Das Jugendstück „Fast Faust“ feierte Premiere im Saarbrücker Theater Überzwerg.

Jugendtheater Überzwerg : Zwei Schwangerschaften und ein Todesfall

Albert Frank hat aus dem berühmtesten deutschen Drama ein witziges Zweipersonenstück gemacht. Jetzt hatte „Fast Faust“ Premiere im Theater Überzwerg.

„Wer von euch hat den Faust gelesen?“ Es melden sich immerhin eine ganze Reihe von Menschen im Publikum, als Bob Ziegenbalg, eingangs in der Rolle des Intendanten, seine Frage stellt. Klar, der Faust. Wer kennt ihn nicht, zumindest dem Namen nach. Auch wer gar nicht weiß, um was es in Goethes Klassiker geht, ein paar Sprüche aus dem bekanntesten aller deutschen Dramen sind den meisten schon mal zu Ohren gekommen.

„Fast Faust“ von Albert Frank, das Dieter Desgranges für das Überzwerg-Theater inszeniert hat, ist eine heitere, gut verdauliche, komprimierte Faust-Fassung als Zweipersonenstück mit Rahmenhandlung. Bob Ziegenbalg als André und Gerrit Bernstein als Heiner schlüpfen in Dutzende Rollen, kommentieren die Handlung, kokettieren mit dem Publikum und erzählen noch dazu in rund eineinhalb Stunden eine – allerdings verzichtbare –  Rahmenhandlung, in der die frische Schwangerschaft der dritten Schauspielerin, Hanna, mit der Handlung um Faust, seinem Gretchen und dem bösen Mephisto verknüpft wird. Hanna taucht nie auf, weil sie eben schwanger ist und ihr der Kindsmord Gretchens emotional nicht zuzumuten sei, wie Heiner, ihr Schauspieler-Kollege, Freund und Vater des Kindes, erklärt. Hannas Rollen übernehmen deshalb die beiden anderen. Und so sieht man Bob Ziegenbalg alias André als Gott, Faust, Gretchens laszive Nachbarin Marthe und als Hexe. Außerdem ist er auch Intendant und Chefdramaturg. Als solcher nimmt er das Stück fürs Publikum auseinander, was den Unbelesenen die Sache enorm erleichert. Gerrit Bernstein gibt den  quirlig-frechen Mephisto – und den Rest des Ensembles, einschließlich Gretchen, den lispelnden Faust-Schüler Wagner als wunderbar nervigen Nerd, Gretchens Bruder Valentin. Das alles wirkt – wie auch die Kostüme (Ela Otto) wunderbar improvisiert. Gespielt wird in Jogging-Hosen, Turnschuhen. Nur Fausts Rüschenhemd und Mephistos rote Jacke sehen nach Theater aus.

Albert Frank wollte mit der Rahmenhandlung wohl eine Brücke schlagen von der Teenager-Schwangerschaft Gretchens, der als Ausweg aus ihrer Verzweiflung nur der Kindsmord blieb, zur heutigen Situation junger werdender Mütter wie Hanna. Das gelingt nicht recht –  um auf „des Pudels Kern“ zu kommen, ist die Geschichte überflüssig. Der Faust-Stoff, die Suche nach Glück und irdischer Erfüllung, der Kampf zwischen Gut und Böse, bietet genügend Themen. Die beiden Schauspieler bringen sie rasant und lustig auf die Bühne, so dass jeder einen Zugang findet. Denn „grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“ findet der schlaue Faust, der nach dem Pakt mit dem Teufel vom verstockten Wissenschaftler zum lässig-coolen Typen wird. Köstlich, wie Ziegenbalg als Faust breitbeinig auf Mauern abhängt, Frauen lüstern hinterherguckt und schließlich Gretchen/Heiner (Bernstein) rumkriegt. Der Koitus, ein dramaturgischer Höhepunkt des Abends, findet im Spiel zweier behandschuhter Hände statt, die sich erst gegenseitig entblättern und dann rumfingern, bis…

Dieser Faust passt ins Movie-Format und hält auch noch interaktive Elemente für die Spielkonsolen-verwöhnte Jugend bereit. Heiner und André unterbrechen ihr Spiel ständig (und ein bisschen zu oft), um sich zu streiten oder etwas zu erläutern. So erklärt sich manche Nebenhandlung. Zum Einsatz kommen als humoristisches Mittel der Entfremdung die „dramaturgische Tarnkappe“, die Heiner unsichtbar machen soll, oder die „fokussierte Zeitlupe“ beim Duell von Faust mit Gretchens Bruder Valentin. Köstlich kommentierte Unterbrechungen, die dem jungen Publikum helfen, fokussiert zu bleiben.

Die schwierigen Fragen, die der Faust aufwirft, werden aber nur gestreift. Zum Beispiel die zentrale Gretchenfrage, in der die 14-Jährige Faust, der ihr Vater sein könnte, fragt, wie er es mit der Religion halte. „Die Glaubensfrage mit diesem reduzierten Personal zu diskutieren, geht nicht!“, erklärt André dem Publikum – und weiter geht’s in der rasanten Handlung. Bei so viel Klamauk kann das Stück nur an der Oberfläche des Originals kratzen. Das macht aber nichts, als Einstieg in dieses Jahrhundertwerk funktioniert es hervorragend.

Am Ende, man weiß es ja, kommt die Kindsmörderin Gretchen doch noch in den Himmel und Bob Ziegenbalg raucht als Gott vergnügt ein Tütchen. Er hat Mephisto um Fausts Seele gebracht. Mal sehen, wie es weiter geht. Faust II kurz und knackig, das wäre doch auch eine Herausforderung.

Weitere Termine: heute (19.30 Uhr) und nach der Sommerpause des Überzwerg-Theaters am 30. August. Karten: Tel. (06 81) 95 82 83 11.

Mehr von Saarbrücker Zeitung