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Appelt hatte "regelrecht Angst" vor der Drive-In-Comedy

Am Samstag in Völklingen : „Sonst dreht man ja irgendwann durch“

Der Komiker über Corona, Existenzsorgen, die Maskenpflicht – und seinen Autokino-Auftritt in Völklingen am Wochenende.

Auftrittsformat mit eingebautem Virenschutz? Autokino! „Wenn ich spucke, macht ihr einfach die Scheibenwischer an!“ meint Ingo Appelt. An diesem Samstag kommt der Comedian ins Autokino nach Völklingen. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Trotz Medienpräsenz: Auch Ihnen machen Absagen und Terminverlegungen zu schaffen. Wie hart trifft die Krise Sie persönlich, und welche Unterstützung würden Sie sich vom Staat wünschen?

APPELT Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist. Ich persönlich krieg zum Beispiel gar nix, weil ich als Selbstständiger keinen großen Betrieb am Laufen habe. Ich bin jetzt auch nicht in der Situation, dass ich sage, Hilfe, ich gehe vor die Hunde. Aber am Ende des Jahres wird es bei mir wahrscheinlich auch knapp, denn die laufenden Kosten gehen ja weiter. Existenz-Ängste sind schon da. Aber ich habe das Gefühl, für den Staat ist es schwierig, Geld zu verteilen. Denn das führt immer zu Neid und Missgunst – ich möchte nicht in der Haut der Verantwortlichen stecken. Dann kam diese Autokino-Sache, wo ich gedacht habe: Ja, das wird toll! Aber natürlich ist das nicht wirklich lukrativ, es ist wie ein Methadonprogramm – eine Notlösung. Unabhängig von den finanziellen Schwierigkeiten: Ich bin froh, überhaupt auf die Bühne zu dürfen. Viele Kollegen sagen: Nein, ich mach das nicht. Ich selber bin total begeistert davon. Ich habe auch kein Problem damit, vor Autos zu stehen und keinen Applaus zu haben, sondern nur ’ne Lichthupe. Ich hab ja mal lange Zeit als Radiomoderator gearbeitet, das ist ganz ähnlich – man muss sich den Applaus einfach dazu denken. Wer weiß, wann‘s wieder unter einigermaßen normalen Bedingungen los geht? Wir Künstler sind in einer extrem schwierigen Situation. Das hab ich auch meinem Vater gesagt: Die Prostituierten und ich, wir dürfen wahrscheinlich als letzte wieder anfangen.

Bis vorerst Ende Juli machen Sie nun quasi Drive-In-Comedy. Mit welchen Erwartungen sind Sie gestartet – und wie ist es tatsächlich?

APPELT Ich bin, ganz ehrlich, sehr skeptisch daran gegangen, ich hatte regelrecht Angst. Aber unterm Strich ist es viel besser, als ich gedacht habe. Es ist ein tolles Erlebnis, auch für die Zuschauer, denn es gibt einen bombastischen Sound: Das läuft übers Autoradio, es gibt keine Nebengeräusche. Da tut sich halt eine Lücke auf, um Veranstaltungen durchzuführen. Ich finde das toll, wenn Leute nicht die Hände in den Schoß legen, Verschwörungstheorien anhängen oder jammern, sondern etwas machen. Fürs Vorprogramm bringe ich nach Völklingen übrigens Benni Stark mit. Lustigerweise kenne ich den gar nicht persönlich, das lief über die Agentur; ich bin selber gespannt, was der macht. Das ist ein junger Kollege, den es mit Sicherheit lohnt, mal anzuschauen. Gerade die Künstler, die noch nicht so bekannt sind, brauchen in dieser Zeit Unterstützung.

Apropos Unterstützung: „Solidarität ist ansteckender als jeder Virus!“ lautet der Slogan des virtuellen Theaters „Artists against Corona“ (www.artistsagainstcorona.com), an dem Sie sich auch beteiligen. Was hat es mit diesem „Netflix der Kleinkunst“ auf sich? Und unter welchen Bedingungen wurden die Videobeiträge produziert, die man online gegen eine freiwillige Gebühr abrufen kann?

APPELT Die wurden quasi unter Quarantänebedingungen produziert, im Theater der Berliner Wühlmäuse. Vor leeren Stühlen, aber mit professioneller Technik. Und dafür bin ich auch sehr dankbar, denn ich kann diese blöden Handy-Videos nicht mehr sehen. Es geht vor allem auch darum, zu zeigen: Wir leben noch! Wir sind doch auch in gewisser Weise systemrelevant! Ich glaube, die Leute brauchen Entertainment, die brauchen Ablenkung, Mut und ein bisschen Frustrationstherapie. Das ist ja auch das, was ich auf der Bühne mache: den ganzen Ärger mal raus zu lassen. Denn sonst dreht man ja irgendwann durch.

Können Autokino, Online-Plattformen oder TV-Auftritte vor leeren Rängen ein längerfristiger Ersatz für echte Live-Auftritte sein?

APPELT Nein. Absolut gar nicht, das merkt man ja auch. Wir haben jetzt ein bisschen Öffnung, und wir sehen ja, wie die Leute sich darauf stürzen. Die haben einfach das Bedürfnis, miteinander in Kontakt zu kommen. Und es ist auch mein Lebenselixier, mit Menschen zu reden. Es ist auch beim Autokino nicht so, dass ich auf die Bühne gehe und wieder verschwinde. Ich gehe auch zwischen den Autos durch, man kann ja das Fenster runterlassen und mit dem Künstler reden. Es ist halt das, was gerade geht. Ich stelle mich dafür auch gerne zur Verfügung und kann den Leuten nur sagen: Kommt dahin! Es ist gar nicht so blöd, wie man sich das vielleicht vorstellt.

Im Autokino zeigen Sie ein Best of Ihres mittlerweile zehnten Bühnenprogramms „Der Staats-Trainer!“. Das entstand zwar schon vor Corona, kommt aber als „Geheimrezept gegen die deutsche Depression“ und „allgemeine Miesepetrigkeit“ jetzt wie gerufen. Hat Corona Ihr Programm inhaltlich beeinflusst?

APPELT Nicht wesentlich. Zumal ich in der Regel, wenn ich auf die Bühne gehe, nicht weiß, was ich mache – ich lass’ einfach laufen. Ich rede mir natürlich auch meinen Frust von der Leber. Ich mag die Maskenpflicht nicht, ich mag das Abstandhalten nicht, auch wenn ich mich natürlich daran halte. Aber ich hab tatsächlich Entzugserscheinungen. Ich lass das auch raus, und für mich persönlich ist das wirklich eine Therapie. Wenn ich von der Bühne komme, sagen meine Frau und mein Manager: Ach, da isser ja wieder, der alte Ingo. Ich brauche das!