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Der britische Rockgitarrist Pete Townshend von „The Who“ wird 75

Pete Townshend von „The Who“ : „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde“

Pete Townshend, Kopf von „The Who“, wird am Dienstag 75. Er galt zeitlebens als Exzentriker. Und er steht noch regelmäßig auf der Bühne.

Seine Gitarren zerschmettert er nicht mehr. Und auch auf Luftsprünge verzichtet Pete Townshend längst. Dennoch mischt das Urgestein des Gitarrenrocks noch immer gut mit: Vergangenen Dezember überraschte die legendäre britische Band „The Who“ nach 13-jähriger Studiopause mit einem frisch klingenden neuen Album. Der kreative Kopf war auch diesmal: Peter Dennis Blandford „Pete“ Townshend, der am 19. Mai 75 Jahre alt wird.

Seit bald 60 Jahren ist der mittlerweile fast taube britische Gitarrist und Songschreiber das Sinnbild des wütenden und arroganten Rockstars. Dass er das Rentenalter erreichen würde, konnte sich der Musiker aus dem Londoner Stadtteil Chiswick in früheren Zeiten nicht vorstellen: „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde“, lautet eine der berühmtesten Songzeilen der Rockmusik aus „My Generation“ (1965).

Townshend war gerade einmal 20 Jahre alt, als er den Drei-Minuten-Song schrieb, und war von Selbstzweifeln und Depressionen geplagt. Das Stück ist unterlegt mit Gitarrengeschrammel, Rückkopplungen und wüstem Schlagzeuggewitter. Und es katapultierte die im Vorjahr gegründeten „The Who“ an die Spitze. Bis heute gilt der Song als Urquell späterer Punk-, Hardrock- und Heavy-Metal-Musik, für die Townshend ein Urvater ist. „My Generation“ ist die Hymne der Jugend der 60er Jahre. Sie ist ein Schrei nach Freiheit und reflektierte das Lebensgefühl vieler frustrierter junger Leute: Auch heute fehlt der Titel im Repertoire von „The Who“ nicht. Seit ihrem 50. Jubiläum 2014 gibt die Restband eine weltweite Abschiedstour auf Raten –- und Townshend lässt beim Gitarrespielen weiter den rechten Arm wie einen Windmühlenflügel kreisen.

Bei der Gründung der Band waren Pete Townshend, Roger Daltrey (Gesang) sowie die bereits gestorbenen Bandkollegen Keith Moon (Schlagzeug) und John Entwistle (Bass) anders als alles, was bisher in der Musikszene aufgekommen war. Die vier Londoner Schulkumpel waren arrogant und rüpelhaft. Berühmt-berüchtigt waren die „Who“ auch für ihre Drogen-, Alkohol- und Gewaltexzesse. Eine Heroin-Überdosis habe er 1983 „wie durch ein Wunder“ überlebt, erzählte Townshend im Januar dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Der Gitarrist, der aus einer Musikerfamilie stammt, lieferte den Sound für den musikalischen Krawall von „The Who“: Townshend setzte innovativ die Verstärkerverzerrung, Rückkopplungen und donnernde Akkorde als Stilmittel ein. Songs wie „Substitute“, „I‘m Free“ oder „Won‘t Get Fooled Again“ klangen roh und laut. Sie ebneten den Weg für die härtere Rockmusik der 1970er und 1980er Jahre. Bewusst inszenierten sich „The Who“ in ihren Anfangsjahren als Pop-Künstler. Musik, Lebensstil und Mode sollten eine Einheit bilden. Die Band entwarf mit ausgefallener Kleidung ihren eigenen Stil: Jacken mit britischer Flagge, dem „Union Jack“ etwa ließen sie zur Kultband der Mods werden, einer modefixierten und Motorroller fahrenden Jugendbewegung. Sein Meisterstück lieferte Townshend mit dem genialen Konzeptalbum „Tommy“ (1969), das die Grundlage für das erste Rockmusical überhaupt bildete. Die Geschichte um einen misshandelten Jungen, der zum Helden am Flipperautomaten wird, erschien 1975 als Film. Das Musical mit dem Hitsong „Pinball Wizard“ wird noch immer regelmäßig in Theatern weltweit aufgeführt.

Wie für viele andere Stars brachte das Woodstock-Festival 1969 in den USA auch für Townshend und seine Truppe den internationalen Durchbruch. Das Album „Live at Leeds“ (1970) gilt bis heute als eines der besten Live-Alben überhaupt. Townshend zweites Rockmusical „Quadrophenia“ (1973) floppte hingegen. 1983 – fünf Jahre nach dem Tod des exzentrischen Schlagzeugers Moon – lösten sich „The Who“ auf, um sich 1999 erneut zu formieren.

Ein dunkler Schatten fiel 2003 auf Townshends Karriere, als er sich wegen des Verdachts des Kaufs von kinderpornografischen Bildern verantworten musste. Er sei selbst als Kind sexuell misshandelt worden und habe in seinem Kampf gegen Kinderpornografie recherchieren wollen, versichert er bis heute in Interviews sowie in seiner Autobiografie „Who Am I“ (2012). Die Vorwürfe gegen ihn erhärteten sich nicht.

Vergangenen November debütierte Townshend mit dem Roman „Age of Anxiety“, in dem es um das Phänomen der Angst in der modernen Gesellschaft geht. Über den Brexit und korrupte Politiker kann er sich noch immer aufregen. Zukunftsängste habe er aber keine: „Ich mache mir Gedanken, dass ich wegen des Klimawandels nicht mehr so viel fliegen kann. Aber ansonsten: Ich kann nicht mehr viel verändern.“

(epd)