Das Neunkircher Musical „Meine Herren und Damen: Marie!“

Musical „Meine Herren und Damen: Marie!“ : „Musicals sind nicht immer nur Trallala“

Der Autor über sein Musical „Meine Herren und Damen: Marie!“, das am Freitag in Neunkirchen seine Premiere feiert.

„Meine Herren und Damen!“ So begann Marie Juchacz ihre Rede vor der Nationalversammlung in Weimar am 19. Februar 1919 – sie ist die erste Frau, die eine Rede in der Nationalversammlung hielt. Juchacz gehört zu den Gründerinnen und Gründern der Arbeiterwohlfahrt (Awo) – zu dessen 100. Jubiläum widmet sich das Musicalprojekt Neunkirchen dem Leben und der politischen Arbeit von Juchacz. Am Freitag feiert „Meine Herren und Damen: Marie“ Uraufführung in der Neunkircher Gebläsehalle. Das Stück und die Liedtexte hat der musiktheatererfahrene Holger Hauer geschrieben – Autor, Regisseur, Übersetzer und Schauspieler, der von 1990 bis 1993 am Saarländischen Staatstheater engagiert war. Wir haben mit ihm über seine Arbeit an „Marie“ gesprochen.

Herr Hauer, war Ihnen Marie Juchacz ein Begriff, bevor Sie das Stück geschrieben haben? Mir sagte der Name, ich muss es gestehen, gar nichts.

HAUER Mir auch nicht. In meinem bisherigen Leben bin ich auch noch nicht mit der Arbeiterwohlfahrt in Kontakt gekommen, und obwohl ich sehr für Frauenrechte und Gleichberechtigung bin, war sie mir kein Begriff. Aber dann habe ich mich reingelesen und ich traf einen ausgesprochen interessanten Menschen mit zwei herausragenden Lebensmomenten: der Gründung der Arbeiterwohlfahrt und der ersten Rede als Frau im Deutschen Parlament.

Die Gattung  Musical gilt gemeinhin als Ort von Buntheit und Glamour, die Arbeiterwohlfahrt nun nicht  – wie passt das thematisch zusammen?

HAUER Klar, auf den ersten Blick scheint das merkwürdig, ist es aber nicht. Denn auch bei einem Musical über Evita Peron geht es um Politik, in „Jesus Christ Superstar“ geht es um Religion. Musicals sind nicht immer nur Trallala und Hoppsassa. Das Genre hat sehr viel mehr zu bieten – gute Geschichten, Unterhaltung mit Haltung.

Wie wurden Sie zum Autor des Stücks?

HAUER Die Awo ist an das Musicalprojekt Neunkirchen herangetreten und fragte, ob es ein Musical zu 100 Jahre Awo produzieren könnte. Die künstlerische Leiterin des Musicalprojekts, Ellen Kärcher, hat mich dann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Stück zu schreiben. Wir kennen uns seit langem  – sie ist meine Ex-Frau. Das Musicalprojekt wollte einen Autor, der sich mit Theater und Musical auskennt. Ich habe zu recherchieren begonnen und hatte anfangs einige Probleme, mir aus diesem Lebenslauf eine Geschichte zu bauen, die auf der Bühne  dramaturgisch gut und spannend funktioniert. Bei einem langen Telefonat mit  Kärcher und Francesco Cottone, einem der beiden Komponisten, ist der Knoten geplatzt, ab da flossen die Ideen.

Wie weit kann ein Autor mit seiner Fantasie gehen, wenn es um historische Figuren geht?

HAUER Fantasie war hier immer dann gefordert, wenn es zu wenig konkrete, theatralische Ereignisse gab, mit denen ich die Zeit und ihre Probleme abbilden konnte. Also habe ich Menschen erfunden, die exemplarisch sind: das ärmliche Ehepaar etwa mit seinem Kind, das ständig hustet,  weil es in der Fabrik arbeiten muss. In der Literatur erfährt man sehr wenig über die Ehemänner von Juchacz und ihrer Schwester Elisabeth, da habe ich Elisabeths ersten Mann als wirklich unangenehmen Trinker geschrieben –  eine in die Zeit passende Figur, saßen damals doch viele Männer  „tiefenfrustriert“ nachts in der Kneipe. Erfunden habe ich eine Frau, die Hausfrau und Mutter ist, dazu noch als Kellnerin bei reichen Leuten arbeitet und sich zudem als Prostituierte verdingt, nur um ihr Kind durchzubringen  – wie viele andere Frauen auch in diesen Jahren.

Bildet Ihr Stück das gesamte Leben von Juchacz ab?

HAUER Nein, wir wollten kein Wikipedia mit Musik schreiben. Das Stück spielt im letzten Kriegs- und im ersten Nachkriegsjahr. Ich erzähle da manches, was früher passiert ist  oder später, und habe das Ganze dramaturgisch gebündelt. Das ist geschichtlich nicht ganz korrekt, aber spannender – und nicht erfunden. Mir geht es um die Beschreibung eines Menschen und seiner Lebenssituation. Wie war Marie Juchacz? Was hat sie angetrieben? Und am Ende gibt es einen  überraschenden Dreh, auf den ich ein wenig stolz bin.

Den Sie aber sicher nicht verraten wollen.

HAUER Genau – aber als Cliffhanger wollte ich ihn natürlich angesprochen haben.

Wie haben Sie mit den beiden Komponisten gearbeitet? Kam erst die Musik und dann der Text – oder umgekehrt?

HAUER Bei uns war, bis auf eine Ausnahme, immer zuerst der Text da. Da ich ja auch Sänger bin, hatte ich bei den Texten immer schon die Anmutung einer Melodie im Kopf, die ich dann eingesummt habe. Das alles habe ich Amby Schillo und Francesco Cottone  von Berlin ins Saarland geschickt. Die haben dann komponiert, wir haben sehr viel telefoniert, geskypt – für mich war das sehr aufregend. Als ich dann die erste Musik hörte, war ich erleichtert und beseelt, weil es genau das war, was ich mir erhofft hatte. Mit meinen gesummten Melodien hatte das wenig zu tun – sonst bräuchte man ja keine Komponisten –, aber die Atmosphäre, die ich im Kopf hatte, fand sich in den Liedern wieder.

Sie sind selbst auch Regisseur – wie schwierig ist es, ein Stück zu schreiben und es dann nicht selbst zu inszenieren oder sich nicht zu sehr einzumischen?

HAUER Nicht ganz einfach – aber ich habe es mir noch schwieriger vorgestellt. Wenn ich schreibe, habe ich Bilder und Verhaltensweisen der Figuren im Kopf. Ich schreibe auch relativ klare Regieanweisungen, die der Regisseur natürlich ignorieren kann, aber die doch hilfreich sind.  Das Besondere hier ist, dass es eine Uraufführung ist – und ich finde, dass eine Uraufführung erst einmal den Gedanken der Autoren gerecht werden sollte.

Und wie lief Ihr Probenbesuch in Neunkirchen am vergangenen Wochenende?

HAUER Ich bin mit einer gewissen Nervosität ins Saarland gefahren, die ist aber schnell einer großen Freude gewichen, ich war sehr angetan. Es gab zwei Situationen, bei denen ich inszenatorisch anders entschieden hätte. Wir haben darüber gesprochen, und Regisseur Matthias Stockinger ist darauf eingegangen – es ist eine Freude, einen Regisseur zu haben, der nicht aus Eitelkeit alle Vorschläge des Autors abbügelt, sondern zuhört. Ich bin ein großer Freund von Zusammenarbeit. Oder wie Marie Juchacz gesagt hätte: Das „Wir“  ist wichtiger als das „Ich“.

Uraufführung: Freitag, 9. August, 20 Uhr, Neue Gebläsehalle Neunkirchen. Tickets an allen bekannten VVK-Stellen, unter Tel. (06 51) 979  07 77  und www.ticket-regional.de
Informationen unter:
www.musicalprojekt-neunkirchen.de

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