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Ausgabe 122 der "Saarbrücker Hefte" über Rechtsextremismus und Kolonialismus.

Ausgabe 122 der "Saarbrücker Hefte" : Als das Saarland Afrikaner ausstellte

Die neuen „Saarbrücker Hefte“ bieten Blicke in die Vergangenheit und Kritik an der Gegenwart. Um Kolonialismus und Rechtsextremismus geht es, um Verkehrspolitik, Literatur und Bildende Kunst.

Die Aktualität hat die neue Ausgabe überholt - Titelthema der „Saarbrücker Hefte“ Nummer 122  ist der Mord an Samuel Yeboah in der Nacht zum 19. September 1991; der Ghanaer  starb nach einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Saarlouis-Fraulautern, zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt, als sie aus dem brennenden Haus sprangen. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken stellte die Ermittlungen nach einem Jahr ergebnislos ein – erst 2020 wurde der Fall neu aufgerollt, wobei auch die Ermittlungen 1991/92 untersucht werden: Wurde eine Spur in die rechtsextreme Szene nicht gründlich genug verfolgt? Anstoß für die „Hefte“, sich dem Thema zu widmen und zu fragen: „Waren es Skins?“. Der Text von Ex-„Spiegel“-Redakteur“ Wilfried Voigt mag jetzt nicht mehr auf dem neuesten Stand sein – denn nach Redaktionschluss der „Hefte“ im Dezember hat die Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen einen 49-Jährigen aus der rechtsextremen Saarlouiser Szene begonnen. Lesenswert ist er dennoch (und kostenlos zu lesen auf der Internetseite der „Hefte“). Voigt zeichnet die Zeit der Tat nach, zitiert nicht-öffentliche Aussagen aus der Politik von damals, nach denen Saarlouis „ein Schwerpunkt rechtsextremer Aktivitäten im Saarland“ geworden sei. Öffentlich wurde dieser Eindruck aber von der Politik abgewiegelt. Vogts These über die Gegenwart: Das „Problem des Rechtsextremismus“ sei auch fast 30 Jahre nach dem Tod Yeboahs „dramatisch“. In dem Magazin schließt sich eine mehrseitige Chronik rechter Gewalt im Saarland der vergangenen 30 Jahre an: vom Neonazi-Angriff mit Knüppeln und Messer auf Roma 1990 bis zum Messerangriff auf einen Afrikaner in Burbach im Juni 2020. Eine grausige Lektüre.

Kolonialismus ist ein weiteres Thema – so blickt Sadija Kavgic auf die „Kola“, die „erste große Kolonial-Ausstellung“ April/Mai 1913 in Saarbrücken. Die warb vollmundig per Aushang mit vermeintlichen Attraktionen wie einem „ostafrikanischen Negerdorf mit 40 Eingeborenen aus Ostafrika“ und „Häuptling Ogas mit seinen Lieblingsfrauen“. In dem Rahmen der „Kola“ fand auch die Fahnenweihe der „ehemaligen Afrikaner“ statt – gemeint sind deutsche Kolonialtruppen, die wenige Jahre zuvor einen Volksaufstand in Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) blutig niederschlugen. Bei dieser Fahnenweihe wurden die Aufständischen „die räuberischen Horden in Südwest“ genannt – eine sprachlich perfide Umkehrung der Tatsachen.

Ausgabe 122 der „Saarbrücker Hefte“ Foto: Saarbrücker Hefte

Verkehrspolitik ist ein regelmäßiger Schwerpunkt der „Saarbrücker Hefte“ ist die Verkehrspolitik, auch diesmal: Filmemacher und Autor Klaus Gietinger, dessen Buch „Vollbremsung - Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen“ viel Beachtung fand (und ihm eine Morddrohung einbrachte), beschäftigt sich mit den Regionalflughäfen der Großregion: Saarbrücken, Luxemburg, Metz-Nancy-Lorraine, Hahn, Lüttich und Charleroi. Die kannibalisierten sich gegenseitig, sagt Gietinger, und lebten „von staatlichen Investitionen“, nicht zuletzt der Saarbrücker Flughafen. „Das ist ökonomisch und ökologisch schwachsinnig.“ Gietingers Vorschlag: alle Flughäfen außer Luxemburg aufgeben und deren Subventionsgelder in den ÖPNV stecken und in den Ausbau beziehungsweise die Reaktivierung von Bahnstrecken – so dass man etwa von Saarbrücken aus nicht mehr zwei Stunden mit dem Bus zum Flughafen Luxemburg brauche.

In diesem Zusammenhang kritisiert Werner Ried (Allianz Pro Schiene) in seinem Text „Irrwege der Asphaltierung“ die saarländische Wirtschafts- und Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD). Für die geplante „Nordsaarlandstraße“, für Ried „nur eine Nordumfahrung von Merzig“, und die Umfahrung von Riegelsberg „auf zusätzlichem Asphalt, wo heute Wald steht“, seien Mittel vorhanden; aber für die „gesetzlich gebotene Daseinsvorsorge beim Angebot von Bussen und Bahnen sowie zum Ausbau von Rad-Infrastruktur“ fehle „angeblich“ das Geld. Ried spricht von „Verblendung“ und vermisst insgesamt eine nachhaltige Verkehrspolitik. Seine letzte Bitte: Beim Bau der Batteriefabriken in Heusweiler-Eiweiler und Überherrn solle man nicht die Radwege zu den Werken vergessen. Mal abwarten.  

Lesenswert ist auch ein Text von Laura Weidig, die sich anhand des 50. Geburtstags der Saarbrücker Mensa mit der Architektursprache des Brutalismus beschäftigt und dessen „Gedanken der Aufrichtigkeit“: Das Material Beton soll nicht anders aussehen als  Beton, und die Konstruktionsteile sollen ihre Funktion nicht verbergen – Gebäude also, die von ihren Herstellungsbedingungen und von ihrem Zweck erzählen. Vielleicht wird man die Mensa nach Lektüre des Textes noch schöner (oder noch weniger schön) finden als zuvor – aber anders anschauen wird man sie in jedem Fall.

Im weniger politisch denn künstlerisch ausgerichteten letzten Heftdrittel gibt es einen Blick auf den im Saarland geborenen Schriftsteller Wolfgang Brenner und dessen literarischen Bezug zur  alten Heimat; Ralph Schocks Buch über Spuren des Expressionismus in der Saarregion und das Buch „Ver_Dichtungen“ des in Saarbrücken lebenden Künstlers Albert Herbig (wir berichteten) werden rezensierte. Lyrik und Kurzprosa gibt es von Klaus Behringer, Sonja Ruf und Christina Haubrich, außerdem zwei Nachrufe: über die Malerin Andrea Neumann und auf den Autor Helge Dawo, 1997 der erste Preisträger des Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreises der Stadt Saarbrücken, dessen Schreiben, das legt der Text des Schriftstellers Hans Gerhard nahe, letztlich viel weniger schrieb und veröffentlichte, als es er hätte tun können und sollen – auch wenn das bedeutet hätte, „etwa zu riskieren“ und „sich gemein zu machen mit uns, den unverbesserlich Verwundbaren“.

In einem atmosphärischen Text nimmt uns Autor Ekkehart Schmidt zu einem Flanieren durch Gegenwart und Vergangenheit saarländischer Kneipen mit. In Ausgabe 121 hatte er die Thresen rund um Saarbrücken erkundet, in der aktuellen Ausgabe geht es nach Luisenthal und Völklingen, in der Hoffnung, „dass dies kein Requiem wird“, angesichts der schwierigen Situation der Gastronomie infolge  Corona. In Luisenthal entdeckt Schmidt unter anderem die Kneipe „Zum Kumpel“, wo er bei der eher ungewöhnlichen Kombination Espresso plus „Roschdwurscht“ Stammkunden nach verblichenen Kneipen befragt und Namen hört wie „Gehl Pit“, „Peifersch Eck“ und „Zum Löwen“, die im sogenannten Volksmund wenig delikat „Café Scheißdreck“ hieß. In Fenne besucht er das „Café Karadeniz“, das von Migranten betrieben wird, die die Kneipe „Achterklause“ zum Teehaus umgebaut haben. Der Stadt Völklingen attestiert Schmidt nach dem Ende der Hütte als Arbeitgeber für Tausende „eine völlig neue Kneipen- und Imbisslandschaft“. Wo es früher „legendäre Geschichten von Doppelreihen mit Biergläsern und Mettschnittchen“ gab, da „zapfen jetzt Migranten“. Den „Völklinger Kiez“ um den Bahnhof herum gibt es schon lange nicht mehr, aber Schmidt entdeckt „die letzte echte Industriearbeiterkneipe“: die „Hüttenschänke“. Doch deren Überleben unter Corona ist ungewiss, spekuliert Schmidt, denn „die staatlichen Hilfen sind für viele Wirte zum Sterben zu viel, zum Überleben zu wenig“. Mehr zu Schmidt Kneipenexkursionen findet man übrigens unter akihart.wordpress.com.

Ausgabe 122 (und einige ältere) gibt es für 9,90 Euro im Buchhandel und unter www.saarbrücker-hefte.de