Das Saar-Festival 2020 : „Begegnung“ oder bunte Beliebigkeit?

Johänntgen/Studnitzky, so heißt das Team, das 2020 an der Saar ein großes neues Festival-Event stemmen wird. Wie sind ihre Ideen zu bewerten?

Womöglich sind ihre vor Freude strahlenden Augen, ist das Herz erwärmende  Lachen Nicole Johänntgens (37) des Pudels Kern. Ist die Emotion, mit der die aus Fischbach stammende Saxophonistin am Mittwoch ihr Konzept vor der vierköpfigen Jury präsentierte, nicht nur das letzte ausschlaggebende Moment gewesen – sondern auch der Kern dessen, was das neue Musikfestival Saar bestenfalls  unverkennbar machen könnte. Ein Festival als große Umarmung steht im Herbst 2020 an: Generationen und Schichten übergreifend, Musikstile und Kunstgattungen überspringend, Grenzländer vereinend.

Am Mittwoch hatte Johänntgen zusammen mit dem Jazz-Trompeter und Berliner XJAZZ-Festivalmacher Sebastian Studnitzky in der Saarbrücker Villa Europa ihre Vorstellungen für ein neues  Musikfestival Saar vorgestellt (die SZ berichtete online). In der den Medien im Nachgang zur Verfügung gestellten schriftlichen Kurzform heißt es: „Wir möchten Raum schaffen für Experimentelles und Spontanes, Jazz, Klassik, Pop oder Rock? Oder? Nein! Alles.“ Dazu treten Begriffe wie nachwuchsfördernd, genderbewusst, non-elitär, familienfreundlich, experimentell. Wahrlich, eine Alleskönner-, nein eine Alles-Wollen-Unternehmung. Wer skeptisch ist, spricht von Wi­schiwaschi und Beliebigkeit. Wer offen ist für Vibrations, spürt eine mitreißende Energie, hört vor allem auffällig oft das Wort „Begegnung“.

Johänntgen möchte Musiker, hier Laien wie Profis, und das Publikum mitnehmen in ein „Abenteuer“, wie sie es nennt, das jenseits des Mainstreams spielt, weil es Grenzüberschreitungen bietet: Musikstile, Kunstgattungen und Auftritts-Formate sollen sich mischen. Das alles stand irgendwie auch bereits in der Ausschreibung, mit der Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD) nicht nur nach einem Leiter, sondern gleich auch nach einem Profil und Programm für ein „innovatives“ neues großes Musikfestival Saar suchte. 600 000 Euro aus der Landeskasse soll es erhalten (plus 200 000 Euro aus Ticketverkauf und Sponsorengeldern).

Sebastian Studnitzky, Jazzer und Festivalmacher in Berlin. Foto: Studnitzky

Es ist dies eine umstrittene Idee, weil Commerçons poppige Neu-Erfindung in den Augen vieler zu Lasten der Klassik-Musikfestspiele Saar geht, die ohne Landesförderung klarkommen müssen. Zudem hat vor zwei Jahren die Erstausgabe des als „Ministerfestival“ kritisierten Projektes „Colors of Pop“ so wenig gezündet, dass Commerçon den Reset-Knopf drückte. „Ich kann guten Gewissens sagen, dass ich mich an keiner Stelle eingemischt habe“, erklärte Commerçon am Mittwoch im Hinblick darauf, dass er kein Jurymitglied war. Wenn’s floppt, ist er nicht allein der Buhmann.

Nun sollen es jedenfalls Johänntgen/Studnitzky richten, zu deren Team noch ein Klassik-Fachmann gehört, Julien Quentin, verwurzelt in Paris. Das ist ohne Zweifel eine nahezu ideale Kombination: Musikalische Praxis bringen alle mit, dazu regionale Kenntnisse (Johänntgen), Festival-Erfahrung und internationale Label- und Agenturvernetzung (Studnitzky), Klassik- und Frankreich-Kompetenz  (Quentin). Gegen zwölf Mitbewerber setzte sich das Trio durch, in der letzten Runde am Mittwoch gegen zwei Teams, die einen noch deutlich stärkeren Saarland-Bezug hatten. Offensichtlich bevorzugte die Jury den frischen Wind, Unabhängigkeit statt Szene-Verpflichtungen.

Doch isoliert will das Trio keinesfalls arbeiten, sucht Kooperationen. „Wir werden die saarländische Szene mitnehmen und dem Saarland  auf keinen Fall irgendetwas aufdrücken“, das sagt Studnitzky der SZ am Telefon. Ihn reizte an der Ausschreibung vor allem der  Stil übergreifende Anspruch: „Anderswo, selbst in Berlin,  kämpft man gegen die Stilpolizei der jeweiligen Genres, man muss viel tun, um  aus den Schubladen rauszukommen, im Saarland ist das Voraussetzung. Die Festival-Idee ist frisch und mutig, wir können wirklich was Neues schaffen.“ Studnitzky betont den Schichten übergreifenden, nicht-elitären Ansatz, spricht von  „Offenheit“, „Überraschungen“ und „Kontrasten“. Bei XJAZZ, sagt er, bringe er Orchester in den Techno-Club oder lade DJs ins Foyer der Philharmonie. 20 000 Besucher erreicht das Festival – ohne öffentliche Unterstützung.

Johänntgen wiederum legt großen Wert auf die Mitmach- und Gute-Laune-Elemente im Programm, das idealerweise einen „Magnetismus“ erzeugen soll. „Wir möchten etwas schaffen, wo das Herz dabei ist. Es soll etwas sein, das zeigt: Hier steckt das Saarland dahinter“, sagte sie  im Anschluss an die Jurysitzung zur SZ.  Für Kinder und Jugendliche will sie jenseits der klassischen Kinderkonzerte Formate mit  Werkstatt-Erlebnissen  bieten, möchte Menschen zusammenzubringen, Laien mit Musikern, aber auch Musiker unterschiedlicher Genres. Große Namen werden kaum eine Rolle spielen, sondern die „Stars von morgen“ und regionale Akteure. Kurz:  2020 erwartet das Publikum wohl eher ein Musikfest denn ein Gastspiel-Festival. Zumal an die Gründung eines eigenen Festival-Orchesters gedacht ist: „Eklektik-Orchestra“.

Jurymitglied Patrice Hourbett hält die „ungewöhnlich offensive Art“, wie das Team auf die Menschen zugehen möchte, für einen „neuen Ansatz“.  Vieles Andere freilich, was vermittelt wurde  – seien es  die „ungewöhnlichen Locations“ bis zu Straßenkonzerten ­­– lässt sich kaum unter Rebellion oder Innovation einordnen. Will heißen: Das Festival-Rad kann und wird das Trio nicht neu erfinden. Aber womöglich werden sie neben dem Max-Ophüls-Preis ein zweites Festival der Herzen etablieren, eines der brennenden Herzen.

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