„Ada und ihre Töchter“ in der Sparte 4

„Ada und ihre Töchter“ in der Sparte 4 : In der Seifenoper lebt sich’s leider besser

Ein wuchtiger, großartiger Schauspielerinnen-Abend in der Sparte 4 in Saarbrücken: „Ada und ihre Töchter“ mit Martina Struppek und Anne Rieckhof.

Hatte der alte Nietzsche also Recht: Gott ist tot. Er ist soeben verstorben, mit lautem Donnerknall. Parallel zu seinem Ableben muss Emily noch andere Schicksalsschläge verkraften: Der Pater des Kinderheims hat erneut Schützlinge missbraucht, die wilden Tiere sind aus dem Zoo ausgebrochen – und ihre arme, unschuldige Tochter Harper, deren unfassbar böse Zwillingsschwester Bathseba ihr beständig nach dem Leben trachtet, ist, erschöpft von so viel geschwisterlicher Niedertracht, schon wieder ins Koma gefallen.

Welch ein geballter Schwachsinn!, mag man da dazwischengrätschen. Richtig: Dieser von haarsträubenden Zufällen gemästete Schund passiert in einer amerikanischen Telenovela, in der die religiös-exzentrische Emily wie eine Löwenmutter um ihre Familie und ihr Seelenheil kämpft. Das Problem: Für die alternde Schauspielerin Ada, die Emily seit fast drei Jahrzehnten verkörpert und nun aus der Serie herausgeschrieben werden soll, ist dieser TV-Trash längst zur Realität geworden – nach 27 Jahren kann sie die Fiktion nicht mehr von ihrem wirklichen Leben und ihre echte Tochter Ophelia nicht mehr von ihren beiden Filmtöchtern unterscheiden.

Hochschwanger, rauchend und fluchend: Ophelia (Anne Rieckhof). Foto: Astrid Karger

„Ada und ihre Töchter“ heißt denn auch der deutsche Titel von Noah Haidles Zweipersonen-Stück „What is the Cause of Thunder“, das am Donnerstag in der Sparte 4 Premiere feierte. Ein wuchtiger, großartiger Schauspielerinnen-Abend, dank Martina Struppek und Anne Rieckhof, die unter Thorsten Köhlers Regie alle Register der großen Geste ziehen dürfen. Dieses wollüstige Übertreiben verhindert zielgerichtet, dass das Drama ins Pathos abrutscht. Denn in seinem emotionalen Überschwang ist das Stück typisch amerikanisch, es atmet den Gefühlskitsch filmischer Heulbojen wie „Magnolien aus Stahl“ oder „Zeit der Zärtlichkeit“.

Köhler karikiert den Schmonzes, indem er die Seife dieser Oper mächtig schäumen lässt: Durch Herauskitzeln des Absurden kippt er das Ganze famos ins Tragikomische, ohne die eigentliche Tragödie dahinter zu denunzieren. Und da steckt verdammt viel an Konfliktpotenzial im Spannungsfeld weiblicher Selbstbestimmung drin: Adas schizophrener Realitätsverlust speist sich wohl nicht unmaßgeblich aus ihrer unglücklichen realen Mutterschaft; ein Tabu, das sie hartnäckig totschweigt. Dass ihre hochschwangere Tochter Ophelia zur fluchenden Kettenraucherin wurde, die sich an Adas Wahnsinn mal abarbeitet, ihn mal verzweifelt mitspielt, liegt wiederum nicht zuletzt an deren Versagen als Mutter. Und an der Abwesenheit von Vätern: Ophelia leidet darunter, dass sie weder ihren eigenen kennt noch einen für ihr ungeborenes Kind hat.

Theater als psychiatrische Anstalt – und das an Halloween? Tatsächlich war der Premierentermin gut gewählt, bringt das Stück doch nicht nur den Horror seichter Vorabend-Unterhaltung auf die Bühne: Köhler integriert allerlei einschlägige ästhetische Reminiszenzen an cineastische Schocker. Vor allem aber wirkt seine Inszenierung wie die zeitgenössische Theateradaption von Billy Wilders subtil gruseligem Filmklassiker „Boulevard der Dämmerung“: Ada ist eine moderne Norma Desmond, die sich auf ihrer Realitätsflucht permanent selbst inszeniert. Nicht mal Ophelias Schmerzensschreie angesichts einsetzender Geburtswehen können diesen Irrsinn durchdringen – längst ist die Fiktion das für Ada besser aushaltbare Dasein.

Was ist real, was ist TV-Trash? Ada (Martina Struppek) blickt nicht mehr durch. Foto: Astrid Karger

Fabelhaft und nur konsequent also, dass Martina Struppek als Ada oft mit dem weltentrückten Gehabe einer Stummfilm-Diva agiert, was zugleich das Triviale ihres TV-Lebenssurrogats entlarvt. Dass Ada nicht mehr falsch von echt unterscheiden kann, macht Köhler (auch Bühnenbild und Kostüme) allein schon visuell deutlich: Ada sieht genau so auftoupiert aus wie ihr Serien-Alter Ego – mit Glamour-Make Up und jener aufgepolsterten Breitschultrigkeit, wie wir sie, dem Fernsehen sei Dank, von Ölbaroninnen aus Dallas und Denver kennen.

Dem setzt Anne Rieckhof als Ophelia eine erschreckend authentische Nüchternheit entgegen und brilliert wandlungsfähig in allen anderen Rollen: Mal ist sie der ätherische Rauschgoldengel Harper, mal das psychopathische Monster Bathseba, mal der geheimnisvolle Fremde, der Emily in der Wolfsschlucht richtet – hier wächst sich das Drama endgültig zur grotesken griechischen Tragödie mit Italo-Western-Touch aus. Musikalisch kommentiert wird das Geschehen mit einem facettenreichen Mix von dezent sakralem Orgel-Gedudel über Chopins heroische As-Dur-Polonaise bis zu Titeln von den Rolling Stones, Bob Dylan und Joan Baez. Kulisse für den inhaltlich nicht immer sofort durchschaubaren Szenenwechsel ist eine spartanische, würfelförmige Drehbühne, deren Front außerdem als Projektionsfläche für Videoeinspielungen (Grigory Shklyar) dient: Mit ihren allgemeingültigen, vergilbten Erinnerungen an zentrale Ereignisse familiären Lebens wirken sie wie ein hilfloser Gruß aus der Vergangenheit - eine vergebliche Beschwörung der Realität.

Termine: 5., 13. und 16. November; 6., 15., 21. und 31. Dezember, jeweils 20 Uhr.
Infos/Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.

Mehr von Saarbrücker Zeitung