Autor Peter Schneider kommt zu einer Konzertlesung nach Saarbrücken

Lesung in Saarbrücken : Vivaldi und seine ungezählten Töchter

Autor Peter Schneider hat einen bemerkenswerten Vivaldi-Roman geschrieben. Am Freitag liest er in Saarbrücken, und Bernhard Leonardy spielt dazu.

Wer wohl ist der berühmteste Komponist der Welt? „Unser Wolferl natürlich“, antworten die Österreicher und meinen Mozart. „Handel“, die Engländer – die ä-Pünktchen haben schon den Brexit gemacht. Wobei wir Deutschen uns bei dem Hallenser schon warmrufen können, bevor wir uns zwischen Bach und Beethoven entscheiden. „Heiho, Wagner“ schallt’s aus Bayreuth noch machtvoll dazwischen. Weltweit gesehen liegt die Wahrheit allerdings woanders: Denn Vivaldi kennt nun wirklich jeder, besser gesagt sein Opus Nummer 8, die „Vier Jahreszeiten“ – und meist auch nur das. Ansonsten nimmt man den barocken Meisterkomponisten und Geigenstar oft bloß als Schatten wahr. Ein Mann, der hinter seinen so viel gespielten wie oft verhunzten vier Violinkonzerten verschwindet. Als Pizzawerbungs-Dudelei wie als Profilierungsstück für Violinen-Elfen und Punkgeiger mussten Vivaldis Quattro Stagioni immer wieder herhalten. Ein einziges Furioso.

Ein Glück, dass Altmeister Peter Schneider nun mit seinem neuen Roman „Vivaldi und seine Töchter“, aus dem er am Freitag in Saarbrücken liest, Licht ins biographische Dunkel bringt. Er spürt dem Komponisten im herrlich dekadenten Venedig nach, der Heimatstadt des „Prete rosso“. Si, ein Rotschopf war er – wie so viele genialische Menschen. Und Priester musste der 1678 geborene Antonio Lucio werden, weil’s die Mama so wollte. Tatsächlich war Vivaldi, sofern man Schneiders akribisch recherchierter Lebensbahn Vivaldis folgt, wohl ein vergleichsweise sittenfester Mann. Anders als viele seiner Mitbrüder, die in der generell genusssüchtigen Lagunen-Republik nichts anbrennen ließen. Nicht bloß deshalb war der Nachwuchs für die „Waisenhäuser“ Venedigs stets garantiert.

An einem jener Waisenhäuser, dem Ospedale della Pietà, arbeitete auch Vivaldi als Komponist, Dirigent und Musikerzieher (das Messe lesen war seine Sache nicht) für eher bescheidenes Gehalt. Doch er hatte dort einen Schatz an Musikerinnen. Die Mädchen, die von der Pietà aufgenommen wurden, konnten, Talent vorausgesetzt, Musikerinnen werden – statt in Wäscherei oder Küche zu landen. Ihr jeweiliges Instrument wurde gar zu ihrem Nachnamen – wie etwa bei „Cattarina del Violo“ oder „Maria della tromba“. Nicht zu vergessen Anna – Vivaldis vielleicht einzige echte Liebe. Für diese Mädchen und jungen Frauen, die Figlie della Pietà, die Töchter der Pietà, komponierte Vivaldi vor allem. Viele seiner heute leider eher unbekannten geistlichen Werke schrieb er für sie. Und auch später, als er Opern und Konzerte komponierte, blieben sie ihm Inspiration.

Geistreich folgt Schneider, selbst Sohn eines Komponisten und Dirigenten, Vivaldis Lebensweg. Mal mit großer Erzählerlust fabulierend und zugleich ein Sittenbild Venedigs liefernd, mal dokumentarisch auch über seine Recherchen berichtend. So formt sich ein facettenreiches Mosaik, das den Menschen Antonio Vivaldi und die Fülle seines Schaffens spiegelt, mal den Scheuklappenblick auf die „Vier Jahreszeiten“ weitet. Eine Freude, diese Lektüre. Und wohl noch zu überbieten, wenn man dazu wie an diesem Freitag, 22. November, Vivaldis Musik hören kann, wenn Schneider in der Basilika St. Johann in Saarbrücken liest. Und Basilika-Kantor Bernhard Leonardy auf der Orgel spielt – Vivaldi natürlich.

Bernhard Leonardy spielt zu Schneiders Lesung die Orgel. Foto: Thomas Reinhardt

Peter Schneider: „Vivaldi und seine Töchter“, Kiepenheuer & Witsch, 288 S., 20 Euro.
Lesung und Konzert: Peter Schneider/Bernhard Leonardy, 22. November, 19.30 Uhr, Basilika St. Johann.

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