27 Premieren,vier Uraufführungen: die nächste Saarbrücker Theater-Spielzeit

Nächste SST-Spielzeit : Busse fischt nächste Saison in neuen Gewässern

Unser Blick auf den Spielplan 2019/2020: Das Saarländische Staatstheater beweist Mut zur Repertoire-Lücke.

Wenn der Saarbrücker Generalintendant eines kann, dann sich begeistern. Am vergangenen Dienstag gelang ihm dies besonders gut, als Bodo Busse zusammen mit seinen sechs Spartenchefs das Programm der nächsten Spielzeit vorstellte – es ist bereits seine dritte. Nach Lektüre des frisch gedruckten Spielzeitheftes für die Saison 2019/2020, die am 7. September beginnt, ließ man sich von Busses guter Laune anstecken. Jawohl, die Speisekarte, die das Saarbrücker Team da ausgehängt hat, rechtfertigt die Vorfreude.

27 Premieren stehen an, davon vier Uraufführungen und drei deutsche Erstaufführungen. Wobei Fans guter alter Theaterkost mit dem Angebot ein wenig fremdeln könnten. Im Schauspiel zählt man bei 13 Produktionen nur ganze drei, die als Bühnen-Klassiker durchgehen: „Hexenjagd“, „Nora“ und „Frühlingserwachen“. Und auch das Musiktheater wartet mit nur fünf Gassenhauern auf, mit der „Hochzeit des Figaro“ (Mozart), „Don Carlos“ (Verdi), den „Perlenfischern“ (Bizet), dem „Rheingold“ (Wagner) und der „Lustigen Witwe“ (Lehár). Offensichtlich will das Team von dieser reinen Unterhaltungs-Position im Spielplan nicht mehr lassen.

Ansonsten gilt: Es dominieren Titel und Namen, die nicht auf den üblichen Theater-Bestenlisten auftauchen. Sogar bei den zeitgenössischen Autoren entschied sich die Busse-Truppe gegen die Dramatiker-Schwergewichte. Statt Sibylle Berg oder Thomas Köck ruft man lieber Noah Haidle, Olivia Wenzel, Marcel Luxinger und Bonn Park auf. Oder in der Oper Gavin Bryars und Mieczyslaw Weinberg. Zudem folgt man am SST der derzeit starken Theater-Strömung nicht, Überformungen und Überdichtungen alter, großer Stoffe bei Autoren oder Kollektiven in Auftrag zu geben. Insgesamt beweist das SST also viel Mut zur Repertoire-Lücke – und zu Eigen-Sinn.

Busse schlug diesen risikobereiten Kurs bereits in der jetzt laufenden Saison ein, nach einer ersten, eher vorsichtig austarierten Sondierungs-Spielzeit. Jetzt verstärkt er ihn so, dass man nun von einer Busse-Handschrift sprechen kann: Hier fischt einer gern in unerforschten, frischen Gewässern, vorzugsweise mit französischer Unterströmung. Das beste Beispiel hierfür? Das in Deutschland noch nie aufgeführte Musical „Marguerite“ des erst Anfang des Jahres verstorbenen Komponisten Michel Legrand. In Frankreich eine Größe, ebenso international – für die Filmmusik von „Yentl“ bekam Legrand einen Oscar – , wurde er hierzulande nie populär. Dieser Umstand könnte der SST-Musical-Produktion viel Aufmerksamkeit bringen.

Eine weitere wichtige Linie ist die Pflege von Regie-Teams. Demis Volpi, der in dieser Saison mit einer fulminanten „Medée“ begeisterte, inszeniert in der nächsten Saison „Die Passagierin“ (1968) aus dem Orchideenfach zeitgenössische Oper – ein Stück, das gerade dabei ist, seine Repertoirefähigkeit zu beweisen. Roland Schwab, der gefeierte Regisseur des Saarbrücker „Guillaume Tell“, kehrt wieder, nochmal mit einem Schiller-Stoff, mit „Don Carlos“. Und von Christoph Mehler, dessen expressionistischer Stil am SST bereits „Fräulein Julie“ und „Dantons Tod“ in bemerkenswerte Abende verwandelte, inszeniert „Hexenjagd“ von Arthur Miller, ein Stück über Selbstjustiz in der McCarthy-Zeit in den USA. Es ist dies einer der starken politischen Stoffe, die laut Schauspielchefin Bettina Bruinier und Chefdramaturg Horst Busch das Spielzeit-Motto beglaubigen: „Macht – Ohnmacht – Empowerment“ (Ermächtigung).

Generell soll das Publikum über Gewichte-Verschiebungen in einem instabilen, zunehmend dysfunktionalen politischen System nachdenken. Das gesellschaftspolitische Anliegen des SST spiegelt sich zudem in einer „Saarländischen Erklärung der Vielen“, mit der sich die Saarbrücker Theaterleute der bundesweiten Bewegung von Kulturinstitutionen anschließen, die sich gegen spaltende, rechtspopulistische Tendenzen richtet. Ausdrückliches Lob gab es dafür von Saar-Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD). Auch er nahm an der Spielplan-Pressekonferenz teil, die selbst einem gänzlich neuen Format folgte: Medienvertreter wurden zu einem „Speed-Dating“ mit den Sparten-Chefs an Einzeltische geladen.

Dort erfuhr man etwa von Bruinier, dass sich das Schauspielensemble häuten wird, sechs Neue wurden engagiert. Vier Schauspieler verlassen das Haus: Thorsten Loeb, Lisa Schwindling, Philipp Weigand und Philipp Seidler. Bruinier legte außerdem offen, dass sie den saarländischen Autor Ludwig Harig bereits lange kennt und schätzt und deshalb dessen Roman „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ auf die Bühne bringen wird. Außerdem führt sie bei „Der große Gatsby“ und bei „Die Sache Kohlhaas“ Regie. Generalmusikdirektor Sébastien Rouland berichtete, wie sehr er sich auf „Rheingold“, den Start in den Saarbrücker „Ring“, freut, inszeniert von einem ambitionierten Frauen-Regieteam (Szemerédy/Pardikta), und wie stolz er auf ein Gastspiel mit dem Staatsorchester im Théâtre des Champs-Élysées ist, einem der bekanntesten Konzerthäuser Frankreichs.

Der Schauspieler Ali Berber und die Sopranistin Olga Jelínková auf der Wilhelm-Heinrich-Brücke in Saarbrücken. Foto: Kaufhold/Kiefer
Bodo Busse, seit 2017 Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters. Foto: Robby Lorenz

Ballettchef Stijn Celis erzählte über sein „Prometheus“-Ballett, einen Beitrag zum Bonner Beethovenjahr 2020. Celis will kein narratives Heldenepos liefern, sondern Szenen zum Thema. Und die Sparte4-Leiter Thorsten Köhler und Luca Pauer meinten, ihre neuen Reihen, etwa „Mondo tasteless“ oder „Open stage“ hätten sich jetzt langsam etabliert. Weshalb es in der Sparte gleich nochmal was Neues sein darf: eine Reihe mit dem Titel „Debütantenball“, mit der Saarbrücker Kunsthochschulstudenten ihre eigene Bühne bekommen.

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