Mondlandung : Habis a conducondes ve, fuideora con

Lange bevor Neil Armstrong am 20. Juli 1969 seinen Fuß auf den Mond setzte, waren Dichter, Musiker und Filmemacher schon da. Mal verliebt in Frau Luna, mal landeten sie der dunklen Seite des Erdtrabanten.

"A Trip to the Moon" 1902 Scene Still [ Rechtehinweis: picture alliance/PictureLux ]. Foto: picture alliance / PictureLux/Th/dpa Picture-Alliance / The Legacy Collection

Sonne, Mond und Sterne sahen unsere Ahnen ja schon gerne: Zum Beweis dafür funkelt uns, seit Raubgräber vor 20 Jahren bei Nebra auf einer Wiese buddelten, eine wunderbare Himmelsscheibe entgegen. Was genau das ist, High-Tech-Kalender der Bronzezeit oder ein faszinierend frühes  Weltraumbild – wir dürfen weiter rätseln. Geradezu „Mondsüchtig“, wie 1987 die angeblich noch gänzlich ungeliftete Cher in Diensten Hollywoods, schaute der Mensch wohl immer schon zum Nachthimmel auf.  Als Inbegriff deutscher Romantik malte Caspar David Friedrich in den 1820er Jahren „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“. Was die Herren wohl dort zu sehen glaubten? Das Unentdeckte und Unbekannte ihrer selbst? Gut möglich, der Mond war eben „der“ Sehnsuchtsort – und somit ideale Projektionsfläche für Künstler. Als Sonne der Somnambulen muss er ja auch magische Kräfte haben. Man kann sich schauend in ihm verlieren, sein geliehenes Licht blendet nicht wie das der Sonne. Schopenhauer wusste das natürlich klüger zu sagen: „Endlich wird der Eindruck des Erhabenen auch dadurch befördert, dass der Mond leuchtet, ohne zu wärmen, worin gewiss der Grund liegt, dass man ihn keusch genannt hat.“ Keusch? Na ja, das behauptete ein Philosoph, der lieber mit seinem Pudel Gassi ging als zu poussieren. Und überhaupt ist der Mond überall dort, wo einst Germanen hausten, männlich. Für Franzosen, Italiener und Spanier rundet sich der Himmelskörper aber Monat für Monat verlockend weiblich. Eine große Verführerin, diese Frau Luna. Italiens parfümierter Großkünstler und Duce-Freund Gabriele d‘Annunzio etwa besang den „Abnehmenden Halbmond“ wie eine einzige schwülstige Verlockung. Wie auch immer: Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 seinen Menschheitsschritt auf den Erdtrabanten machte, waren Dichter und Denker, Musiker und Filmemacher längst da. Vorneweg ein Hieronymus Dampf in allen Gassen, Baron Münchhausen. Dutzendfach wurden seine Abenteuer erzählt und verfilmt. Und glauben wir doch mal kurz dem Lügenbaron: Dann ist der Mond eine lieblich blühende Landschaft. Von wegen Staubwüste, wie die Amerikaner uns mit ihren Mondaufnahmen weismachen wollen. Manche halten ja auch die Apollo-Missionen für das fiktionalste aller Mondmärchen. Auch Operettenkomponist Paul Lincke stattete „Frau Luna“ 1899 schon einen amüsierten Besuch ab; dabei ging’s da oben ab wie auf einer Vergnügungsmeile, ein echter Lunapark eben. Womit sich gleich noch die Frage stellt, wie kommt man eigentlich hin – zum Mond? Münchhausen reiste fast C0²-neutral mit dem Ballon. Jules Vernes, dieser großartige Wissenschaftsfantast, empfahl 1865 im Roman „Von der Erde zum Mond“ einen Kanonenschuss.  Was für den Mann im Mond aber ins Auge ging, wie es der Filmpionier Georges Méliès 1902 zeigte. Autsch! Als Präsident Kennedy jedenfalls in den 1960ern zur Monderoberung blies, steckte das irgendwie alle an: Modeschöpfer, Spielzeug-Entwickler, Möbel-Designer. Auch bei Herrn und Frau Biedermann sah es plötzlich daheim dank knallbuntem Kunststoff in Weltraumlook aus wie auf einer Mondbasis. In den 1970 Jahren flog man denn in der Fernsehserie eben dorthin: zur „Mondbasis Alpha eins“. Eine britische Kampfansage an Hollywood-Spektakel. Die englischen Raumschiffe sahen allerdings so ärmlich aus, als seien sie schon nach dem Brexit gebaut und der Set-Designer hätte sie mit dem Revell-Baukasten zusammengeleimt. Und das Leben auf der Mondbasis? Auch nicht anders als auf der Erde, dieselben Liebeleien, dieselben Streitereien. Warum dann also hochfliegen? Irgendwie entzauberten die Apollo-Missionen den Mond auch. Ein Glück, dass Audrey Hepburn, das fragilste aller Mondmädchen, sich schon 1961 zum „Moon River“ träumte, vielleicht Henry Mancinis genialster Song. Frank Sinatra forderte 1964 singend handfester: „Fly me to the moon“, um zwischen den Sternen zu spielen; haha, wohl eher, um mit Sternchen zu spielen.  Zu entdecken war dort oben aber wohl nichts mehr, seit Armstromg da war. Pink Floyd schauten 1973 noch auf der dunklen Seite des Mondes nach. Sie waren nicht die einzigen Pop-Größen, die in diesen Jahren abhoben. David Bowie schickte „Major Tom“ ins All, Elton John den „Rocket Man“ – im Drogennebel aber ziemlich orientierungslos. Der Mond als Sehnsuchtsziel der Künstler hatte wohl endgültig ausgedient. Houston, wir haben ein Problem.
Oliver Schwambach

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