Albrecht Gehse in Saarbrücken

Albrecht Gehse in der Galerie Neuheisel in Saarbrücken : Kanzlerbilder und ein Gläschen Grauburgunder

Kohl und von Karajan, Sportler und Fische gehören zu seinen Motiven. Der Künstler Albrecht Gehse zeigt nun seine Arbeit in Saarbrücken.

„Ich bin den Menschen zwar sehr zugewandt, aber bei den Dingen, die meine Arbeit betreffen, recht eigenwillig und eher ein Einzelgänger.“ Dieses Selbstzeugnis des Malers Albrecht Gehse findet sich im Katalog zu seiner aktuellen Ausstellung „Wellenwelten“ bei Neuheisel, und man hätte gern ein wenig mehr davon gehört. Doch irgendwie verläuft sich das beim Gespräch am Mittwoch im Sande, wie so manch andere Frage auch, weil vor der Vernissage am Freitag noch viel Organisatorisches geklärt werden muss.

Als eins der dringlichsten Probleme erweist sich, neben der Hängung der Bilder, das Thema, wo und was man zu Abend essen wird – Gehse ist ein Genussmensch, das wird rasch deutlich. Oft platzt auch seine Frau und Assistentin Denisa, ein herzlicher tschechischer Wirbelwind, dazwischen, um etwas über ihre Patchwork-Familie zu erzählen oder Grauburgunder nachzuschenken. Herrlich, diese 2008 geschlossene Ehe: Gehse, früher ein passionierter Sportler, hat seine zweite Frau mit einem Rittberger beim Skaten erobert, auch das erfährt man – allein das ständige Gekabbel der beiden gäbe binnen zwei Stunden genug Material her für einen Roman.

Mit „Wellenwelten“ ist Galerist Benjamin Knur ein großer Coup gelungen, für den er sogar den saarländischen Ministerpräsidenten Tobias Hans (CDU) als Schirmherrn gewinnen konnte. Denn Gehse, geboren 1955 in Borsdorf bei Leipzig und aufgewachsen in West-Berlin, gilt nicht nur als einer der großen deutschen Vertreter des Genres Gesellschaftsbild. Er reiht sich außerdem ein in die illustre Riege der „Kanzlermaler“: Sein Bildnis von Helmut Kohl ziert seit 2003 die „Ahnengalerie“ des Bundeskanzleramts.

Als Porträtist liegen ihm auch Randexistenzen am Herzen: „Leute unter Bedrängnis“, wie er sie respektvoll nennt, denen er eine „bürgerliche Würde“ lässt. Und er ist ein gut vernetzter Meister der Selbstvermarktung: ein „Riesenverkäufer“, der seinen Weg in zahlreiche Sammlungen und zunehmend auch in bedeutende Museen ohne eigenen Galeristen machte. Dazu passt, dass er die überwiegend großformatigen Ölgemälde jetzt selbst mit seiner Frau im Transporter angeliefert hat.

Sie stammen aus Gehses zentralen Zyklen „Transit“ und „Aufruhr“ sowie einer neuen Serie mit dem Arbeitstitel „Mensch und Meer“. Prägnant sind die Motive Ozean und Fisch – ein sich wuchtig aufbäumender Marlin erinnert nicht von ungefähr an Szenen aus Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“: Neben seiner Passion für die Tiefsee im Allgemeinen und als Symbol des Unterbewussten ist Gehse selbst begeisterter Angler und hat ein eigenes Hochsee-taugliches Boot, mit dem er oft wochenlang unterwegs ist. Dabei komme er zur Ruhe, erzählt er, gleichzeitig liefere es Adrenalin pur: Der Mensch im Kampf mit der Kreatur scheint Gehse fairer, als Tiere im Wald „feige abzuknallen“. Kein Zufall also, dass Herbert von Karajan hier in tosender Brandung den Taktstock so führt, als sei er ein Torero, der einen Stier abstechen wolle.

Überhaupt tummeln sich viele Promis – Künstler, Sportler – auf Gehses Gemälden, die er neben Verwandten und Bekannten gern in monumentale Formate und neue Zusammenhänge staffelt. Die Collagen zeugen vom Einfluss der so genannten Leipziger Mehrfiguren-Malerei, die für Gehse während seines „Hochleistungssport“-Studiums an der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst prägend wurde: Gehse gehört zur Leipziger Schule vor 1990; 1991 siedelte er nach Berlin-Charlottenburg um, sein Atelier liegt auf der Insel Eiswerder am Spandauer See.

Zum andern belegen die multiperspektivischen Tableaus Gehses Wertschätzung für seine künstlerischen Ahnen. Sein Urgroßvater Paul Haustein war Jugendstilkünstler, sein Großvater Ludwig G‘schrey ebenfalls Maler, sein Vater war Autor und Verleger. Außerdem führt eine verwandtschaftliche Linie zu den Widerstandskämpfern Dietrich Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher – erwähnenswert deshalb, weil das familiäre Klima und die deutsche Teilung prägenden Einfluss auf Gehses künstlerische Entwicklung hatten: So gilt er zudem als Chronist tatsächlicher und als Visionär drohender Katastrophen.

Auch in „Wellenwelten“ verschmelzen autobiografische mit zeitgeschichtlichen Sujets; die Palette reicht von illusionistischer Gegenständlichkeit über scheinbar hingeworfene Skizzen bis zu schreienden Farborgien – der Weg vom Lachen zum Entsetzen, von der Idylle zur Katastrophe scheint nicht weit. Mancher, weiß Gehse, steht verstört davor, fühlt sich bedroht. Dennoch seien die Bilder humorvoll und optimistisch gemeint, nicht als Untergangsszenarien. „Ich bin kein Apokalyptiker, kein Endzeitprediger“, sagt Gehse und grinst. „Wir gehen ja noch nicht unter!“ Gehses politische Haltung entspricht seiner künstlerischen: „Man muss immer alles von zwei Seiten betrachten, dicke Farbe neben dünner auftragen.“ Mit den „überladenen Bildern“ seiner alten Zyklen hat er nun abgeschlossen, um „ganz frei“ zu arbeiten. Wohin die Reise geht, weiß er noch nicht. Aber auch durch diese unsicheren Gewässer will Gehse schippern, wie er es immer getan hat: „Ich bin ein Segelschiff mit langem Kiel, das nicht umkippt.“

Vernissage in der Galerie Neuheisel: Freitag, 19 Uhr. Die Ausstellung läuft bis 11. Januar 2020, Öffnungszeiten: Di
10-16 Uhr, Do 13-19 Uhr und Sa 11-13 Uhr.
Info: www.galerie-neuheisel.de

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