| 19:00 Uhr

Saarland-Krimi „In Wahrheit“ am Freitag bei Arte
„Willkommen im Ghetto“, wo jeder jeden kennt

 Sinnieren am See: Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) und Kollege Freddy Breyer (Robin Sondermann) am Tatort. Die Szene spielt in Deutschland, gedreht wurde aber bei Freyming-Merlebach – gegenüber Karlsbrunn/Großrosseln auf der deutschen Seite. 
Sinnieren am See: Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) und Kollege Freddy Breyer (Robin Sondermann) am Tatort. Die Szene spielt in Deutschland, gedreht wurde aber bei Freyming-Merlebach – gegenüber Karlsbrunn/Großrosseln auf der deutschen Seite.  FOTO: © ZDF/Network Movie / ZDF/Network Movie
Saarbrücken. An Karfreitag läuft der dritte „In Wahrheit“-Saarlandkrimi zum ersten Mal im Fernsehen. „Still ruht der See“ erzählt neben dem Krimifall auch vom Saarland – mit einem nicht immer schmeichelhaften Blick. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Engstirnige Lokalpatrioten und Saarland-über-alles-Denker werden diese Sätze nicht gerne hören. „Es ist so eng“, sagt die Kommissarin über ihre saarländische Heimat, „ich habe das so gehasst, als ich hier aufgewachsen bin. Deshalb wollte ich hier weg.“ Und setzt noch einmal nach. „Ich wollte irgendwohin, wo man frei denken kann.“ Oha. Welch ein Kontrast zum ersten Film der Saarlandkrimi-Reihe „In Wahrheit“, der zur wohligen Einstimmung erstmal die Drohnenkamera über die Saarschleife schweben ließ – ein geradezu mystischer Ort, an dem sich ja auch schon das Duo Schröder/Lafontaine ablichten ließ und das SR-Kommissars-Duo Kappl und Deiniger.


Im dritten „In Wahrheit“-Film, der an Karfreitag zum ersten Mal im Fernsehen läuft – „Still ruht der See“ –, hat sich der Blick auf das Saarland im Vergleich zum Debüt verändert; es wird nicht geschwenkt, anders als im finalen SR-„Tatort“ mit Devid Striesow (als Zeichen der geglückten Integration eines aus dem „Reich“ Zugezogenen); sondern  es fallen Sätze wie „Hier kennt jeder jeden“ und, wenn auch eher flapsig gemeint, „Willkommen im Ghetto“.

 Was wissen sie über den Tod des 16-jährigen Marlon? Matti Schmidt-Schaller als Lukas, Devrim Lingnau als Nesrin.
Was wissen sie über den Tod des 16-jährigen Marlon? Matti Schmidt-Schaller als Lukas, Devrim Lingnau als Nesrin. FOTO: © ZDF/Martin Valentin Menke / Martin Valentin Menke


Um das Verhältnis zur alten Heimat (in ihrem Fall Großraum Saarlouis), in die die Polizistin Mohn (Christina Hecke) nach ihrer Ausbildung nun zurückgekehrt ist, geht es im Hintergrund; im Vordergrund steht eine klassische Krimi-Handlung. Der 16-jährige Marlon wird tot von seiner Mutter in einem See gefunden, nahe einer alten Bergarbeitersiedlung. Sein Körper ist übersät mit blauen Flecken, der Kreis der Verdächtigen mittelgroß: War es jemand aus der örtlichen Jugendclique, die so wenig Mitgefühl hat, dass sie fast kollektiv grinsend bei der Bergung des Toten zuschaut? (Immerhin zückt niemand sein Handy). Ein Blondschopf namens „Number 6“ käme in Frage, der treue zweite Mann (und Schläger, wenn es sein muss) des Rudelführers Sharif, eines Schmierlappens in muskelbetonendem Tanktop. Auch er soll zuletzt mit Marlon aneinandergeraten sein.

Marlons Vater ist ebenfalls verdächtig – er, der als Hobby Zinnsoldaten anpinselt und an Schlachtenlandschaften werkelt, hat seine väterliche Pädagogik gerne mit Schlägen unterstrichen. Da bedient „Still ruht der See“ (Regie, Kamera und Ko-Drehbuch: Miguel Alexandre) kompetent die bewährte Krimi-Mechanik: Ein Tableau von Verdächtigen wird aufgeblättert, und manche Fährten erweisen sich als Holzweg in einem Fall, in dem es nur scheinbar um Kleinkriminalität und um das Verhökern gefälschter Turnschuhe geht.

Etwas irritierend bis peinlich ist allerdings die „Produktionshilfe“, wie es im Abspann heißt, seitens der BMW AG. Schleichwerbung ist ja dann am besten, wenn sie tatsächlich schleicht – diese hier aber trampelt. Ständig wird mit einem Wagen der Bayerischen Motoren-Werke vorgefahren, ausgestiegen, wieder eingestiegen, weggefahren; und ein Mädchen im Fonds sagt einmal: „So ein Auto will ich später auch mal fahren.“ Statten öffentlich-rechtliche Sender ihre Produktionen mit so wenig Geld aus, dass die sich von Werbepartnern aushelfen lassen, die sich dann im Drehbuch gewürdigt wiedersehen wollen? Hoffentlich nicht.

Abgesehen davon ist „Still ruht der See“ eine Steigerung zu dem ersten, etwas spröden Auftakt „Mord am Engelsgraben“. Neben der soliden Krimihandlung, die sich auch mit Gruppendruck, sexueller Ausbeutung und männlicher Dominanz beschäftigt, gewinnt die Hauptfigur, Kommissarin Mohn, an Tiefe. Das Saarland hat sie einst verlassen, frustriert von einer gewissen Enge – nun ist sie wieder da und begegnet einer Mischung aus Neid und Komplexen der Hiergebliebenen, nicht zuletzt bei ihrer Mutter, die sie 20 Jahre nicht besucht hat – denn die hatte das  Studium der Tochter torpediert, indem sie den Brief mit der Zulassung verschwinden ließ. Dass sich die Kommissarin jetzt wohl für „etwas Besseres“ halte und vergessen habe, wo sie herkommt, das hört sie mehr als einmal.

Bebildert ist das nun weder mit betonten Ödnisbildern oder den touristischen Postkartenmotiven, eher mit einer saarländischen Alltäglichkeit. Die fand das Team, unterstützt von den Saarland Medien, im Saarbrücker Schloss, der Innenstadt, Saarbrücken-Malstatt, in der ehe­maligen Bergarbeitersiedlung Villerupt und in Freyming-Merlebach – dort liegt der titelgebende See.

Die Ermittler sind in ihrer Normalität ohne Spleens oder größere Psychokrisen (siehe manche ARD-„Tatorte“) wohltuend alltäglich. Dass das Drehbuch manchen Zufall bemüht, damit etwa der alte Kollege Zerner (Rudolf Kowalski) nochmal mitmischen kann, stört nicht weiter, ist man doch froh, dass er dabei ist. Eine andere Drehbuch-Idee könnte man als konstruierten Zufall kritisieren, wenn das Ganze nicht im Saarland spielen würde. Da trifft Kommissarin Mohn ausgerechnet im Umfeld der verdächtigen Jugendclique ihren Cousin, den sie 20 Jahre nicht gesehen hat. In jedem anderen Bundesland wäre das ein Riesenzufall, nicht aber im Land der kurzen Wege.

Karfreitag, 20.15 Uhr, Arte. Außerdem am 1. Mai um 13.50 Uhr. In der Arte-Mediathek zu sehen vom 19. April bis 19. Mai.