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„Das Licht, das erlosch“ von Ivan Krastev und Stephen Holmes

„Das Licht, das erlosch“ : Liberalismus in tiefer Glaubwürdigkeitskrise

In „Das Licht, das erlosch“ zeichnen Ivan Krastev und Stephen Holmes nach, warum das westliche Demokratiemodell Opfer seines Erfolges wurde.

Was folgt aus Trumps alles andere als missionarisch ausgerichtetem Selbstverständnis der USA? Worauf gründet die Macht europäischer Populisten wie Orban oder Kaczynski? Inwieweit bedrohen das russische, eher Weltmacht vorgaukelnde System Putins und das chinesische, Weltmacht zeitigende Xi Jinpings das westliche? Maßgebliche Fragen für das Verständnis unserer Weltlage. Schon im Untertitel ihres Buches machen der bulgarische Sozialwissenschaftler Ivan Krastev und der US-Rechtswissenschaftler Stephen Holmes klar, dass ihre Analyse des westlichen Liberalismus für diesen wenig schmeichelhaft ausfällt: Handelt es sich doch um „eine Abrechnung“. Wieso?

Ausgerechnet durch das Ende des Kalten Krieges wurde der westliche Liberalismus laut Krastev/Holmes in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise gestürzt. „Ohne ein alternatives Machtzentrum, das seinen Anspruch auf die Zukunft der Menschheit infragestellt, ist der Liberalismus selbstverliebt vom Weg abgekommen“, resümieren sie am Ende ihres anregenden Buches. In drei Großkapiteln – in denen sie jeweils die heutige Rolle und Ausrichtung Mitteleuropas, Russlands und der USA thematisieren – zeichnen sie nach, weshalb das westliche Demokratiemodell seit den 90ern an Attraktivität eingebüßt hat und Opfer seines Erfolges wurde. Heute, so die Autoren, habe das Ideal einer „offenen Gesellschaft“ seinen einst bejubelten Glanz eingebüßt: Als die Berliner Mauer fiel, gab es weltweit 16 Grenzzäune, heute sind es 65 ländertrennende Absperrungen – nur die sichtbarste Form jener Selbstbezogenheit, die international um sich gegriffen hat. Abgrenzung ist heute total in.

Wo 1989 Hoffnung gesät ward, machte sich keine zehn Jahre später laut Krastev/Holmes tiefe Enttäuschung breit. Hinzu kam, dass die moralische Arroganz des Westens, je länger die erwarteten Verheißungen in Mitteleuropa ausblieben, dort eine weitreichende Gegenreaktion zeitigte: die Ablehnung, auf Dauer den unbedarften kleinen Bruder zu spielen, dem man vorschreibt, was aus ihm zu werden hat. Vor lauter West-Assimilierung litten die Adepten, so die Autoren, an einer „Nachahmungsvergiftung“, die zu einem Identitätsverlust geführt habe. Immer nur als minderwertige Kopie zu gelten, sei auf Dauer zu demütigend. Dann sei das Pendel unter Orban (Ungarn) und Kaczynski (Polen) ins Nationalistische umgeschlagen und beerdigte dort das Projekt vereintes Europa.

Zumal viele gut ausgebildete Mitteleuropäer im Lauf der 90er in den Westen übersiedelten und daher eine „Immigranten-Invasion“ – so unrealistisch diese war und ist – im Osten umso bedrohlicher wirken musste. Die demografische Panik in Ost- und Mitteleuropa, die Krastev/Holmes als Ursache der dortigen Fremdenfeindlichkeit ausmachen, sei durch niedrige Geburtenraten, Überalterung und Abwanderung begabten Nachwuchses bedingt. Die Flüchtlingskrise im Westen hätten die Populisten „als Gelegenheit zur Markenbildung für den Osten genutzt“. Und dann den Spieß umgedreht: Inzwischen feierten sich Warschau und Budapest als die wahren Europäer und wetterten gegen den angeblich verhängnisvollen Kosmopolitismus und wertenivellierenden Individualismus des Westens.

Während die mitteleuropäischen Eliten in den 90ern aus Überzeugung westliche Werte adaptierten, habe Russland – dessen Entwicklung seither Teil zwei des Buches nachzeichnet – die Übernahme westlicher Werte nur vorgetäuscht. Die postsowjetischen Machthaber seien „strategische Blender“ gewesen, die sich bloß den Anschein von Reformern gegeben hätten, um ihre Macht zu bewahren. Als dieses Ziel erreicht war, habe Putin diesen „liberale Mummenschanz“ beendet und jene antiwestliche Kehrtwende eingeleitet, die bis heute seine Politik prägt. Folgt man Krastev/Holmes, so zehrt Putin vom Nimbus, den Russen ihre im Zeichen westlicher Verbiegungen verlorene Seele wiedergegeben zu haben. „Anfang der 2000er Jahre hatte er sie von der erniedrigenden ‚Made in America‘-Wertehierarchie befreit, die seit 1991 galt. Als er 2014 die Krim annektierte, feierten sie sein Draufgängertum, denn damit machte er Russlands Unabhängigkeit (….) für alle sichtbar.“

Die Krim-Annexion war der Anfang dessen, was Krastev/Holmes dann eine „brutale Parodie westlicher Außenpolitik“ nennen – mit dem Ziel, den Westen zu diskreditieren. Auch die Einmischung Russlands in die US-Wahlen 2016 deuten sie in diesem Sinne: „Anstatt eine bröcklige demokratische Fassade in Russland zu stützen, beschloss der Kreml, der Welt zu zeigen, dass die amerikanische Demokratie selbst nichts anderes als eine bröcklige Fassade war.“ Seine eigene Macht habe Putin mit Hilfe unverhohlen manipulierter Wahlen gefestigt. Ihr alleiniges Ziel sei es, „das ‚alternativlose‘ Grundprinzip von Putins Herrschaft zu konstruieren“, damit die Russen umso fatalistischer den Status quo akzeptierten. Analog zu Orban und Kaczynski setzte auch Putin in Russland auf einen Rechtsruck, um die nationale Souveränität dauerhaft im Zeichen einer konservativen, autoritären Wende gegenüber einem vermeintlich dekadenten Westen abzusichern.

Ihr Erklärungsmodell des liberalen Nachahmungsimperativs wenden Krastev/Holmes in Teil 3 auf die USA selbst an. Trumps Wahlsieg 2016 deuten sie als historischen Wendepunkt im Selbstverständnis der USA. Trump habe propagiert, dass Amerika selbst zum größten Opfer der Amerikanisierung der Welt geworden sei. Während man jahrzehntelang zum Wohle anderer Weltpolizei gespielt und ein offenes Welthandelssystem unterhalten habe, hätten Exportnationen wie Deutschland, Japan oder China ihren Aufstieg als Trittbrettfahrer der USA genommen. Nachahmer allesamt, drohten sie die USA nun zu überholen. Während Trumps Unterstützer aus der Geschäftswelt mit Blick auf China „Copyright-Verstöße und Technologie-Klau fürchten, so haben seine verzückten Massen Angst vor kulturellen Verstößen und Identitätsklau“. Trump spiele auf der Klaviatur illegaler Einwanderung, um der um ihren Status fürchtenden weißen Arbeiter- und Mittelschicht neben dem verhassten Establishment einen weiteren Sündenbock zu präsentieren.

Zu recht erinnern die Autoren daran, dass die amerikanische Angst vor einer Übermacht Nicht-Weißer impliziert, „dass die kulturelle Identität der Einheimischen (…) etwas verstörend Oberflächliches ist, das Neuankömmlinge relativ leicht annehmen können“. Nicht minder aufschlussreich ist, dass Krastev und Holmes Trumps laxes Verhältnis zur Wahrheit als Ausfluss seiner Lebenshaltung deuten, wonach Lügen ein legitimer Weg seien, „sich in den vielen Wettbewerben des Lebens durchzusetzen“. Trumps Anhänger sähen darin eine Form von Aufrichtigkeit. „Wenn seine Unterstützer ihn also lügen hören, wissen sie, dass er das um eines strategischen Vorteils willen tut.“

Im Schlusskapitel umreißen die Autoren die raffinierteste Form politischer Nachahmung in Gestalt von Chinas Prinzip „genialer Aneignung“ westlicher Ideen. Chinas Aufstieg, der nicht zuletzt auf der Adaption westlichen Knowhows gründete, markiere „das Ende des Nachahmungszeitalters“. Unter Xi Jinping gehe es dem Riesenreich nicht um den Export chinesischer Ideologie, sondern um den seiner Waren. Anders als der Westen erweitere China seinen weltweiten Einfluss „ohne das Ziel, die Gesellschaft zu transformieren, über die es Macht ausüben will“. Letzteres, so deuten es Krastev/Holmes, war der Fehler des Westens. Seine Selbstgefälligkeit wurde bitter bestraft.

Ivan Krastev/Stephen Holmes: Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. Aus dem Englischen von Karin Schuler. Ullstein. 366 Seiten, 26 Euro.