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Das Historische Museum Saar baut eine Corona-Sammlung auf

Zeugen der Pandemie im Saarland : Artefakte der Corona-Epoche werden auch im Saarland museal

Schätzungsweise landet irgendwann ein selbstgehäkelter Corona-Virus in der Vitrine des Stadtmuseums Wien, weggeworfene Gummihandschuhe im Kölnischen Stadtmuseum, Pandemie-Tagebücher im Berliner Historischen Museum.

Und sicher ist jetzt schon, dass das Krefelder Textilmuseum Schutzmasken ausstellen wird. Überall haben Museen und auch Universitäten begonnen, Zeitzeugnisse des historischen Ereignisses Corona-Krise zu sammeln, der Ausnahmezustand geht in die Archive und Depots ein. Auch im Saarland. Das alltagsgeschichtlich ausgerichtete Historische Museum Saar am Saarbrücker Schlossplatz baut gerade eine Corona-Sammlung auf und bittet die Saarländer um Mithilfe. Sie sollen Videos und Fotografien aus ihrem veränderten Alltag schicken, „authentische, spontane, persönliche Momente der Corona-Zeit“, so Museumschef Simon Matzerath. Diese Dokumente werden dann im Digital­archiv des Museums verwahrt, eine Auswahl davon soll auf der Homepage dauerhaft online zugänglich sein.

Matzerath erwartet sich von Alltags-Aufnahmen einen neuen, alternativen Blick zu dem der Medien, die am Spektakulären interessiert seien: „Wenn bei der Maskenausgabe am Ludwigsplatz niemand warten muss, am Rotenbühl aber eine hundert Meter lange Schlange entsteht, werden Redaktionen sicher eher das Rotenbühl-Bild veröffentlichen“, meint er. Und Letzteres präge dann das historische Bild. Doch die Museumsleute vertrauen nicht nur auf die Bürger-Sammlung, sie sind bereits aktiv geworden. So wurde beispielsweise Videomaterial von vier Rundgängen durch leergefegte saarländische Städte archiviert, ebenso in Obhut genommen wurde eine selbstgebaute Corona-Maske. Angekauft wurde zudem das „Kunst-Care-Paket“ des saarländischen Künstlerpaares Krenkel/Himmel, das derzeit fünf Objekte – „physische Kunst als Sinn-Insel“ – an „Kunstbedürftige“ verschickt. Ein Objekt, das eine Geschichte erzählt, über den Kulturhunger der Bürger und die Existenznot der Künstler.

 Außerdem wird der gesamte interne Museums-Mailverkehr zum Thema gespeichert sowie Passierscheine und Formulare eines Haustechnikers. Der Deutsche wohnt in Frankreich und wurde vom ersten Corona-Tag an dazu angehalten, komplett alle Grenzübergangs-Dokumente aufzubewahren. Darunter ist auch das erste provisorisch ausgestellte handschriftliche Papier von Matzerath, dass der Techniker im Historischen Museum Saar angestellt ist. Wann sich dieser Zettel als Ausstellungsobjekt im Saarbrücker Museum wiederfinden wird, darüber will Matzerath nicht spekulieren. Wann wird überhaupt etwas historisch? Dafür gibt es laut Matzerath keinen Richtwert.

 Freilich halten sich Museumsleute allerorten grob an die Leitlinie, dass Historie, selbst Gegenwarts-Historie, zur Erforschung Abstand braucht, um eine Perspektive mit Überblick einnehmen zu können. Deshalb hat das Saarbrücker Team auch kein konkretes Corona-Projekt auf der Projekt-Liste. Zumal für Matzerath gilt: „Wenn wir etwas zeigen, muss es dafür öffentliches Interesse geben und wir müssen Mehrwert liefern, den Horizont erweitern.“ Bei Corona funktioniere das gerade nicht, weil die Menschen überfrachtet würden mit Informationen. Museal müsse man da nicht noch eins draufsetzen. Denkbar ist für den Museumschef aber schon, dass die Corona-Krise in gar nicht allzu langer Zeit in eine neue Abteilung des Museums zur Geschichte des Bundeslandes Saarland Eingang findet, etwa im Kapitel Strukturwandel abgehandelt wird.