Der 9. Günter Rohrbach Filmpreis in Neunkirchen

Der 9. Günter Rohrbach Filmpreis in Neunkirchen : „Nächstes Jahr ist Günter wieder am Start“

„Systemsprenger“ war der große Gewinner beim 9. Günter Rohrbach Filmpreis in Neunkirchen. Die Preisverleihung war anders sonst: Der Namensgeber des Filmwettbewerbs, Produzent Günter Rohrbach (91), war erstmals nicht dabei.

Anders als sonst war es. Denn zum ersten Mal war Günter Rohrbach nicht dabei, der Namensgeber des Filmpreises, der legendäre Produzent („Das Boot“) und „Tatort“-Miterfinder, der in Neunkirchen zur Welt kam. Der 91-Jährige habe sich einen „schweren grippalen Infekt“ zugezogen, sagte der ehemalige Neunkircher Bürgermeister Jürgen Fried; Rohrbachs Ehefrau vertrat ihn in Neunkirchen. Rohrbachs Reden und seine Auftritte, bei denen man spürt, dass er Galas, rote Teppiche und öffentliche Auftritte nicht allzu sehr genießt, sind oft das Herzstück der Preisverleihungen. Und so fehlte Rohrbach an diesem Abend in der Gebläsehalle, der anders war als noch die Preisverleihung im Jahr zuvor – als Iris Berben Rohrbach zu dessen 90. Geburtstag in einer sehr persönlichen Rede huldigte und es Ovationen für ihn gab (die er tapfer über sich ergehen ließ).

Dennoch: Es war ein gelungener Freitagabend in Neunkirchen, auch wenn neben Rohrbach einige Preisträger nicht dabei sein konnten. Nora Fingscheidt etwa, deren Film „Systemsprenger“ der große Gewinner war. Für das intensive Werk über ein traumatisiertes Mädchen, an dem Mutter, Jugendämter und ein Anti-Gewalttrainer zu scheitern drohen, erhielt sie den Hauptpreis. Fingscheidt, deren erste Filme beim Saarbrücker Ophüls-Festival gelaufen sind, bedankte sich mit einer Videobotschaft aus den USA, wo sie eine Filmproduktion vorbereitet – einen Thriller mit Sandra Bullock für den Streaminganbieter Netflix.

Wegen Dreharbeiten verhindert war auch Albrecht Schuch, der den Preis des Saarländischen Rundfunks erhielt – für seine Darstellung des Anti-Gewalttrainers in „Systemsprenger“ und die eines von der Obdachlosigkeit bedrohten Familienvaters im ebenfalls nominierten Film „Atlas“. Schuch grüßte per Video und versprach, den Preis im nächsten Jahr abzuholen, „denn sonst bekommt man ihn ja nicht, habe ich gehört“. Ebenfalls nicht da, wegen eines Krankheitsfalls in der Familie, war Rosalie Thomass, Darstellerpreisträgerin für den Cybermobbing-Fernsehfilm „Rufmord“. Sie grüßte auch per Video, auch sie will nächstes Jahr anreisen, denn der Preis sei ja kein „Schnickschnack“.

Wer angereist war und den größten Jubel des Abends erhielt, war Rainer Bock – ein Schauspieler, dessen Namen nicht jeder kennt, das Gesicht aber schon: aus einigen Hauptrollen und aus zahllosen Nebenrollen, die er stets eindrücklich gestaltet, was Regisseure wie Michael Haneke, Quentin Tarantino oder Steven Spielberg zu schätzen wissen und ihn etwa für „Das weiße Band“, „Inglorious Basterds“ und „War Horse“ engagieren. Vielleicht ein großer Unbekannter, in jedem Fall ein Großer. Ob er nun, wie es in der Laudatio hieß, „ein Gene Hackman aus Kiel“ sei, ein „deutscher Lino Ventura“, das „müsse man nicht unbedingt glauben“, sagte Bock. Den Darstellerpreis erhielt er für seine Rolle als Möbelpacker und reumütiger Vater in „Atlas“. Bock bekannte in seiner Rede, Preise habe er früher, als er noch keine bekommen habe, „für überbewertet“ gehalten, jetzt aber, da sie ihm zuteil werden, „für durchaus sinnvoll“.

Ernster fügte Bock an, im Laufe der Jahrhunderte habe man sich „über die Minne, über Sturm und Drang, eine so unfassbar vielfältige Kultur, eine so blühende grüne Wiese von Ausdrucksmöglichkeiten“ erarbeitet, „dass ich es nicht fassen kann, dass wir seit geraumer Zeit wieder mal erleben müssen, dass eine braune Magma sich wirklich das Recht heraus nimmt, zum Beispiel Einfluss auf Theater zu nehmen, und wieder einmal unsere blühende Kultur bedroht.“ In diesen Zeiten müsse man Preisverleihungen auch für Positionen nutzen: „Wir stehen hier und lassen uns nicht einschüchtern. Wir machen weiter und werden gegen Euch anhalten.“

Dann ließ Bock statt seiner Hanns Dieter Hüsch sprechen (und Orgel spielen), im TV-Mitschnitts eines Monologs über Rassismus, der sich ausbreiten kann wie ein Virus. Gespenstische Minuten.

Die Stimmung im Saal da wieder zu heben, oblag (und gelang) – neben der Band Elm F. and the Rooks mit flottem Soul-Jazz – dem moderierenden Peter Lohmeyer mit seinem stets etwas hingeschlurft wirkenden Charme. Das Schauspiel Köln habe extra eine Premiere mit ihm verschoben, damit er in Neunkirchen moderieren könne, erzählte er; dank bewusstseinserweiterender (und eventuell –vernebelnder) Substanzen, die ja jetzt legal seien, hätte er bei der Anreise an die Saar erstmal einen Zug in Richtung Schweiz genommen. Sollte einmal eine deutsche Neuverfilmung von „The Big Lebowski“ anstehen – Lohmeyer wäre die erste Wahl für die Titelrolle.

Günter Rohrbach fehlte zwar, aber er hatte eine Rede geschickt, die Lohmeyer las: In der erinnerte sich Rohrbach noch einmal an die Hartnäckigkeit des damaligen OBs Jürgen Fried (SPD), Rohrbach für den Preis „als Farbtupfer im Bild der Stadt“ zu gewinnen („auf seinen ersten Brief hatte ich nicht reagiert“); Rohrbach schrieb in seiner Rede vom „Strukturwandel von brachialer Heftigkeit“ an der Saar, gerade für seine Geburtsstadt Neunkirchen, in der er heute zwei Dinge vermisse: die Straßenbahn von einst und sportlicher Erfolg für Borussia Neunkirchen. Dem Filmpreis wolle er weiter zur Seite stehe, „wie lange ich Ihnen eine Stütze sein kann, das steht in den Sternen“.

Der neue Oberbürgermeister, Jörg Aumann (SPD) würdigte Rohrbach als Mann, der mit seiner Arbeit, etwa als WDR-Schlüsselfigur, der sich für kritische und unbequeme Stoffe eingesetzt hat,  „das ganze Land verändert hat – zum Besseren“.

Weitere Preise des Abends gingen an Künstler, die für Filme entscheidend sind, aber bei Galas oder in der bunten Berichterstattung eher im Schatten stehen: Die Saarland Medien GmbH vergab ihren Preis an Frank Lamm für seine Bild-Inszenierung in „Deutschsstunde“, Laudator war Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). Der Preis des Oberbürgermeisters ging an die Cutter Julia Kovalenko und Stephan Bechinger – sie haben aus 120 Stunden Rohmaterial den 120 Minuten langen „Systemsprenger“ geformt, eine Arbeit, die neun Monate dauerte.

Den Vorsitz der Jury hatte in diesem Jahr die Filmemacherin Margarethe von Trotta („Die bleierne Zeit“, „Hannah Arendt“). Bei ihrer Laudatio auf Nora Fingscheidt und deren „Systemsprenger“ erinnerte sie sich daran, wie schwierig es früher für Frauen gewesen sei, im männlich dominierten Regiebetrieb Fuß zu fassen. Zudem hätten männliche Kritiker dann den abschätzigen Begriff „Frauenfilm“ geprägt, um männliche Kinogänger wohl vor zu viel Emanzipatorischem zu warnen. Viel erfreulicher sei da die Tatsache, dass von den bisher neun Rohrbach-Siegerfilmen fünf von Frauen stammten. Als von Trotta Rohrbach erwähnte, „einen wirklichen Freund“, wurde ihre Stimme brüchig. „Nächstes Jahr“, sagte Lohmeyer zur Verabschiedung, „ist der Günter wieder am Start. Und dann feiern wir.“

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