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Das neue Album „Kleine große Liebe“ von Annett Louisan

Annett Louisans Album „Kleine große Liebe“ : Belmondo und der Torsten mit den Borsten

„Kleine große Liebe“ heißt das neue Album von Annett Louisan. Im November gastiert sie damit in der Saarlandhalle Saarbrücken.

Ja, das Zusammenleben kann grausam sein: Eine Frau träumt von „heißen Nächten“, im „Himmelbett aus Samt“, von einem „Fremden in New York“, der in ihr „Leben rammt“. Doch real lauscht sie im Bett dem Schnarchen des Göttergatten, der früher besser aussah und weniger Haare auf dem Rücken hatte, „Torsten mit den Borsten“ heißt er und ist immerhin „total OK  für’n Hausgebrauch“. Ein wenig uncharmant ist das, aber auch nicht brutaler als der Chansons-Klassiker schlechthin über Beziehungsödnis und Attraktivitätsflüchtigkeit, Charles Aznavours „Du lässt Dich gehen“.

Das besagte Stück  „Two shades of Torsten“ stammt von Annett Loui­sans neuem Album „Kleine große Liebe“, das ambitioniert gleich ein doppeltes ist und en masse das bietet, wofür die Zartstimmige enorm populär ist: Chansonpop, den man als sympathisch unaufdringlich oder als etwas glatt und harmlos empfinden kann. Bei Louisan, die alle Texte mit einigen Kollegen geschrieben hat,  geht es meist um Liebe, Wohl und Wehe der  Zweisamkeit, Partnerwahl, das Kennenlernen, das Verlassenwerden oder die Angst davor – mit ein bisschen Aggression unterfüttert in „Ich tu nur weh, wenn ich liebe“, mal vor dem Hintergrund vieler guter Wünsche für die Welt („Vielleicht“).

Ebenfalls ein roter Faden ist die Vergänglichkeit in Beziehungen, siehe obigen Borsten-Torsten und die langsam eindösende Erotik in „Belmondo“. Während der im Stück Catherine Deneuve küsst (wohl in Truffauts „Das Geheimnis der falschen Braut“), liegt das Pärchen im Stück brav auf dem Sofa, während Louisan etwas knirschend reimt: „Hand in Hand sind wir ein Team / doch dieses Team ist nicht intim“. Die Alltagsbeobachtungen haben ihren Charme, doch manchmal wird es doch altbacken klischiert wie in einer TV-Beziehungskomödie aus den 1990ern: In „24 Stunden“ steht ein Date bevor, und das lyrische Ich sorgt sich um Cellulite, ihre Figur („für Weight Watchers ist es viel zu spät“), versteckt die „Sex and the city“-DVDs im Pizzakarton, bevor ihr die „beste Freundin“ einflüstert: „Verströme Intelligenz, aber nicht zu viel / er darf sich nicht eingeschüchtert fühlen“ und „rede bloß nicht über Politik / rede über Autos“. Ja, so sind die halt, die Mannsbilder. Oder machen sich Louisan und ihre Ko-Texter Peter Plate und Ulf Sommer (beide Ex-Rosenstolz) hier  über Geschlechts-Stereotypen lustig? Wie auch immer – käme noch der schwule beste Freund um die Ecke, mit dem man so gemütlich Torte essen kann, man müsste sich nicht wundern.

Abseits des Themas Zweisamkeit (auch als Mutter/Kind) geht es um den Mauerfall, der Platz schafft für Ikea, Sexshops und eine trügerische Euphorie; um Louisans überschaubare Körpergröße; um ein Familientreffen, bei dem sich die Spannungen zwischen Sekt und Vorspeise, die niemandem schmeckt, ins Schmerzhafte steigern. Und für die Oma wäre ja gedeckt, „doch Jens hat sie ins Irrenhaus gesteckt“ – womit wohl die Psychiatrie gemeint ist, in die man, muss man doch hoffen, so schnell keinen „stecken“ kann.

Man muss hier nicht jede Zeile mögen („Ich sehe wie die Erde weint“) oder kann über schiefe Sprachbilder stolpern wie „Wir sind verwandt / die Pistolen sind gespannt“ (ist der Abzugshahn gemeint?). Aber musikalisch in Szene gesetzt ist das gekonnt und abwechslungsreich – gerade die erwähnte Pistolen-Stelle klingt dank einer schönen Melodie viel besser, als sie sich liest; die zehn Stücke von CD 1 sind in Loui­sans bewährtem Chansonpop gehalten, mal zart hingetupft, mal nostalgisch arrangiert, mal mit gemäßigtem Jazz-Einschlag und ein wenig Scat-Gesang. CD 2 überrascht – die Musikerin, so klingt es, hat die 1980er entdeckt (oder wiederentdeckt, sie ist Jahrgang 1977) und den Elektropop dazu. Louisan, die auch schon mal Kraftwerks „Das Model“ aufgenommen hat, erinnert stellenweise an Bands wie OMD, als die gerade besonders poppig wurden. Synthetische Rhythmen wie aus den 1980ern, dazu ein Saxophon wie bei George Michaels Schmachtklassiker „Careless Whisper“ – ein Ausflug in eine andere Zeit. Aber als wolle sie ihre Fans nicht verschrecken, geht es auf der Zielgerade noch einmal in Richtung Chanson-Pop, hinein ins Wohlige.

Annett Louisan: Kleine große Liebe (Ariola/Sony Music).
Konzert: 18. November, Saarlandhalle (Sb).