Ausstellung "Konstruierte Welten" im Centre Pompidou in Metz

Ausstellung im Centre Pompidou : Konstruierten Zusammenhängen fehlt es an rotem Faden

Das Centre Pompidou in Metz enttäuscht mit einer Ausstellung zur Bildhauerei des 20. Jahrhunderts.

Das Centre Pompidou in Metz hat ein Problem. Die Besucherzahlen bleiben seit Jahren hinter den Erwartungen zurück und wie so oft, wenn sich die Kulturpolitik einmischt, ist das nicht zum Besten des Museums. Um kostengünstiger zu werden, wollten Regional- und Landespolitiker immer wieder größere Dauerausstellungen aus den Sammlungsbeständen heraus organisiert sehen. So richtig funktioniert hat das bisher allerdings kaum, denn die Sammlung des Centre Pompidou ist zwar herausragend, doch gerade diese Ausstellungen wirken eher lieblos konzipiert und bleiben meist weit unter den Möglichkeiten des Hauses.

Leider ist auch die aktuelle Sammlungspräsentation „Konstruierte Welten“ nicht wirklich ein großer Wurf. Der Besuch der Ausstellung lohnt sich schon wegen der herausragenden Exponate, doch der Parforce-Ritt durch die Kunstgeschichte der Bildhauerei des 20. Jahrhunderts bleibt im Ansatz stecken, die versprochene Neubewertung fällt aus.

Dabei ließe sich allerhand Spannendes erzählen. Die Kunst des 20. Jahrhunderts wurde schon in den ersten Jahrzehnten bestimmt von einer zunehmenden Abstraktion und einer Abkehr von der akademischen Tradition der naturgetreuen oder idealisierten Figuration. Die Kubisten begannen früh, Objekte und Menschen zu zersplittern. Sie zergliederten Volumina in geometrische Formen. Immer stärker hinterfragten Künstler in den folgenden Jahrzehnten Form, Fläche und Raum und trieben die Abstraktion voran. Auf diese Entwicklung konzentriert sich die Ausstellung.

Die Schau beginnt schon in den ersten Räumen mit einem Meisterwerk. Constantin Brâncusis „Endlose Säule“ steht da in einem der ersten Säle in einer hölzernen Ausführung. Wunderbar auch im nächsten Saal die Zeichnungen im Raum, wie etwa Julio Gonzalez‘ „Femme à la Corbeille“ aus dem Jahr 1934. Gonzalez, so etwas wie der Urvater der modernen Stahlskulptur, schuf aus dünnen Stahlstäben eine weibliche Gestalt. Spannend durchaus auch im nächsten Raum die Verknüpfung von Architektur und Bildhauerei. Die aus Linien und rechten Winkeln bestehenden Gebilde erinnern mit ihrer orthogonalen Geometrie an Modelle modernistischer Architektur. Kasimir Malewitschs „Gota“ ist ein wunderbares Beispiel dafür.

Im folgenden Saal versammelt Kurator Bernard Blistène dann unter der Überschrift „Monument“ große Werke, die Ideale, wie technischen Fortschritt, Demokratie und Pazifismus verkörpern sollten. Das „Monument der 3. Internationale“ von Wladimir Tatlin aus dem Jahr 1919 wurde nach der Oktoberrevolution geschaffen. Die spiralförmig gewundene Stahlkonstruktion sollte den Eiffelturm in seiner Höhe übertreffen und eine Kugel, einen Würfel, eine Pyramide sowie einen Zylinder mit verschiedenen Behörden beherbergen. Es blieb ein futuristischer Traum aus Maschine und Architektur, denn umgesetzt wurde dieses Vorhaben nie. Und doch wurde die Arbeit zum Ausgangspunkt der Architektur des russischen Konstruktivismus.

Wirklich monumental ist Rachel Whitereads Gips-Plastik, der ein eigener Raum gewidmet ist. Anlässlich des anstehenden Teilabrisses des Hauptquartiers der BBC wurde Whiteread im Jahr 2003 eingeladen, die Erinnerung an das Gebäude zu konservieren. Die Künstlerin nahm einen Gipsabdruck eines Raumes im Gebäude und wählte „Room 101“. Von diesem Zimmer hatte sich George Orwell, der Anfang der 1940er Jahre selbst bei der BBC gearbeitet hatte, inspirieren lassen, als er den Folterraum gleichen Namens in seinem Roman „1984“ beschrieb.

Es folgen die Kapitel Freie Form, Strukturen, Bewegung und Gleichgewicht mit wunderbaren Arbeiten wie etwa Alexander Calders Mobile „Fish Bones“ und der Raum zu Prozessen, der sich mit der Minimal Art beschäftigt. Es folgen die Kapitel „Instabilität“ mit fragilen Werken von Bruce Nauman, der gerade auch im Saarlandmuseum gastiert und schließlich das „Dekonsturieren“ mit Monika Sosnowskas Werk „Rubble“, bei dem in der Decke des Raumes ein Loch klafft. Am Boden liegen die scheinbar herausgebröckelten Bestandteile in präzisen geometrischen Formen.

Die Ausstellung umfasst etwa 50  Werke verschiedener Künstler. Diese Auswahl erlaubt eine große Vielfalt, aber keinen roten Faden. Leider fehlen bedeutende Akteure, wie etwa Eduardo Chillida, Hans Arp, Norbert Kricke oder David Smith. Das Sammelsurium ist ein zusammenhangloses Nebeneinander unter scheinbarer thematischer Nähe, die aber nicht wirklich existiert. Kurator Blistène spricht davon, dass die lineare Geschichte der Bildhauerei angesichts der „pluralistischen Moderne“ in ihrer Komplexität neu überdacht werden müsse und tut das Gegenteil. Er presst die komplexen Zusammenhänge in thematische Muster, die nur sehr oberflächlich Gemeinsamkeiten bieten und weder neu noch originell sind. Das ist gerade auch aufgrund der Qualität der Werke bedauerlich, weil es einen echten Dialog verhindert.

Max Bills „Unendliche Schleife“ (1960-1961). Foto: ADAGP, Paris/Centre Pompidou/ADAGP, Paris

„Konstruierte Welten“ läuft bis 23. August 2021.