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Denkwürdiges Final mit Hervé Birolini

Festival „eviMus“ : Vorsicht mit dem Herzschrittmacher!

Am Sonntag ist in Saarbrücken das Festival eviMus zu Ende gegangen – es gab wieder viele ungewohnte Klänge und Bilder, nach einigen Hürden.

Welch ein Dusel! Vorm Lockdown gerade noch durchgewitscht sind die Saarbrücker Tage für elektroakustische und visuelle Musik, kurz „eviMus“: Am Sonntag ging die siebte Ausgabe des Festivals im „KuBa“ (Kulturzentrum am EuroBahnhof) zu Ende. Doch wie andere Veranstalter berichtet auch der künstlerische Leiter von eviMus, der aus Chile stammende Komponist und Instrumentalist Daniel Osorio, von schlaflosen Nächten. 2014 hatte er mit seiner Partnerin, der ebenfalls in Chile geborenen Musikerin und Klavierbaumeisterin Romina Tobar, eviMus gegründet – um Vorurteile abzubauen und dem Publikum zu einem unvoreingenommenen Musikverständnis jenseits kommerziell geprägter Hörgewohnheiten zu verhelfen. Der Verzicht auf Eintritt gehört zum niedrigschwelligen Konzept des Festivals, das MusikerInnen aus akademischem Umfeld mit frei schaffenden Künstlerinnen und Künstlern zusammenbringt. Langfristiges Ziel ist ein internationales Zentrum für aktuelle, experimentelle Musik im Saarland.

Über die Jahre wuchs das Festival, integrierte auch Workshops und vermittelte so einem zunehmend größeren Publikum neue Hör- und Seherfahrungen. Diesmal war jedoch Corona-bedingt nicht klar, ob und unter welchen Bedingungen das aktuell viertägige Programm überhaupt stattfinden konnte – Osorio ist heilfroh, dass Landeshauptstadt, Regionalverband und Kultusministerium ihre Zuschüsse aufrecht erhielten. Und dass das Publikum dem Nischen-Festival trotz des Virus die Treue hielt: In die Kantine des KuBa durften 20 bis 30 Zuschauer, wobei die Nachfrage laut Osorio das Platzkontingent deutlich überstieg.

Der Pandemie zum Opfer fiel außer den Workshops auch die samstägliche „Nuit Blanche“; bedingt durch den mobilen Charakter dieser Veranstaltung, bei der das Publikum durch die schummerige Kantine mäandert. „Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst“, sagt Osorio unter Verweis auf die Hygieneregeln: „Das hätten wir nicht kontrollieren können.“ Und das französische Multimedia-Ensemble „Flashback“, das bereits 2019 zu Gast war und nun mit einem Percussionisten hätte auftreten sollen, sagte von Spanien aus kurzerhand seine komplette Tournee ab. Als spontanen Ersatz konnte Osorio das Duo „ViVo“ aus dem Umfeld der Hochschule für Musik Saar (HfM) verpflichten.

Daniel Osorio, Gründer und Leiter des EviMus-Festivals. Foto: Kerstin Kraßmer

Alljährlich ruft eviMus in mehreren Kategorien zum Einsenden von Aufnahmen auf, von denen dann einige aufgeführt werden. Dass es diesmal weit weniger Einreichungen gab als sonst, führt Osorio ebenfalls auf Covid-19 zurück. Auch die Zahl der Musiker auf der Bühne musste auf maximal drei reduziert werden, so beim Eröffnungskonzert der „Cronopien“, die mit audiovisueller Improvisation ein „künstlerisches Chaos“ bescherten. Der Fagottist Johannes Schwarz, Mitglied des illustren „Ensemble Modern“, und die Songwriterin Gaia Mobilij performten ohnehin solo zu (Live-)Elektronik, genau wie der Metzer Klang- und Lichttüftler Hervé Birolini (Cie Distorsions) beim Finale am Sonntag: Seine neue Kreation „Des éclairs“ stand wegen der Ausgangsbeschränkungen in Frankreich ebenfalls auf der Kippe, konnte aber stattfinden – als eines der bundesweit letzten Konzerte für mindestens vier Wochen.

Birolini ist Preisträger des Quattropole-Musikpreises 2018, weswegen sein Auftritt von einer Sonderförderung aus dem Quattropole-Topf profitierte. Er war von einem Warnhinweis begleitet: „Dieses Konzert ist nicht geeignet für Personen mit Elektroempfindlichkeit, Epilepsie oder einem Herzschrittmacher.“ Tatsächlich ist Birolinis Musik eher Elektrizität als Elektronik: Hier zündete er mittels so genannter Ruhmkorff-Spulen ein audiovisuelles Gewitter aus Klang- und Lichtblitzen, begleitet von Rauschen, Echolot-Tönen, basslastigen Impulsen, Industriesounds und sphärischen Effekten, das für einige Zuschauer sichtlich schwer erträglich war. Rhythmisch ließ Birolini acht senkrecht gereihte Neon-Röhren pulsieren, auf deren oberem Ende jeweils „Zündkerzen“ – konstruiert aus Gitarren-Tonabnehmern und den Drähten eines Elektroschockers – Funken schlugen: Induktions-Antennen, die dezent knisterten oder perkussiv knallten. Das Ganze steuerte Birolini vom Laptop aus und konnte es außerdem scheinbar wie durch Zauberei über Handbewegungen dirigieren, die an die Gesten eines Theremin-Spielers erinnerten. Auch dank der bei eviMus üblichen, mehrkanaligen Raumbeschallung war dieses Erlebnis sinnlich frappierend – und der Applaus so überwältigend, dass Birolini ganz verlegen war.