AfD und Theater stecken in einem Kulturkampf. Marc Grandmontagne, sagt, warum.

AfD und Theater stecken in einem Kulturkampf : Das Theater als „Angriffsziel“ der Rechten

Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, erklärt, warum die Bühnen nicht nur Abwehrkämpfe gegen Rechts führen wollen. Und warum das Saarland seine „musikalische Heimat“ ist.

Bisher hat sich die AfD im Saarland nicht in den Kulturkampf begeben, den ihre Partei-Kollegen andernorts bereits führen, gerne gegen Theater. Aktionistische „Identitäre“ störten Aufführungen im Berliner Deutschen Theater, die AfD-Bundestagsabgeordnete  Beatrix von Storch ging gerichtlich gegen Falk Richters Stück „Fear“ vor; auch das Paderborner Theater wurde wegen „Volksverhetzung“ angezeigt. Im Berliner Senat gab es Vorstöße für Subventionskürzungen, um vermeintlich „links versiffte“ Bühnen zu treffen. Und schließlich war da noch die Anfrage von AfD-Landtagsabgeordneten in Stuttgart, die von den baden-württembergischen Bühnen wissen wollten, wie viele Ausländer sie beschäftigten. Kurz, es fegt ein ungemütlicher Wind durch Deutschlands  Theater, die sich um ihre Programmfreiheit und ihre Etats sorgen.

Weshalb sich deren Arbeitgeberverband, der Deutsche Bühnenverein, intensiv mit dem Thema „Kulturkampf“ beschäftigt. Dieser Tage  wieder in Saarbrücken, wo der künstlerische  Ausschuss tagte, unter anderem besetzt mit Saarbrückens Generalintendant  Bodo Busse. Mit dabei war auch Marc Grandmontagne (43), er ist seit 2017  geschäftsführender Direktor des Bühnenvereins – und gebürtiger Saarländer.

Nahezu zwangsläufig fand  Grandmontagnes  erster Theaterbesuch im Saarländischen  Staatstheater  statt. Das Stück, die Aufführung? Vergessen. Unvergessen jedoch die „musikalische Heimat“ Saarland.  Grandmontagne wuchs in Dillingen auf;  und bevor er sich dafür entschied, Jura und Politikwissenschaften zu studieren, wollte er, der begabte Klavierspieler, der zudem im Dillinger Kammerchor sang und beim Saarbrücker Organisten Bernhard Leonardy begeisternde Orgel-Erfahrungen machte, Musiker werden.

Stattdessen führte Grandmontagnes Weg „eher zufällig“ in die Kulturpolitik, zunächst als Leiter des  Büros für die „Ruhr 2010“-Aktivitäten („Kulturhauptstadt Europas“), es folgte eine Geschäftsführertätigkeit für die Kulturpolitische Gesellschaft in Bonn. Und jetzt vertritt er die Interessen von rund 470 öffentlichen Theatern, Privatbühnen und Orchestern in Deutschland und stellt im Gespräch mit der SZ sachlich fest: „Kritisches Theater ist ein Angriffsziel geworden. Es ist ein Feind im Weltbild der AfD“. Denn die Neue Rechte definiere sich als „kulturelle Bewegung“, sei dabei, sich ein „intellektuelles Rückgrat zu erarbeiten“, formuliere Ansprüche. Eine Herausforderung.  „Die Rechten sagen, die Theater sollen auf der Bühne das Nationale und eine – nicht näher definierte – deutsche Identität bestätigen. Doch wir hinterfragen sie.“

Eine kaum zu schließende Kluft? Grandmontagne hält es nicht mehr für ausreichend, sich bei der Gegenwehr auf die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit zurückzuziehen. Die Theater müssten sich nicht nur auf rechte Mitspieler in den Parlamenten, Stadt- und Ortsräten einstellen, die die Subventionspolitik nun mal mitbestimmten. Sie müssten sich generell in einer neuen Öffentlichkeit zurechtfinden. Der öffentliche Diskurs habe sich grundlegend verändert. Es würden Anerkennungskämpfe geführt, es gehe um Auf- und Abwertung, dies führe zu einer höheren emotionalen Dynamik. Laut Grandmontagne sollten die Theater darauf proaktiv reagieren,  nicht nur, indem sie politische Stücke auf den Spielplan setzen, sondern indem sie eine offene, integrative  Grundhaltung zeigten.

Die AfD wolle Spaltung und Polarisierung, da könnten Theater dagegenhalten, indem sie Brücken bauten: „Es gibt viele Menschen, die sich vergessen fühlen, die es nicht schaffen, die soziale Leiter hoch zu klettern und glauben, dass rechte Parteien ihre Probleme lösen. Auch für die müssen und können Theater da sein und einen Raum bieten, wo sich der Mensch als Mensch erfahren kann. Theater sollten sich als öffentliche Orte für alle darstellen. Als Orte, wo gesellschaftliche Empathie erfahren werden kann.“ Das klingt nicht nach einer Hau-den-rechten-Lukas-Strategie.

Und was beschäftigt die Theater innerbetrieblich? Gar nicht so viel anderes als andere Unternehmen. Über Machtmissbrauch und Frauenquoten (22 Prozent der Führungspositionen sind weiblich besetzt) wird diskutiert.  Auch der Fachkräftemangel ist bei den Theatern angekommen. Intendanten sehen sich einer selbstbewussten jungen Generation gegenüber, die eine „Work-Life-Balance“ und Familienfreundlichkeit einfordern. Der für die Kunst brennende Immer-im-Dienst-Mitarbeiter hat offensichtlich ausgedient, insbesondere kleinere Ensembles stelle das vor Probleme, sagt der Bühnenvereins-Direktor. Und: „Die Theater arbeiten an einem Kulturwandel, können das aber nicht alleine leisten. Die Politik muss mitmachen. Das wird Geld kosten, wenn man es möchte.“

Außerdem habe man das System in den vergangenen 20 Jahren arg strapaziert, die Zahl der Aufführungen sei gestiegen, auch die der Zusatz-Angebote vor und danach, zugleich hätten viele Theater die Tariferhöhungen aus eigener Kraft erwirtschaften müssen, weil die Rechtsträger diese nicht hätten übernehmen wollen. Eine weitere Baustelle sieht Grandmontagne auf seiten des Publikums. Zwar würden bundesweit immer noch durchschnittlich etwa 21 Millionen Karten pro Jahr verkauft, trotzdem müsse man gerade angesichts der rechten Attacken auf die Institution über die Verbreiterung der Basis durch niedrigschwellige Angebote sprechen. müsse andere Besuchergruppen erreichen. Wie? „Kulturelle Bildung sollte keine Sache einzelner ausgelagerter Projekte sein, sondern fester Teil des Bildungssystems“.

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