Der 15-jährige Pianist Jan Cmejla gab in Saarbrücken ein packendes Konzert

Musikfestspiele Saar : Der junge Mann bekam noch warme Hände

Der 15-jährige tschechische Pianist Jan Cmejla gab im Rahmen der Musikfestspiele ein vortreffliches Konzert im Saarlandmuseum.

„Der junge Mann kriegt ganz kalte Hände, wenn Sie so lange reden! Das ist nicht in Ordnung!“ Im Vortragsaal des Saarlandmuseums konnte eine ältere Dame nicht mehr an sich halten: Sie barmte so besorgt um die Blutzirkulation in den Virtuosenfingern des juvenilen Pianisten, dass sie Moderator Holger Hettinger in seinem Redefluss brüsk unterbrach. Dabei hatte sich der Musikchef von Deutschlandfunk Kultur gerade mal warm geredet, um allen Zuschauern eindrücklich zu verdeutlichen, welch großartiges Talent da vor ihnen stehe.

Derweil das ohnehin verlegene, weil aus Versehen offenbar vorzeitig an den Flügel geeilte und nun wie bestellt und nicht abgeholt herum stehende Talent mit der Zunge hilflos beide Wangen ausbeulte, war Hettinger so verdattert, dass er seine Ausführungen tatsächlich abrupt stoppte und das Podium räumte – allerdings weniger um die Beweglichkeit der begnadeten Hände als vielmehr um die Konzentration des jungen Genies besorgt.

Am Donnerstag präsentierten die Musikfestspiele Saar im Rahmen der Reihe „Deutschlandfunk Kultur live – Die besten Nachwuchskünstler“ den erst 15-jährigen Pianisten Jan Cmejla. Im Februar hatte der Tscheche beim 53. Internationalen Musikwettbewerb „Concertino Praga“ regelrecht abgeräumt: Cmejla konnte sich nicht nur gegen eine starke Konkurrenz durchsetzen und die Sparte Klavier für sich entscheiden, sondern fuhr gleich noch Gesamtsieg und Ehrenpreis des renommierten Wettbewerbs ein. „Eine starke Vorstellung, beinahe unheimlich, eine überragende Performance!” jubelte Hettinger, der selbst in der Jury saß. Und weil sein sich als „Feuilleton im Radio“ begreifender Sender mit verschiedenen Formaten um die Förderung des musikalischen Nachwuchses müht, wollte Hettinger mit diesem Ausnahmetalent „so bald wie möglich ein Konzertprojekt verwirklichen“. Die passende Gelegenheit bot sich dem gebürtigen Saarlouiser und Ex-SR-Mann Hettinger nun relativ spontan bei den Musikfestspielen Saar, widmet sich deren aktuelle Ausgabe doch der „New Generation“ – jungen Musikern also.

Als besonders bemerkenswert betonte Hettinger, dass Cmejla mit einem „vergleichsweise unspektakulären“ Wettbewerbsrepertoire aufgetrumpft habe: kein Virtuosendonner à la Liszt und Busoni, wie er von der Konkurrenz gezündet wurde; stattdessen Bach und Beethoven. Mit einem „fast schon verinnerlichten Programm“ in einem solchen Umfeld zu bestehen, das müsse man erst mal hinkriegen, befand Hettinger. Beethoven stand nun auch am Donnerstag auf der Agenda, doch zeigte sich der junge Pianist gut beraten, sich kein Altersopus des Komponisten vorzuknöpfen, dessen Interpretation reife Ausdruckstiefe fordert. Cmejla spielte Beethovens Klaviersonate Nr. 2 A-Dur op. 2/2 und damit ein der Klassik, fast noch dem Rokoko verpflichtetes und Joseph Haydn gewidmetes Frühwerk, bei dem er vielmehr technische Fertigkeiten heraus kehrte.

Vornüber geneigt, in einer Rundrückenhaltung, die sofort jeden verantwortungsbewussten Orthopäden auf den Plan rufen würde, beugte Cmejla sich konzentriert über die Tasten, betupfte sie im Allegro Vivace präzise und mit fast mechanisch tastender Vorsicht, die Finger dezidiert ausgestellt, um den Tönen im Largo appassionato auskostend hinterher zu horchen. Im Scherzo demonstrierte er – für einen Pianisten von so schmächtiger Gestalt beeindruckend – eherne Bässe, um im heiter verspielten, mitreißenden Rondo brillant glitzernde Perlen einzuflechten. Dominante Stärken Cmejlas wurden hier bereits deutlich: breit nuancierte Anschlagskultur, makellose Triller, das Spannen weiter Dynamikbögen. Und mit zunehmender Sicherheit drückte der junge Pianist auch des Öfteren das Kreuz durch, um sich in souveräner Nonchalance zurückzulehnen. Beim Hit-Programm von Chopin gefiel Cmejla mit markant akzentuierten Vorhalten und gemeißelter Brillanz im zügigen Walzer As-Dur op. 34/1, während er im Nocturne cis-Moll eine anmutig introvertierte Nachtstimmung erzeugte und bei der Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38 einen nahezu impressionistischen Fächer an Farben und Temperamenten öffnete. Rachmaninows Préludes op. 23 Nr. 4 und 5 verpasste er das erforderliche, mal schwerblütig melancholische, mal energische Gepräge und enthusiasmierte schließlich vor allem die älteren Zuhörer mit seiner rhythmisch und stilistisch variierten Zugabe, Mozarts Türkischem Marsch.

 Emotional am meisten in seinem Element war der junge Virtuose womöglich bei „Inquietto“ aus dem Zyklus „Erinnerungen“ seines von Dvorák geschulten Landsmannes Vitezslav Novák (1870-1949): Die lauernde, fiebrige Unruhe des Stücks wurde packend spürbar. Ehrensache, dass Cmejla alles auswendig spielte. Schade nur, dass der Hörgenuss zunehmend von einem unangenehm scheppernden Sirren getrübt wurde – ob da am Steinway ein Pedal hakte?

Deutschlandfunk Kultur sendet die Konzertaufzeichnung am 26. Mai (20.03 Uhr).

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