Der weltbekannte Gerhard Richter wird seine Tholeyer Fenster nie sehen

Kostenpflichtiger Inhalt: Tholeyer Abtei : „Es hat mich so gereizt, dass ich bedenkenlos Ja gesagt habe“

Die Fenster der Künstlerin Maqsoodi in der Tholeyer Abtei werden zur Geschmacksfrage. Nicht für den weltbekannten Künstler Gerhard Richter.

Von Beginn an war er da, der Zweifel: Passt der gegenständliche, erzählerische Malstil der Münchner Glaskünstlerin Mahbuba Elham Maqsoodi zur „sphärischen“ Kunst von Gerhard Richter (87), eines Künstlers von Weltrang? Drei Fenster von ihm werden die renovierte Tholeyer Abtei ab 2020 zu einer Pilgerstätte der Kunstszene und zu einem touristischen Fünf-Sterne-Ziel machen. Unabhängig davon, ob sie sich mit den insgesamt 34 Maqsoodi-Fenstern in den Seitenschiffen vertragen. Trotzdem wurde just dieser Aspekt kürzlich in einem Beitrag des Saarländischen Rundfunks zur Gretchen- beziehungsweise zur Geschmacksfrage: „Gefällig, opulent, kitschig?“ lautete der Titel. Von einem „Farbenschock“ war die Rede, von „popbunter Figürlichkeit“.

Jetzt, nach einem auch in der SZ veröffentlichten Gerhard-Richter-Interview wird das Ganze zusätzlich zum Stolperstein für die Abtei. Denn deren Sprecher behauptete im besagten SR-Beitrag, Richter kenne die Werke von Maqsoodi, und, wörtlich: „Er kennt auch den konkreten Entwurf und er hat gemeint, es passt wunderbar.“ Nein, das meint Richter nicht. Aber mögliche ästhetische Disharmonien beunruhigen ihn ebenfalls nicht. „Mit mir gibt es keinen Stress“, sagte er der SZ. Auf Nachfrage meldete sich Richter gestern persönlich in der Redaktion und stellte klar, die Maqsoodi-Sache sei „nicht direkt verschwiegen worden. Man sagte, es gebe noch weitere neue Fenster. Das wurde nicht als besonders interessant hingestellt. Es war von mir vielleicht etwas leichtsinnig, direkt zuzusagen. Aber es hat mich so gereizt, dass ich bedenkenlos ‚Ja’ gesagt habe.“ Diese Darstellung deckt sich mit der der Abtei, die der SZ mitteilt, es sei mit Richter „nicht konkret“ über die Gestaltung der weiteren Fenster gesprochen worden. „Gleichzeitig wissen wir aber, dass im Laufe der Produktion der Fenster von Herrn Richter und Frau Maqsoodi mehrere Abstimmungen zu eingesetztem Material und Technik notwendig waren. Daraus haben wir abgeleitet, dass beide Künstler voneinander wissen.“ Die Produktion erfolgt in den Münchner Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei Gustav van Treeck. Dort habe man die Umsetzung seiner Muster in Glas „gut hingekriegt“, meint Richter. Das habe er an Proben abgelesen. An Ort und Stelle wird Richter diese Einschätzung nie überprüfen können. Er mutmaßt, er werde seine Tholeyer Fenster nie sehen. Zur Einweihung wäre er gerne gekommen, sagt er. Aber: „Es wird nicht gehen. Ich bin nicht gesund. Ich hatte eine Gehirnblutung, und es geht jeden Tag schlechter.“ Tholey ist keine Ausnahme. Aus seinem Kölner Atelier heißt es, der Künstler nehme grundsätzlich keine Einladungen mehr an und trete nicht mehr öffentlich auf.

Derweil ist die Abtei bemüht, einen anderen Star für die Einweihungs-Festivität im Sommer 2020 zu gewinnen, den estnischen Komponisten Arvo Pärt, der mit Richter bereits Projekte realisierte, noch dieses Jahr „Reich.Richter.Pärt“ im New Yorker Kulturzentrum The Shed. Für seine Tholey-Zusage spielte die Pärt-Verbindung eine untergeordnete Rolle, erklärt Richter. Es sei ihm nicht mehr gegenwärtig, ob ihn Bernhard Leonardy, der ihn wegen der Fenster anrief, auf Pärt ansprach: „Das Ganze ist bei mir nicht so verankert, mein Gedächtnis hat etwas gelitten.“

Der Leiter der Musikfestspiele Saar vertonte vor Jahren einen Photo-Painting-Zyklus von Richter, hielt brieflichen Kontakt, verfolgte die Richter-Pärt-Beziehung. Deshalb will Leonardy, dass Pärts Chormusik „Die drei Hirtenkinder von Fatima“, die der Musiker 2015 für ein Richter-Projekt 2015 in Manchester komponierte, zur Einweihung gespielt wird. Pärt soll die Komposition für Orgel umschreiben. Richter begrüßt das: „Da habe ich Vertrauen. Was Pärt macht, ist in Ordnung.“

Kitschig? Ein Fensterentwurf von Mahbuba Elham Maqsoodi für die Tholeyer Abtei. Foto: BeckerBredel

Und was meint Richter zu der von der Abtei gern benutzten Formulierung, der Weltrang-Künstler hinterlasse mit den Tholeyer Fenstern ein „Vermächtnis“? Nichts. Dass just diese drei Entwürfe für Tholey zum Zuge kämen, sei „Zufall“. Er habe sie sozusagen spontan aus Material seines Buches „Patterns“ ausgesucht.

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