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Das 5. Saarbrücker "FreeJazzFestival" setzte wieder magische Glanzpunkte

Saarbrücker „FreeJazzFestival“ : Jenseits allen Mainstreams und aller Weicheicher

Rückblick auf das packende, facettenreiche 5. Saarbrücker „FreeJazzFestival“: Glanzpunkte setzten neben Trevor Watts und Joe McPhee auch einige Lokal-Matadore.

Freejazz-Treffen sind rar. Das mag nur einer der Gründe sein, warum die kleine Saar-Metropole in dem Genre derzeit so hoch im Kurs steht: Erfreulich stark war einmal mehr der Besuch beim „FreeJazzFestival Saarbrücken“, das am Wochenende seine 5. Auflage erlebte. Nicht nur internationale Pressevertreter waren angereist, einer sogar aus Schweden, auch viele der üblicherweise bereits in fortgeschrittenem Alter befindlichen Fans frei improvisierten Musizierens hatten Hunderte von Kilometern zurückgelegt. Da konnte man mit Besuchern aus Frankfurt und Duisburg plaudern, die Saarbrücken bislang gar nicht „auf dem Schirm“ hatten – und sich nun angetan zeigten: von der Musik, dem Charme des Festivals und dem Drumherum.

Selbst der bescheidene Saal des Gemeindezentrums Alte Kirche, mangels bezahlbarer Alternativen als Hauptspielort dienend und vom Wuppertaler Künstler Jorgo Schäfer mittels Bühnendekoration wieder behaglich hergerichtet, stieß auf Sympathien: Als Freejazz-Freund sei man in Sachen Ambiente ohnehin nicht verwöhnt, war zu vernehmen. Begrüßt wurde die zentrale Lage am St. Johanner Markt, mit Saarbrücker Flair zum Greifen sozusagen. Vor allem Zugkraft zu besitzen scheint aber die konsequente Programmpolitik des künstlerischen Häuptlings Stefan Winkler mit Unterstützung des noch kleinen Vereins FreeJazzSaar: Winklers Liste ist nichts für Weicheier und Mainstreamer. Bleibt zu hoffen, dass er das Festival nicht zuletzt auch dank privater Spender weiterführen kann. Die erste Aprilwoche, so verriet Winkler, soll jedenfalls zum kalendarischen Stammplatz werden.

Eine äußerst schlüssige Idee war die große Saxofon-Klammer dieser 5. Ausgabe mit den drei 80sten Geburtstagen im Fokus. Saxofon-Jubilar Trevor Watts eröffnete am Freitag sogleich mit einem packenden und facettenreichen Set. 80 Jahre und kein bisschen leise: Der fitte Brite tänzelte von einem Bein aufs andere und lehnte sich dezent in die Rückenlage, ebenso souverän floss sein langer Atem ins Saxofon, dem flinke Tonkaskaden und Repetitionen enteilten. Wenn Trevor Watts‘ expressiver Ton mal Pause hatte, dominierte sein Dauer-Partner Veryan Weston mit energischen Griffen in die Klaviertasten. Schlagmann Mark Sanders und Kontrabassist John Edwards empfahlen sich als aufmerksame Begleiter, ob nun bei druckvollen oder in lyrischen Passagen, die mit veritablen Songstrukturen zu den konventionellsten Augenblicken des gesamten Festivals zählten. Die starke Vorstellung des Watts-Quartetts konnte an jenen beiden Abenden nur einer toppen: Der Saxofon-Senior Joe McPhee (auch Trompete) und sein Trio zauberten einige wahrlich magische Glanzpunkte. Das traumhafte Miteinander des 2017 gegründeten Dreiers erlaubte eine Stringenz, die ihresgleichen sucht. Schiere Ekstase und Energieentladung auf der einen, mit wenigen Tupfern markierte Intimität auf der anderen Seite. John Edwards‘ Bass-Eruptionen waren nicht minder Naturereignisse als McPhees seelenvolle Saxofon-Statements und seine Gesangseinlagen – und Klaus Kugels Schlagzeugkunst bildete die potenzierende Ergänzung.

Zum Ausklang schickte McPhee musikalische Genesungsgrüße in den Äther – an die Adresse von Charles Gayle, dritter Saxofon-Jubilar und potentieller Headliner des Meetings. Die Besucher hatten es gleich zu Beginn erfahren: Nach einem Kollaps auf dem Weg zum Flughafen weilte Gayle im Krankenhaus, scheint sich aber (Stand Samstag) auf dem Weg der Besserung zu befinden. Dass Festivalchef Winkler nach dem Ausfall eines zentralen Programmpunktes binnen Tagesfrist eine komplette Ersatzmannschaft auf die Bühne stellen konnte, zeugt von Organisationstalent: Unter der Ägide des luxemburgischen Altmeisters Michel Pilz (Bassklarinette) sorgten Frank P. Schubert (Saxofon), Stefan Scheib (Bass) und Klaus Kugel (Schlagzeug) für eine wahrlich würdige Vertretung. In farbenreichem Miteinander ergänzten sich die Bläser; an der Rhythmus-Basis wuchs der Saarbrücker Scheib nicht selten zum Dreh- und Angelpunkt des Ensembles – kurz: im Pilz-Vierer wurde mitreißend und auf hohem Niveau gejazzt.

Und noch ein Saarländer: Entscheidende Impulse verdankte das Festival dem allgegenwärtigen Posaunisten Christof Thewes. Im „Kaluza Quartett“ war der gewohnt feurige Thewes nun als Motor des Ganzen für die offensiven Bläser-Akzente zuständig, während die Berlinerin Anna Kaluza auf der anderen Seite des Emotionen-Spektrums mit warmer, schlanker Saxofonstimme und leichtfüßiger Eleganz bestach. Trümpfe der kurzweiligen Fantasien waren rasante Manöver wechselnder Grooves von Jan Roder (Bass) und Kai Lübke (Schlagzeug). Durchwachsene Eindrücke hinterließ der Auftritt von Sabir Mateen (Saxofon) und Luis Lopes (E-Gitarre). Das Duo existiere „nominell erst seit zwei Wochen“, so Winkler, es wurde eilends nach der Absage des Gitarristen Juozas Milasius formiert. Nun, in der dürren Startphase des jazzigen Tête-à-Tête hatte Sabir Mateen hier mit agilen Saxofon-Pirouetten die Nase vorne, dann gab es einige gemeinsame Höhepunkte, und gegen Schluss wirkte Luis Lopez ideenreicher und frischer als der Partner. Eine Attraktion der heftigen Art war zweifellos der Dreier „Steamboat Switzerland“: Heavymetal trifft freies Improvisieren, und zudem mit Hammondorgel – das hat Seltenheitswert.

Die Einladung nach SB unterstreicht Winklers weiten Blickwinkel in Richtung Avantgarde. Schade nur, dass das Dampfboot um Orgel-Steuermann Dominik Blum mit schlichtweg gehörschädigender Lautstärke zum Festival-Kehraus viele Freejazz-Jünger aus dem Saal trieb.