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Das Saarländische Staatstheater startet mit einer starken „Nora­­­_Spielen!“ in die Saison

Saisonstart am SST : Reden wir mal übers (Ehe-)Frausein

Das Saarländische Staatstheater startet mit einer starken „Nora­­­_Spielen!“ in der Alten Feuerwache in seine neue Saison.

Winken muss genügen, über gesperrte Stuhlreihen in der Alten Feuerwache hinweg, die Saisonstart-Küsschengesellschaft legt eine Corona-Zwangspause ein. Konzentration aufs Wesentliche! Der Kopf wird frei. Das ist auch gut so, denn Schirin Khodadadian hat nicht vor, Henrik Ibsens „Nora“ (1879), eine der berühmtesten Emanzipationsgeschichten der Dramenliteratur, auf vertrautes, in den vergangenen Jahrzehnten durch Regie-Stars wie Thomas Ostermeier abgestecktes Terrain zu führen.

Heutzutage fällt Nora meist unter geldgeile und verlogene Wohlstandsneurotiker der Jetzt-Zeit – und wird infiziert. Auch optisch bleibt in der Feuerwache die Tür zum durchgestylten Luxus-„Puppenheim“ des Bankers Helmer zu. Die Gastregisseurin schickt die Darsteller, die vulgäres Gold und Glitzer aus einer Las-Vegas-Show oder die weiße Eleganz des „Großen Gatsbys“ tragen, auf ein mit Spiegelfolie verkleidetes, mehrstufiges Podest vor einem schwarzen Fransen-Vorhang (Bühne und Kostüme: Carolin Mittler).

Funktionale Büro-Stühle und später eine Tanz-Stange scheinen übrig gebliebene Proben-Requisiten, allen voran zwei Desinfektionsspender, die von Gregor Trakis, Noras überkorrektem Ehegatten, dauerbeansprucht werden. Kurz: Diese Inszenierung sucht und zeigt den Corona-Bruch, folgt – mutig und originell – dem Titel: „Nora_Spielen!“. Eingezogen in Text und Spiel der Darsteller ist die Meta-Ebene der Reflektion über die Stück-Produktion. Schlau-philosophische Exkurse über das (kapitalistische) Wesen der Liebe, Depression oder das Mann-Frau-Rollenverständnis sind zu hören, auch Albernes.

Die Ibsen-fernen Passagen übernimmt Martina Struppek als Kindermädchen Anne-Marie mit stramm-grimmigen Witz, sie wird zu einer androgynen Clowns- und Conferencier-Figur, die sich ganz am Ende wieder zurückverwandelt – in die Schauspielerin und Frau Martina Struppek, die offensichtlich über sich selbst spricht: „Ich schäme mich nicht, keine supertolle Frau zu sein.“ Solcherart Irritation verkommt hier nicht zum Gag, sondern sie fügt sich ins Corona-kompatible Konzept von Khodadadian, die Ibsens Figuren in eine Diskurs-Anordnung versetzt, in der Abstand und Nicht-Berührung inhaltlich begründet und dramaturgisch zwingend scheinen. Corona? Vergiss es während der Aufführung. Vergiss auch Psychologisierung und Gefühligkeit – und „Nora“ tankt neue intellektuelle Energien.

Dennoch, und das ist ein kleines Wunder, bleibt die Aufführung dicht dran an Ibsen, an dessen Selbstfindungs- und Ehedrama, das angetrieben wird von einer „nur aus Liebe!“ begangenen Unaufrichtigkeit Noras: Sie hat die Unterschrift ihres Vaters unter einen Kreditvertrag gesetzt, um ihrem einst todkranken Mann eine Therapie zu ermöglichen. Weil sie das ihrem Moral-versessenen Gatten nicht gesteht, wird sie erpressbar durch Rechtsanwalt Krogstad. Zum größten Verhängnis wird beiden jedoch ihr Ehrgeiz, nach außen die perfekte Familie zu bleiben: Nora das leichtsinnige „Puppenkind“, für Entertainment zuständig, finanziell und emotional abhängig vom Partner, der belobigt oder straft. Christiane Motter, mehr Showgirl als lasziver Vamp, balanciert in der Zeichnung der Nora bravourös zwischen Ironie und Einfühlung, während ihr darstellerisches Umfeld – bis auf Martina Struppek – überraschend blass bleibt. Nicht nur Noras todkranken Verehrer Dr. Rank (Fabian Gröver) nimmt man den seelischen Bankrott und die hier gezeigte Raubtier-Nummer nicht ab, generell haben die Ibsen-Patriarchen ihre Monsterhaftigkeit oder Lächerlichkeit abgelegt, sie sind die Normalos der Jetzt-Zeit. In Folge bleibt Thorsten Köhler als Krogstad weit hinter seinen intriganten Möglichkeiten, und Gregor Trakis schwimmt als Helmer im Ungefähren zwischen Beflissenheit und Gnadenlosigkeit. Letztlich muss auch Gaby Porchert als Noras frühere Freundin Kristine alles Durchtriebene lassen, und darf als eine Art Raumpflegerin der Bürger-Ordnung zwar glaubhaft, aber eben auch nur langweilig sein.

So fehlt dem Abend dann doch ein wenig an Schauspieler-Glanz, mag man sich auch an Christiane Motters Nuancen-Feuerwerk gar nicht satt sehen: kecke Exaltiertheit, egozentrische Oberflächlichkeit, nervöse Überreiztheit. Bereits im ersten famosen Auftritt mit Kristine erlebt man eine Verzweifelte, die prahlt, um endlich, endlich erkannt zu werden – als eine „Eigensinnige“. Was damals hieß: als eine „männlich“ starke Person. Folgerichtig verkleidet sich die Saarbrücker Nora dann auch für den Ibsen-Kostümball als Mann – wie traurig. Immerhin haut sie zumindest ab aus einer Ehe und einem Umfeld, in dem die Männer es genießen, in ein Klischee verliebt zu sein statt in sie. Und wir? Wir kommen durch diese „Nora“-Version Ibsen womöglich näher als sonst, seiner „politisch korrekten“ Intention. Der vermeintliche Frauenrechts-Kämpfer meinte 1898, er habe für „Die Sache der Frau“ nie „mit Bewusstsein“ gewirkt: „Mir hat sie sich als eine Sache des Menschen dargestellt.“

Kein Traumpaar: Nora (Christiane Motter) und ihrem Mann Helmer (Gregor Trakis) kommt nicht nur Doktor Rank (Fabian Gröver, h.) in die Quere. Foto: Martin Kaufhold

Schauspiel „Nora_Spielen!“: Nächste Aufführungstermine in der Alten Feuerwache sind am 11., 25. September, 3., 16., 22., 31. Oktober; Karten unter Telefon (06 81) 3 09 24 86.