei der Vorstellung des Perspectives-Programms gestern. Ins „Jules Verne“ in Saarbrücken hatten es dieses Mal allerdings viele der Partner und Sponsoren des Festivals aus terminlichen Gründen nicht geschafft, wie Doris Pack (CDU) von der das Festival tragenden Stiftung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit, mitteilte. Viel Neues hätten sie ohnehin nicht berichten können. Es läuft gut wie seit vielen Jahren bei den Perspectives, das Budget ist stabil (865 000 Euro), das Team eingespielt. Und so konnte man ziemlich rasch zum Spannenden übergehen – dem eigentlichen Programm.


Festival-Chefin Sylvie Hamard und ihr Team haben für die 42. Ausgabe wieder interessante Produktionen eingeladen. In guter Tradition wird auch diese Ausgabe mit einem Stück für die ganze Familie eröffnet, das „mit Sicherheit gute Laune macht“, kündigte Hamard an. Los geht es also am 6. Juni vor dem Saarbrücker Staatstheater im Zirkuszelt der Compagnie „Le P’tit Cirk“, die nur aus fünf Künstern besteht, deren akrobatische (und musikalische) Manöver sich hauptsächlich um Gitarren drehen. „Sie werden das Publikum verzaubern“, ist Sylvie Hamard sicher. Mit Stimme und Körper arbeiten die beiden Zirkus-Künstlerinnen von „La June“, die ihr Stück „Dru“ an Pfingsten in der Feuerwache zeigen.

Der „Cirque nouveau“ in französischer Tradition ist seit Jahrzehnten ein Schwerpunkt der Perspectives. So auch in diesem Jahr, in dem man den Garten des Saarbrücker Pingusson-Baus (ehemaliges, jetzt leerstehendes Kulturministerium unter Denkmalschutz) wieder fürs Publikum öffnen wird – dieses Mal für zwei Tage. Dort können die Gäste am Pfingstwochenende kostenfrei Musik und kürzere, innovative Zirkuseinlagen erleben. „Wir hoffen, dass wie im letzten Jahr viele Familien den Tag mit uns verbringen“, sagte die Festivalleiterin. Zeitgenössischen Zirkus wolle man auch in Deutschland fördern. Deshalb wird es parallel erstmals ein Zirkus-Netzwerktreffen geben.



Die ganz großen Namen wie Milo Rau im vergangenen Jahr, Christoph Marthaler (2017) oder „Rimini Protokoll“ fehlen zwar. Mit Angelin Preljocaj kommt allerdings ein französischer Choreograf von Weltrang nach Saarbrücken, der bereits vier Mal bei den Perspectives gastierte. Am 11. Juni werde er im Staatstheater zu Gast sein, wenn dort ein Doppelabend mit zwei seiner Choreografien über die Bühne geht. „La Stravaganza“, eine weltweit gefeierte Arbeit für das New York City Ballet von 1997, hatte das Saarländische Staatsballett bereits im Februar gezeigt (wir berichteten). Am 11. Juni wird außerdem die aktuelle Arbeit „Still Life“ von Preljocaj mit Tänzern seiner Compagnie zu sehen sein. Sie dreht sich um Vanitasmotive aus der barocken Malerei.

Tanz ist dieses Mal wieder ein Schwerpunkt des Festivals, das im vergangenen Jahr weitgehend darauf verzichtet hatte, weil das Staatstheater kurz zuvor sein Tanzfestival terminiert hatte. Dieses Jahr liefen die Absprachen offenbar gut, man kooperiert beim Preljocaj-Abend. Auch das Theater am Ring in Saarlouis ist wieder Spielort und zeigt am 13. Juni „Näss“ (arabisch für „die Leute“) des marokkanischstämmigen Choreografen Fouad Boussouf. Es geht um Begegnungen der Körper, choreografischen Stile verschiedener Kulturen und Musikrichtungen. „Sons of Sissy“ des Österreichers Simon Mayer, einem laut Hamard gefragten Newcomer-Choreografen, bringt den Volkstanz aus den Alpen mit zeitgenössischen Bewegungsformen zusammen. „Es ist eine radikale, verrückte, aber witzige Performance“, kündigt sie an (12. Juni, Feuerwache in Saarbrücken). Um Flucht und Vertreibung dreht sich ein Jugend-Tanzprojekt mit 65 jungen Leuten, das an Pfingsten auf den Spicherer Höhen gezeigt wird.

Zu den Höhepunkten zählt sicherlich die filmische Performance „Festen“, die auf dem vor 20 Jahren in Cannes ausgezeichneten gleichnamigen Film (dt. „Das Fest“) von Thomas Vinterberg basiert. Der Regisseur Cyril Teste, der mit „Nobody“ 2017 bei den Perspectives gastierte, und das Collectif MxM zeigen die Geschichte um eine eskalierende Familienfeier, bei der der Jubilar des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wird und andere Familienkonflikte aufbrechen, in einer filmischen Performance, bei der das Bühnengeschehen gleichzeitig gefilmt und auf eine große Leinwand projiziert wird. Es entstehe eine „beeindruckende, bedrückende Intensität“, kündigt Hamard an. „Festen“ ist eine Kooperation mit dem Forbacher Theater Le Carreau, das aber zurzeit renoviert wird, so dass im E-Werk auf den Saarterrassen – in französischer Sprache – gespielt wird (14./15. Juni).

Besonders freute sich Sylvie Hamard, dass sie das Rotterdamer Theaterkollektiv „Hotel Modern“ mit der Produktion „Kamp“ über das Vernichtungslager Auschwitz gewinnen konnte (9./10. Juni im E-Werk). Das minutiös nachgearbeitete Modell des KZs aus Pappmaché ist die Bühne. Die Künstler bewegen darin Miniaturfiguren aus Ton und Draht, filmen sie dabei live und lassen einzelne Schicksale und Grausamkeiten aus dem KZ-Alltag auf der Großleinwand sichtbar werden. Laut Hamard ist „Kamp“ „ein Meisterwerk“ des Theaters ohne Worte.

Ebenfalls vielversprechend und hochaktuell in ihrer Thematik ist die Performance „Zwischen den Säulen“ von Markus & Markus (alte Festival-Bekannte mit „Ibsen: Gespenster“ aus dem Jahr 2016). Die Künstler bringen ihre Recherche zu den fünf Säulen des Islam auf die Bühne. „Das ist mal provokant, dann wieder witzig. Auf jeden Fall verändert es die Perspektive, mit der wir auf den Islam blicken“, sagt Hamard. „Es ist ein wichtiges Stück.“ (11. Juni, Feuerwache).

Die spannenden, neuen Spielorte scheinen in Saarbrücken alle abgegrast, jedenfalls kommen keine neuen hinzu und auch der Festivalclub ist wieder am Silo im „Sektor Heimat“. Allerdings gastieren die Perspectives erstmals an zwei Orten in Saargemünd: Im Theatersaal des Rathauses zeigt Patrice Thibaud, der mit „Cocorico“ 2012 beim Festival gastierte, „Franito“, eine burleske Pantomine mit Flamenco (13. Juni). Im Saargemünder Casino des Faienceries wird es am 14./15. Juni das Objekttheater „Cendres“ um einen Pyromanen mit den großen, lebendig wirkenden Marionetten der norwegisch-französischen Compagnie „Plexus Polaire“ geben.

 Die fünf Akrobaten von „Le P’tit Cirk“ eröffnen mit ihrem Stück „Les Dodos“ das Festival am 6. Juni im Zirkuszelt vor dem Staatstheater.
Die fünf Akrobaten von „Le P’tit Cirk“ eröffnen mit ihrem Stück „Les Dodos“ das Festival am 6. Juni im Zirkuszelt vor dem Staatstheater. FOTO: Danielle Les Pierres / Danielle Les Pierres/Perspectives