Das Bundestreffen „Jugendclubs an Theatern“ in Saarbrücken

Bundestreffen „Jugendclubs an Theatern“ in Saarbrücken : „Sei doch einfach mal Du selbst“ – leichter gesagt als getan

Das Bundestreffen „Jugendclubs an Theatern“ läuft gerade erstmals in Saarbrücken – wir haben uns bei einer Aufführung in der Alten Feuerwache umgeschaut.

Von der Decke baumeln Mikrophone, wie eine moderne Rauminstallation. Zu Musik machen Jugendliche konzentriert Dehnübungen auf dem Boden oder laufen geschäftig umeinander. Man hantiert mit Rettungsfolien, diskutiert, ein Mädchen übt Blockflöte. Die jungen Leute scheinen völlig absorbiert und tun so, als ob das Publikum gar nicht da wäre.

Wer am Montagabend die Alte Feuerwache betritt, ist schon vor Beginn der eigentlichen Vorstellung mittendrin im Geschehen: Der „tanzmainz club“ des Staatstheaters Mainz zeigt sein Tanztheater „Selbst, genug?“ nach Motiven von Henrik Ibsens dramatischem Gedicht „Peer Gynt“ (und mit musikalischen Fragmenten aus Edvard Griegs gleichnamiger Oper). Die Produktion ist Teil des 29. Bundestreffens „Jugendclubs an Theatern“ vom 15. bis 20. September. Dass das Treffen, ausgerichtet vom Bundesverband Theaterpädagogik, in diesem Jahr in Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater (SST) zum ersten Mal in Saarbrücken stattfindet, kommt nicht von ungefähr: Luca Pauer, Leiterin des „Jungen Staatstheaters“, gehört der neunköpfigen Fachjury des Bundestreffens an. Den Weg dahin ebnete unter anderem ihre Inszenierung „Tristan und Isolde“ (fürs Landestheater Coburg), die 2016 selbst als eine von jährlich sechs „bemerkenswerten Inszenierungen“ zum 26. Bundestreffen eingeladen war.

Am Sonntag lief nun in der Feuerwache zur Eröffnung Pauers aktuelle Inszenierung „Ich, Ikone“, eine Produktion des Jungen Ensembles des SST nach Darstellungen der Heiligen Johanna von Orléans. Zum weiteren Rahmenprogramm an verschiedenen Orten (darunter Jugendzentrum Försterstraße, Theater Überzwerg) gehören außerdem moderierte Aufführungsgespräche, Konzerte sowie Kurse rund um Bühnenbild, Dramaturgie oder Design von Plakaten und Programmheften. Parallel entwickeln junge Regisseurinnen und Regisseure nach einem zuvor eingereichten Konzept mit den Jugendlichen kurze Stücke, so genannte „Short Acts“. Und bei der Werkstatt „Intervention: Europa – Junges Theater für Demokratie“ soll – erstmals in Zusammenarbeit mit der weltweit operierenden „Assitej“ (Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche) - über die Zukunft unseres Kontinents diskutiert werden.

Auch diesmal sichtete die Jury im Vorfeld etliche Produktionen von Jugendclubs, die bundesweit von Profis an Stadt-, Landes- und Staatstheatern betreut werden. Ausgewählt wurden erneut sechs Inszenierungen (zwei aus Mainz, zwei aus Weimar, eine aus Bremen sowie eine inklusive Produktion des Jungen Schauspiels Frankfurt), die sich kreativ mit der Realität auseinandersetzen und Position beziehen: Produktionen, in denen die Jugendlichen Fragen nach Schuld, Gerechtigkeit, Mut, Freiheit und Zukunft stellen; in denen sie mündige Selbstbilder schaffen und Verantwortung übernehmen.

Dass es mit besagtem Selbstbild gar nicht so einfach ist, bezeugte nun eindrucksvoll die Aufführung „Selbst, genug?“ des „tanzmainz club“, die von den zwölf Jugendlichen zusammen mit einem Schauspieler und einem Choreografen erarbeitet wurde. „Sei doch einfach mal Du selbst!“ Leicht gesagt. Denn wer bin ich überhaupt? Und genügt dieses Selbst – mir und anderen? Schaffe ich es, mich von gesellschaftlichen Erwartungs- und eigenen Anspruchshaltungen nicht verbiegen zu lassen? Und kann ich mit Lügen die Realität verdrängen – wie der junge Bauerssohn Peer Gynt, der sich in Allmachts- und Heldenfantasien flüchtet?

Hier darf, geschlechterübergreifend, jeder mal ein moderner Peer Gynt sein und seine eigenen Erfahrungen einbringen beim Versuch, sich zu behaupten. Der eine taumelt und fällt immer wieder hin; die andere holt zur temperamentvollen Publikumsbeschimpfung aus und schleudert den überwiegend jungen Zuschauern ein zorniges „Fickt Euch!“ entgegen. Im Druckfeld aus Wollen, Müssen, Unsicherheit, Rechtfertigung, Revolte und Verweigerung herrscht viel Gerenne und klumpendes Synchron-Tanzen, bei dem den Akteuren oft der widrige Wind eines Ventilators entgegenbläst.

Daraus brechen ruhigere Szenen oder Monologe aus, per Live-Kamera kommentiert von einem Chor nicht gedachter Gedanken, ungesagter Worte, nicht getaner Dinge. Ein temporeiches Spiel im Spiel, das mit der offen verhandelten Kombination aus Tanz, Schauspiel und sparsam eingesetzten Mitteln überzeugt und von der beachtlichen Bühnenspannung der Jugendlichen lebt. Und obendrein macht es, durch das Hinterfragen des Regieführens an sich, das Medium Theater zum Teil des Diskurses. Tosender Applaus.