Das Konzert-Phänomen Rammstein

Tour-Auftakt in Hannover : Das Konzert-Phänomen Rammstein

Die Gruppe ist bester deutscher Musikexport. Das Konzert im Rahmen der Stadium-Tour am Dienstagabend in Hannover zeigte auch weshalb.

Rammstein ist ein Phänomen. Nicht jeder mag sie. Wegen der mehrdeutigen Texte voll Sex, Gewalt, Grausamkeiten. Oder der Lichtästethik, die eben auch an Nazi-Ikone Leni Riefenstahl erinnern kann. Den Fans der weltweit ausverkauften Stadiontour sind solche Zweifel nicht anzumerken. Rammstein fasziniert die Massen mit martialischer Musik und einer phänomenalen Show. Den jüngsten Beweis liefert die Band aus Berlin am Dienstagabend vor rund 44 000 Menschen in der ausverkauften HDI-Arena von Hannover ab.

„Was ich liebe“ eröffnet das Konzert. Es ist einer von acht Songs des Abends vom neuen, titellosen Album. Fans mussten zehn Jahre darauf warten. Gitarrist Paul Landers berichtet im „Rolling Stone“ von Spannungen: „Es ging um Menschliches, da gab es ein paar Baustellen.“ Musikmachen sei ein bisschen wie Sex: „Man muss sich einigermaßen verstehen, damit es klappt.“

In Hannover klappt es. Die Fans sind dabei. „Bumm-Bumm-Bumm“, der Hamburger Professor für Neurowissenschaften, Erich Kasten, spricht vom Herzschlag der Mutter im Ohr des Fötus. „Das ist die Grundlage dafür, warum wir regelmäßige Takte von Musik als positiv empfinden“, sagt er zum Rammstein-Konzert. „Unser Gehirn funktioniert in Arbeitstakten und je näher eine Melodie diesen individuellen Arbeitstakten entspricht, umso mehr werden wir davon hingerissen.“

Die Menschen im Stadion sind hingerissen. „Links 2-3-4“ bestimmt den Takt. Die Musiker um Sänger Till Lindemann marschieren zum Song, der nach dem Riefenstahl-Skandal ihr Herz links schlagend verorten sollte. Auch die martialischen Klänge von „Tattoo“ oder „Sehnsucht“ wirken. Erste Pogo-Tänze. „Schon in archaischen Kulturen benutzten unsere Ahnen sich stetig wiederholende Rhythmen von Trommelmusik und rituellen Tänzen, um einen Trancezustand zu erzeugen“, sagt Kasten. Ob „Sehnsucht“ oder „Zeig dich“ – Christoph Schneiders Schlagzeug wirkt.

„Bässe, die den ganzen Körper in Schwingen versetzen, Lichtshows und Dunkelheit versetzen auch heute noch die Anwesenden in einen regelrechten Trancezustand.“ Für die Bässe ist Oliver Riedel zuständig, auch bei „Mein Herz brennt“. Womit wir beim nächsten Knaller-Song wären. Kasten: „Ekstase und auch erotische Gefühle überschwemmen das Gehirn mit körpereigenen Opiaten.“

Mit jedem Song gewinnt Rammstein die Oberhand über das weichende Licht. Dunkelheit ist ein Freund der Band. Die Texte von Sänger Till Lindemann wie nun bei „Puppe“ führen oft in die Tiefen menschlicher Abgründe, in Schattenreiche der Gefühle. Auf das Publikum regnet es dazu schwarze Konfettischnipsel.

Die Show von Rammstein ist Legende. Aufwändige Lichteffekte, schwarzer Rauch über dem Stadion, Dampffontänen, Nebelschwaden. Und immer wieder Feuer aus allen nur erdenklichen Positionen des riesigen Bühnenaufbaus. Rammsteins Feuer zerstört aber nicht. Es illustriert die Bedrohung, die in den Songs steckt.

Was macht eine solche Show aus einem Konzert? „Für die Zuschauer bedeutet das in erster Linie mehr Entertainment“, weiß die Münchner Konzertveranstalterin Shamma Laiquddin, „alles, was ich meinen Fans gebe, ist natürlich erstmal ein Plus.“ Das koste zwar Geld und erhöhe die Ticketpreise, bei Rammstein bis in den dreistelligen Bereich. „Aber die Fans wollen das auch sehen, die wollen eine besondere Show mit tollen Screens, mit viel Feuer, mit viel Rauch, mit viel Knallerei.“

Die Leute wüssten genau, welche Show sie sich anschauen, ob sie bei Helene Fischer „ein riesiges Entertainment“ erwarten oder bei Neil Young „eher eine handgemachte Rockshow“. Und bei Rammstein eben Nebel, Böller, Licht – und viel Feuer. Bei „Du hast“ oder „Sonne“ ist die Hitze der Flammen von Bühne und Türmen für die Fans zu spüren.

Darunter leidet die Spontanität, die Setlist der Konzerte weicht nicht ab. Spontanität könnte bei Rammstein auch fatale Folgen haben. Die Positionen auf der Bühne sind klar markiert, wenn Flammenwerfer in Richtung der Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers brennen. Oder wenn Sänger Lindemann Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz zum Menschenfressersong „Mein Teil“ mit Feuer im überdimensionierten Kochkessel malträtiert.

Die spektakuläre Show sorgt allerdings auch dafür, dass während des Rammstein-Konzerts viele Fans nur noch durch die Videokameras ihrer Smartphones auf die Bühne blicken.

Frontsänger Till Lindemann liebt den martialischen Auftritt. Foto: dpa/Christophe Gateau

Weitere Tour-Auftritte unter anderem am 13. Juli in Frankfurt/M. und am 20. Juli in Luxemburg.

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