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Der SR-Gesellschaftsabend Nr. 275 mit Lisa Eckhart.

Lisa Eckhart in Saarbrücken : „Beherzten Rassismus finde ich unästhetisch“

Was kann, darf, muss Satire? Diese Frage schwebte über dem SR-Gesellschaftsabend Nr. 275 – unter anderem mit der vieldiskutierten Kabarettistin Lisa Eckhart.

Kennen Sie das „Overton-Fenster“, benannt nach dem amerikanischen Politiker Joseph P. Overton? Der Begriff bezeichnet, salopp formuliert, den Meinungskorridor dessen, was man öffentlich sagen darf. Dieser Konsens-Rahmen moralisch, gesellschaftlich und politisch akzeptierter Inhalte ist jedoch verschiebbar: „Die Rechten haben das erkannt und nutzen es konsequent!“, mahnte Moderator Alfons am Samstag beim SR-Gesellschaftsabend Nr. 275.

Der kam endlich nicht mehr aus dem Homeoffice, sondern wieder live aus dem großen Sendesaal, unter äußerst penibler Beachtung sämtlicher Hygienemaßnahmen. Und er hatte es in sich, nicht nur, weil mit Anna Mateur und Florian Hacke gleich zwei verdiente Gewinner des Kleinkunstpreises St. Ingberter Pfanne eingeladen waren. Vor allem schwebte eben jene Diskussion, was man in welcher Absicht wie äußern darf, über der ganzen Sendung und führte zwangsläufig zur schon von Kurt Tucholsky vor 100 Jahren aufgeworfenen Frage „Was darf Satire“? Schließlich war auch die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart zu Gast, die wegen eines zwei Jahre zurück liegenden (!) provokativen Auftritts in der WDR-Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ nun unlängst der Bedienung antisemitischer Klischees bezichtigt und deswegen vom Harbour Front Literaturfestival in Hamburg ausgeladen worden war. Ein panisch vorauseilendes Einknicken, das an das opportune Zurückrudern des WDR anlässlich der „Umweltsau“-Debatte erinnert, auch wenn der Empörungswind da aus völlig anderer Richtung wehte. „Die Menschen werden immer empfindlicher“, seufzte Eckhart.

Klar, dass Alfons beim Sofa-Plausch nachhakte und entwaffnend voraus schickte: „Ich glaube nicht, dass Du Antisemitin bist!“ Worauf Eckhart in ihrer unnachahmlich affektierten Art maliziös die Lippen schürzte und erwiderte: „Beherzten Rassismus finde ich unästhetisch. Solche Leute können an meinen Duktus keine Freude haben.“ Aber natürlich habe die Debatte sie getroffen: „Man steht staunend vor der Garstigkeit und sorgt sich in größerem Kontext.“

Womit wir wieder bei Overton wären: Alfons nutzte das Beispiel, um die Toleranz-Dehnungs-Strategie diverser Rechtsaußen-Politiker zu entlarven, zu der auch heuchlerisch beschwichtigendes Zurückrudern gehört. Eckhart und Zurückrudern? Eine groteske Vorstellung. Die setzt lieber noch eine Provokation drauf gemäß der Devise, dass man über alles lachen kann, bloß nicht mit jedem. Nur nach oben könne man nicht lachen, meinte Eckhart, weil der Humor schon das Höchste sei, „die schönste Form der Hybris.“ Höflich müsse man halt sein.

Tatsächlich hat‘s eine fulminant liebenswürdige Boshaftigkeit, wenn die 28-Jährige, so wie hier, das groteske Szenario eines ostdeutsch-österreichischen, kaiserlich-kommunistischen K&K-Kalifats entwirft und den Saarländern als ewig Abgehängten empfiehlt, sich anzuschließen: „Die einzige Alternative fürs Saarland ist Österreich: Wenn Sie schon geführt werden wollen, dann greifen Sie zum Original!“ Von erfrischend morbider Komik zeugt auch ihr Debütroman „Omama“ – zumindest das hier verlesene Kapitel über eine Busfahrt nach Ungarn, bei der Eckharts Großmutter ihre Geschäftstüchtigkeit als Schmugglerin beweist.

Die Frage, was im Wandel der Zeiten konsensfähig ist und ob Satire nach oben oder unten schießen darf oder muss, griff auch Florian Hacke auf. Der bekennende Elternzeitler, Feminist und Emanzipator gab mit dem Lied „Femizid“ eine zynische Antwort auf Georg Kreislers Frauenmörder „Bidla Buh“ und schoss damit auch gegen (schein-)heilige Kühe und ebensolche Diskussionen. Daneben sinnierte er über Wesen und Wert von Arbeit, ätzte gegen Normen-konforme Kinderbücher und dimmte Grimms Märchen auf bildungsprekäres Telenovela-Niveau herunter.

Vor der unheilvollen Sprachzersetzung rechter Kreise warnte mit einer zornigen Dada-Tirade auch die stimm- und wortgewaltige Anna Mateur. Sie trat mit dem Akustik-Gitarristen Kim Efert an, zog alle Register von zerbrechlich bis bluesig und rau – und stimmte einen nachdenklich mit einer sarkastischen Dystopie über Heime mit Pflegerobotern.