Anne Baders äußerst frische "Minna von Barnhelm" am Saarländischen Staatstheater

Saarbrücker Premieren : In einem Taubenschlag voller tougher Weiber

Am Saarländischen Staatstheater gelingt Anne Bader eine fabelhafte, zeitgenössische Version von Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm“.

Hat man Lessings „Minna von Barnhelm“ je so frisch und frech gesehen? Als rasantes Lustspiel, das die Lust durch erotische Überladung doppelt wörtlich nimmt? Mit starken Frauenfiguren, die machen, was sie wollen, und sich nehmen, wen sie wollen? Das unmittelbar nach dem Siebenjährigen Krieg entstandene Stück ist, wie es im ironischen Untertitel „Oder das Soldatenglück“ durchschimmert, auch ein Nachkriegsdrama – hier wird es als kesse Emanzipationskomödie zum guten Ende geführt. Oder doch nicht? Ganz am Schluss verdunkelt sich die Szenerie; ob Minna und ihr Major von Tellheim sich kriegen, bleibt offen. Aber bis dahin hat sie ihn ordentlich zur Minna gemacht. Und vielleicht wollen beide ihr Katz- und Mausspiel und die Freude am geschliffenen Rededuell ja bis in alle Ewigkeit fortsetzen, wer weiß?

Mit modernen Zugriffen ist das oft so eine Sache, wie leicht rutscht das in mutwilliges Regietheater ab. Aber was die junge Regisseurin Anne Bader im Staatstheater mit Lessings Klassiker anstellt, ist schlicht fabelhaft. Durch beherztes Kürzen und den Transfer in ein zeitlos karges Ambiente lässt sie die großen Themen und Konflikte umso klarer hervortreten: hier die kriegsversehrten, holzschnittartigen Männer mit chauvinistisch verkorksten Vorstellungen von Ehre und Stolz; dort die selbstbewussten, lebenshungrigen Frauen, die diesen Moral-Panzer emotional zu knacken versuchen. Am Samstag war Premiere.

 Baders Inszenierung mag, zumindest anfangs, manchen visuell frustriert haben, denn hier tobt zunächst alles andere als eine Ausstattungsorgie. Auch an den (zwischen nüchtern, pastellig, knallig und symbolhaft changierenden) Kostümen von Luisa Wandschneider schieden sich die Geister. Statt in einem kommoden Wirtshaus versucht Minna ihren ehrverblendeten Verlobten Tellheim hier in einem nüchternen, abstrakt unmöblierten Bunker (Bühnenbild: Sylvia Rieger) zur Räson zu bringen. Ein höchst ungastlicher Herbergsraum, der in seiner Reflexion seelischer Verödung zugleich Szenerie für ein geradezu boulevardeskes Treiben wird: Tür auf, Tür zu, hohes Tempo – hier geht’s zu wie im Taubenschlag. Alles konzentriert sich auf die Sprache und die Figuren. Was dadurch mit Lessings Wortkunst passiert, ist wunderbar: Sie tritt wuchtig und lebendig in den Vordergrund und wirkt so funkelnd heutig, dass manche wähnten, Bader habe den Text gar umgeschrieben statt nur gekürzt. Nein, das ist original Lessing. Auch Minnas Frage „Was ist das? Will das zu uns?“ – hier auf den im Gala-Glitzerjäckchen wahrlich fragwürdig aussehenden Chevalier Riccaut de la Marlinière (Bernd Geiling) gemünzt und als Chargen-Gag belacht.

Dass Lessing hier so zeitgenössisch tönt, liegt natürlich auch am Spiel, das Bader mit reichlich Situationskomik und Slapstick unterfüttern, ja konterkarieren lässt und dadurch neue Interpretationsebenen frei kitzelt. Die Kerls neigen zum Stammeln, ihre Verklemmungen äußern sich in körperlichen Begrenzungen. Da wird mit Distanz und ohne Blickkontakt frontal ins Publikum gesprochen; Annäherung und Interaktion finden erst unter wachsendem weiblichem Einfluss statt. Tellheim, aus dessen Beamtensteifigkeit Thorsten Köhler zunehmend ausbricht, hinkt; sein rechter Arm ist gelähmt. Und Just, Tellheims Diener (ein gefundenes Fressen für ein komisches Talent wie Philipp Weigand), windet sich gar in verkrampften Zuckungen und kippt ins Fisteltimbre, wenn man ihm zu nahe kommt. Das tut Frau Wirtin (Martina Struppek) ziemlich heftig: Aus Lessings männlicher Wirtsperson hat Bader eine verluderte Herbergsmutter gemacht, ein weiteres toughes Weib also, dessen offensiver Balz Just wie ein kleiner Junge hilflos ausgeliefert ist. Dagegen haben alle Mädels weder Berührungsängste untereinander noch Hemmungen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu artikulieren. Franziska, Minnas Kaugummi knatschende Kammerzofe, von Anne Rieckhof kess schnippisch verkörpert, strippt Tellheims wehrlosen Wachtmeister Paul Werner (stark: Ali Berber) mitten im Gespräch einfach blank – mitsamt glitzerstäubender Unterhose. Aber was ein rechter Soldat ist, der steht auch nackig stramm.

Trotz der Bloßstellung bewahrt sich dieser Werner, obwohl er wie eine schmierige, halbseidene Vertretertype aus den 70-er Jahren daher kommt, enorme Würde. Genauso Just: Beide sind Tellheim in unverbrüchlicher Treue, Achtung und Freundschaft ergeben und diesem somit überlegen. Denn Tellheim macht seinen Selbstwert von körperlicher Unversehrtheit, Besitz und untadeligem Ruf abhängig. All das ist ihm im Krieg abhanden gekommen, so dass die resolute Minna (nuanciert leise bis brüllfreudig: Lisa Schwindling) sich selbst erniedrigt, damit er sich als ihr Retter rehabilitieren kann. Im signalroten Jumpsuit hat Minna also die Hosen an und fantasiert doch vor sich hin, indem sie einen – mehr und mehr realer werdenden – utopischen Sehnsuchtsort ihrer Träume imaginiert. Da tut sich hinter dem Bunker, zunächst durch eine Gazewand verklärt, ein romantischer Wald mit deutschem Nachkriegs-Heimatfilm-Kitsch auf. Hier streift ihr Tellheim als schmucker Förster umher, bringt ihr mit Hildegard Knefs „Für Dich soll‘s rote Rosen regnen“ ein Ständchen und gibt im testosterongetränkten Schweiße seines Feinripp-Unterhemds den virilen Holzhacker, was Minna animalische Brunftschreie entlockt. Dieser märchenhaft schöne Illusionsraum schluckt jedoch Klang, was dazu führt, dass die Schauspieler, die ohne Mikroports agieren, ab etwa der siebten Parkettreihe oft nicht mehr gut verständlich waren – schade.

Anne Rieckhof (Franziska) und Ali Berber (Paul Werner). Foto: Astrid Karger/SST/Astrid Karger

Wieder am 25. Mai, 4.,7., 18., 21., 26. und 28. Juni. Karten unter: (06 81) 30 92 486.

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