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Robert Leonardy
Der alte Tasten-Löwe kann’s nicht lassen

  Die Zeiten als Festival-Chef sind endgültig passé. Robert Leonardy widmet sich jetzt wieder verstärkt dem Klavier. Drei Konzerte gibt er jetzt im Saarland.
Die Zeiten als Festival-Chef sind endgültig passé. Robert Leonardy widmet sich jetzt wieder verstärkt dem Klavier. Drei Konzerte gibt er jetzt im Saarland. FOTO: Robert Leonardy
Saarbrücken. Von den Musikfestspielen Saar hat sich Gründer Robert Leonardy zurückgezogen. Nun hilft er im lothringischen Dieuze beim Aufbau einer Musikakademie und treibt – mit 79 – seine Pianisten-Karriere voran. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

April: Über Jahrzehnte war das der garantierte Höchstdrehzahlmonat für Robert Leonardy. Immer kurz bevor die Musikfestspiele Saar starteten. Dann fixierte er rasch noch letzte Verträge, feilte bis zur letzten Sekunde am Programmheft, bedrängte per Handy Landespolitiker, noch ein paar Tausender locker zu machen, umgarnte zwischendurch noch eine wankelmütige Sponsorin, um dank deren Geldgabe einen (allerdings längst angekündigten) Klassik-Star auch tatsächlich buchen zu können. Und ein paar forsche Anrufe in diversen Redaktionen waren auch noch drin: „Die Musikfestspiele müssen jetzt aber unbedingt auf die Seite eins...“ Ja, ein Paganini unter den Festivalmachern; wenn auch ein reichlich strapaziöser.


Und nun? Am 24. April starten wieder mal die Musikfestspiele Saar. Robert Leonardy aber sitzt entspannt im Esszimmer seiner Saarbrücker Villa. Eben hat er nebenan noch Bachs c-moll-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier in den Steinway gedonnert. Als Aperçu auf eines seiner vielen Projekte: Denn mit dem Saar-Rapper „Drehmoment“ (Markus Trennheuser) hat er aus Johann Sebastians Fingerwirbler einen Barock-Romantik-Rap-Epochen-Durchmarsch gemacht, frei nach dem Motto: Gute Musik kennt keine (Entstehungs-)Zeit. Mit dem von ihm einst initiierten Festival aber habe er nichts mehr zu tun, sagt er. Selbst das alte Festival-Büro im Souterrain seines Hauses ist längst geräumt. Die neuen Musikfestspiele haben mittlerweile eine Geschäftsstelle vis à vis der Saarbrücker Musikhochschule eröffnet. Sein Sohn, der Organist Bernhard Leonardy, führt nun die Festspiele zusammen mit der Musikpädagogin Eva Karolina Behr und der Regisseurin und Kulturmanagerin Karin Maria Piening. Ein echtes Dreier-Team statt eines Dauer-Solos von Leonardy senior. „Ich werde sicher zu vielen Konzerten gehen“, verspricht Robert Leonardy aber. Ansonsten jedoch sei das Festival, das er vor über 30 Jahren gegründet hat, für ihn Vergangenheit.

Vielen halten das immer noch für undenkbar. Kein Wunder, schließlich war der Pianist und frühere Musikhochschul-Professor über Jahre auch ein Meister des annoncierten, aber nie vollzogenen Rücktritts. „Jetzt bin ich aber glücklich, dass es vorbei ist, weil ich mich wieder mehr dem Klavierspielen widmen kann“, sagt er. Zumal er das Glück habe, trotz der 2020 nahenden 80, dass „der liebe Gott mir Hände geschenkt hat ohne Gicht, Knoten oder Rheuma, eigentlich sind sie gut wie nie zuvor“. Also sitzt er Stunden um Stunden am Flügel – und macht sich vom 5. bis zum 14. Mai zu einer kleinen Saar-Tournee auf. Parallel und in Konkurrenz zum Festival? „Es ging mit den Terminen nicht anders.“ Aha. Beethoven, Lizst und Chopins große h-Moll-Sonate hat er für Dillingen, Völklingen und St. Wendel nun vorbereitet. Er will es sich wohl nochmal beweisen.



 Das Programm der neuen Musikfestspiele aber sieht er im Grunde positiv. „Interessant, ich denke, der Bernhard macht das sehr gut“, urteilt Leonardy, der Ältere. Doch es dauert nicht lange, bis er von dem parliert, was das Festival unter seiner Ägide mal war. Ein Reigen großer Namen und großer Orchester. Man erinnere sich: Die Berliner wie die Wiener Philharmoniker holte er ins Saarland, das Amsterdamer Concertgebouw Orchestra, dazu bekannte Klassikkönner en gros. Die „New Generation“-Ausgabe, die nun vom 24. April bis 26. Mai läuft, hält das Star-Aufgebot aber auf kleiner Flamme und setzt aus Überzeugung auf Jugendorchester und überraschende Formate. „Wir wollten auch Maßstäbe und Orientierungspunkte setzen, Weltklasse herholen“, betont Robert Leonardy. Und macht kaum einen Hehl daraus, dass er gern mehr Glanz sähe.

Der Senior operierte allerdings auch mit Etats, die klar über einer Million Euro lagen. Das neue Leitungs-Trio muss mit einer halben Million Euro auskommen. Auch weil die öffentliche Förderung quasi gekappt wurde. Dass Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) damals seinem Festival die Gunst entzog, so sieht es jedenfalls Robert Leonardy, stattdessen zunächst 2017 das „Colors of Pop“-Festival anschob (das dann als Eintagsfliege endete) und nun schon wieder ein neues Festival kreieren lässt (wir berichteten), rumort nach wie vor in ihm. „Wir haben keinen besseren Kulturminister. Wir müssen halt mit ihm leben“, grummelt Leonardy. Commerçon habe „bereits zwei Festivals erledigt, nun plant er ein drittes. Was soll das?“, kritisiert er.

Mit Beckmessern will sich Robert Leonardy aber nicht lange aufhalten. Im lothringischen Dieuze versucht er gerade mit anderen Altgedienten eine Musikakademie aufzubauen. Nach dem Abzug des französischen Militärs ist dort dank staatlicher Förder-Millionen für die Konversion ein Kulturzentrum samt Konzertsaal entstanden. Dort sollen nun junge Musiker fit gemacht werden, damit sie die Aufnahmeprüfungen für staatliche Akademien schaffen. Quasi Vor-Kurs-Angebote zum Einstieg in ein reguläres Musikstudium, erläutert Leonardy. Dafür will er Professoren der umliegenden Musikhochschulen gewinnen und mit Klavier-Superstar Lang Lang tüftelte er auch an einer Kooperation. „Ich habe immer oben angefangen, nie unten“, bekundet Leonardy. Der alte Tasten-Löwe kann es eben nicht lassen.