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Vor dem CDU-Parteitag
„Kramp-Karrenbauer steht über den Flügeln“

Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sieht noch reichlich  Arbeit für die große Koalition im Saarland. Gerade bei den Herausforderungen, die etwa auf die Automobilindustrie hier zukämen, brauche man „beide große Parteien“, so der 40-Jährige, der gestern zu Gast in der Redaktion der Saarbrücker Zeitung war.
Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sieht noch reichlich  Arbeit für die große Koalition im Saarland. Gerade bei den Herausforderungen, die etwa auf die Automobilindustrie hier zukämen, brauche man „beide große Parteien“, so der 40-Jährige, der gestern zu Gast in der Redaktion der Saarbrücker Zeitung war. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Ministerpräsident Tobias Hans ist sicher, dass Annegret Kramp-Karrenbauer am Freitag das Rennen um den CDU-Bundesvorsitz macht. Sie könne der Union neue Impulse geben. Er selbst, sagt er, habe im Land mit dem Saarland-Pakt gepunktet. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Ja, es wird ein schwarzer Freitag werden, dieser 7. Dezember 2018. Doch soll Schwarz dieses Mal Farbe der Hoffnung sein. Wenn die Bundes-CDU ihre neue Chefin oder ihren neuen Chef kürt, das erste Kapitel der Ära Angela Merkel endet. Denn man will endlich raus aus der Abwärtsspirale der Wahldebakel. Vor 18 Jahren, als Angela Merkel von der Generalsekretärin zur Parteichefin aufstieg, sprach man danach vom Vatermord am ewigen Vorsitzenden Helmut Kohl. Sein „Mädchen“ hatte mit dem Ehrenvorsitzenden per Zeitungsartikel abgerechnet. Nun will Merkels Ziehtochter die CDU führen, allerdings mit „Muttis“ Segen. „Positiv angespannt“ reist Annegret Kramp-Karrenbauers Nachfolger hier im Land nach Hamburg, sagt Tobias Hans im SZ-Redaktionsgespräch. An der Spitze seines Landesverbandes, „der sich als einziger geschlossen positioniert hat“, bekennt er stolz. Für AKK – na klar.


Trotz aller für die Saarländerin bislang positiven Umfragen könne es „noch knapp werden“, meint der Ministerpräsident und CDU-Landeschef. „Es gibt Delegierte, die zum Parteitag fahren, als sei das ein Fest, schon weil man mal die Wahl hat.“ Für Friedrich Merz, für Jens Spahn oder eben Kramp-Karrenbauer. Doch für die Saarländerin spreche eindeutig, dass „sie Wahlen gewinnen kann. Das hat sie im Saarland eindrucksvoll mit 40,7 Prozent bewiesen“, unterstreicht Hans. Genauso könne sie aber „auch zusammenführen. Sie steht über den Flügeln“. Nicht zuletzt, und da schwingt überraschend vernehmliche Kritik an der scheidenden Vorsitzenden Merkel mit, müsse es darum gehen, sich wieder zu positionieren. „Es war zuletzt eine große Schwäche der CDU, in manchen Punkten zu vage zu sein, in manchen Formulierungen nicht klar genug gewesen zu sein.“ Klartext beherrsche Kramp-Karrenbauer besser als Merkel. Punkt. Die (AK)K-Frage aber nach dem Kanzleramt stelle sich jetzt auf dem Parteitag noch nicht, meint Hans. Doch „wenn der Tag kommt, ist es sicher gut, wenn jemand da ist, der auch Regierungserfahrung hat“. Und falls – wider Hans’ Erwarten – es doch Friedrich Merz macht? „Dann ist das keine Katastrophe.“ Merz bediene sicher bei manchen Delegierten eine Sehnsucht nach Profilierung, „aber sein größtes Problem ist, dass er eben lange nicht da war.“

Knapp ein Dreivierteljahr ist Tobias Hans nun Ministerpräsident. Und der 40-Jährige hat seit März geackert, um vom Nobody zur Marke zu werden. Mit einer Dauer-Tingeltour durchs Land. Kein Sportfest war zu nichtig, um nicht in die Kamera zu lächeln. Doch ihm lächelte auch das Glück des Eifrigen, weil kaum im Amt, er schon Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durchs Saarland führen durfte und im Oktober das niederländische Königspaar. Ein Glamour-Schub für den Jung-Ministerpräsidenten, der mittlerweile, auch als stolzer Papa von Zwillingen, in die Landesvaterrolle hineinwächst.



Sein größter politischer Erfolg bislang? Da muss er nicht lange nachdenken. Ganz klar der „Saarland-Pakt“, der einen Großteil der Schuldenlast von Städten und Gemeinden nehme. „Es ist wirklich gelungen, etwas für die finanziell stark angeschlagenen Kommunen zu tun“, sagt Hans. Wobei er sich das nicht allein ans Revers heftet. „Vor allem ist das ein Erfolg der großen Koalition: Was gut ist für das Land, ist auch gut für den Regierungschef.“ Staatsmännisch der Ton – wie sein gesamter Politikstil. Ein bisschen kopiert auch bei seiner Vorgängerin: meist moderierend, ohne Schrillheiten. Ein wohltemperierter Ministerpräsident.

In dieser Tonlage kommentiert er auch, was vielen im Land mächtig sauer aufstößt: die Machenschaften in und um den Sportverband LSVS. Das habe nicht nur viele Breitensportler und Ehrenamtler empört und verunsichert, auch das zuvor „gute Ökosystem für den Spitzensport ist empfindlich gestört“, glaubt Hans. „Das müssen wir wieder aufbauen.“ Redet er aber über den Mann, der im Zentrum des Skandals wirkte, seinen Parteifreund Klaus Meiser, der erst nach langem Zögern sein Landtagsmandat niedergelegte, kühlt Hans die Gefühlstemperatur sogar noch weiter ab: „Es ist eine persönliche Entscheidung, es ist ein freies Mandat. Der Mann hat auch Verdienste für das Land, aber die Entscheidung ist auch konsequent und folgerichtig“.

Dass der LSVS-Eklat samt der Verstrickungen diverser Politiker nicht gerade als Werbung fürs politische Engagement taugte, sieht er wohl: „Ich möchte nicht, dass, wenn sich jemand engagieren will, er sich verpflichtet fühlt, in eine Partei einzutreten.“ Aber genauso entschieden sagt Hans, der mit 14 schon in die Junge Union eintrat: „Die Parteien stehen nicht am Rande der Gesellschaft.“

Mit der anderen Partei, der SPD, Partner in der Regierung und eigentlich zugleich Konkurrent in der Landespolitik, kommt der einstige CDU-Fraktionschef offenbar bestens klar. Die Koalition „läuft gut“, sagt Hans.  „Anders als in Berlin ist der Rückhalt im Saarland für die große Koalition in der Bevölkerung groß, weil es große Herausforderungen gibt.“ Die Saar-Groko, von CDU und SPD, von Kramp-Karrenbauer und Heiko Maas mal als Zweckallianz geschmiedet, um Land und Kommunen aus dem Schuldensumpf zu befreien, hat für ihn ihre Schuldigkeit noch längst nicht getan. Gerade in der Industriepolitik, bei den Herausforderungen, denen sich das Autoland Saarland aktuell stellen müsse, „brauchen wir beide großen Parteien“. Was beinahe schon nach einer Laufzeitverlängerung für die Saar-Groko über den nächsten Wahltermin, 2022, hinaus klingt.

Und was hat er aktuell auf der Agenda? Akzente will Hans vor allem in einer Zukunftsbranche setzen. Eben erst war er in Paris. Erörterte dort mit dem französischen Premierminister Édouard Philippe auch die Chancen der Digitalisierung, Deshalb bekennt der Saar-Regierungschef sich nicht nur „beim Spracherwerb zu 100 Prozent zur Frankreich-Strategie“. Dem Vorzeigeprojekt seiner Vorgängerin will er jetzt neue Impulse geben: Denn warum immer ins Silicon Valley schweifen, wenn sich auch 110 Zug-Minuten von Saarbrücken entfernt digitale Perspektiven auftun?