1. Saarland

Roland Stigulinszky hat als Satiriker und Graphiker gearbeitet.

Wie Saarländer das Kriegsende erlebten : Vom Traum, für Hitler zu fliegen

Der Saarbrücker Roland Stigulinszky hat als Satiriker, Graphiker und Karikaturist gearbeitet. Im Weltkrieg wollte er die Lüfte erobern.

„Hitler war ein Psychopath“, sagt Roland Stigulinszky aus Saarbrücken. Vielen Saarländern ist Stigulinszky, oder Stig, wie er sich nennt, ein Begriff. Der heute 94-Jährige hat als Satiriker, Graphiker und Karikaturist gearbeitet. Unter anderem für die Satire-Zeitung „Der Tintenfisch“, für die Saarbrücker Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Unzählige Bilder und Texte hat er veröffentlicht, alle mit seinem charakteristischen, ironisch bis zynischem Ton. Seinen schwarzen Humor hat er sich bis heute erhalten. Daran änderten auch zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft nichts. „Ich stehe dazu, dass ich als 16-Jähriger total begeistert war vom Führer“, sagt Stigulinszky. „Das sind doch blöde Arschlöcher. Die, die in meinem Alter sind und behaupten, sie wären gegen Hitler gewesen. Wir waren damals so gut wie alle für den Führer. Das muss sich meine Generation nun mal eingestehen.“

Schon während der Schulzeit auf dem heutigen Otto-Hahn-Gymnasium hat er beschlossen, dass er zur Luftwaffe will. Über eine Anzeige in der Saarbrücker Zeitung hat er von der Ausbildungsstelle für die Luftwaffe in Köslin erfahren. Deshalb hat er sich bei der „Napola“, der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (NPEA), beworben und hier 1943 seine Kadettenausbildung begonnen. Er war in der „Klasse“ für zukünftige Jagdflieger der Fliegerhundertschaft. Bereits in der Schulzeit hatte er in der Flieger-Hitlerjugend Flugunterricht. In St. Arnual und auch in Riegelsberg hatte er die Segelflugprüfung A, B und C absolviert. Überrascht hat es ihn trotzdem, dass er auf der Napola angenommen wurde: „Ich hatte ja die ungarische Staatsbürgerschaft, weil mein Vater aus Ungarn stammt. Ich dachte: Ich halte einfach mein Maul bei der Aufnahmeprüfung.“ Es klappte. Was die nationalsozialistische Gesinnung anging, hat er die Saarbrücker Schulzeit als viel extremer empfunden als die Zeit in der Napola: „Wir hatten in Köslin einen Lehrer, der uns zum Glück nicht direkt nationalsozialistisch erzogen hat. Er hat uns tatsächlich kritisches Denken beigebracht.“ Zugführer Paul, wie der Lehrer genannt wurde, gab den jungen Kadetten einen entscheidenden Ratschlag: „Egal, welche Uniform oder Auszeichnungen jemand trägt, zittert nicht! Fragt euch einfach: Paul, wie siehst du nackend aus?“

Angezogen habe Stigulinszky vor allem die Aussicht auf den „Dödel“. Auf das Ritterkreuz, eine der höchsten Kriegsauszeichnungen, die man erreichen konnte. „So einen Dödel wollten wir vom Zug 9, unserer Gruppe der Fliegerhundertschaft, unbedingt.“ Hinterfragt hat er Hitler erst, als er 1945 in die Kriegsgefangenschaft kam. Seine Ausbildung zum Jagdflieger hat er im Krieg nicht anwenden können. Dabei war sein Ziel so nah. Er hatte die sogenannte Typenschulung bereits hinter sich. Hier fing man mit den kleinen Fliegern an, bis man endlich bereit war, das begehrte Jagdflugzeug Focke-Wulf (Fw 190) zu fliegen. Kurz vor der Umschulung, wurde Stigulinszky 1944 nach Süddeutschland verlegt: „Hier konnten wir nicht fliegen. Entweder es gab kein Benzin oder keine Munition. Oder die Flugzeuge waren zu beschädigt.“ Enttäuscht musste er nun zur Infanterie, denn der Krieg „ging gerade in die Hose“. Bis April 1945 „lag“ er an der Elbe im Granatfeuer der Russen. „Wir waren ausgestattet mit einfachen Karabinern, ich glaube, das Modell 98k. Damit mussten wir gegen die Granatwerfer der Russen kämpfen. Wir haben nur noch versucht, irgendwie lebend da raus zu kommen.“ Ein Eisernes Kreuz zweiter Klasse (EK2), die unterste Auszeichnungsstufe, hat er damals auch bekommen: für einen Nachttrupp-Einsatz in einem von den Russen besetzten Gebiet. Dort waren aber „zum Glück“ keine Feinde mehr zu finden. Um das Töten von Gegnern kam er so herum.

„Bei Magdeburg sind wir nach dem Kriegsende dann auf die amerikanische Seite, einfach weil uns die Amerikaner sympathischer waren als die Russen. Die haben uns dann aber an die Russen ausgeliefert. Die waren dann auch das Problem los, uns ernähren zu müssen.“ Per Fußmarsch musste er dann bis Frankfurt/Oder. Von dort aus wurde der damals 19-Jährige in die Grenzregion zwischen Ukraine und Russland gebracht, um dort als Kriegsgefangener zu arbeiten. „Wir mussten helfen, die Schäden auszugleichen, die die Wehrmacht im Krieg hinterlassen hat.“ Er war hauptsächlich als Landarbeiter in einer Kolchose. „Die Russen hatten sogar Probleme, sich selbst zu ernähren. Sie haben uns arbeitsfähig halten müssen, aber viel gab es da nicht. Und ich weiß noch, dieser Winter 45/46 war saukalt.“ Hier wurde ihm auch klar, dass „Krieg die schlechteste Erfindung der Menschheit ist“. Kam ihm dieser Gedanke nicht schon, während er sich unter Granatbeschuss befand? „Also, wenn man gerade im Granatfeuer liegt, denkt man wirklich nicht über Hitler nach, oder über die Bedeutung von Krieg. Man will nur überleben. Wenn man beim Militär mit Waffen ausgestattet mitmarschiert, da hält man keine großen Gewissenserkundungen. Man spürt vielleicht seine moralischen Prinzipien, aber ob man die in so einem Moment realisieren kann, ist fraglich“, erklärt Stigulinszky. Man funktioniere dort einfach. „Wenn man dort ‚aufmupft‘, wird man entweder ins Militärgefängnis gesteckt, oder man wird gleich erschossen.“

Als Gefangener hatte er noch einen relativ guten Stand. Auf der tagelangen Fahrt in die russische Grenzregion tauschte er mit einem Kameraden Teile seines Proviants gegen „einen Pons“. Mit dem Wörterbuch hat er etwas Russisch gelernt und konnte sich so mit der Lagermannschaft unterhalten. Auch sein Zeichentalent kam ihm zu Gute: „Ich war der Khudozhnik (russich für Künstler). Deshalb kannte man mich da. Ich wurde dann auch eingesetzt, um russische Wohnungen zu streichen. Und manche wollten sich von mir zeichnen lassen“, erinnert er sich. Sein Skizzenbuch war allerdings auch fast sein Untergang. 1947 durften viele Gefangene, die im Lager immer „gehorsam“ waren, zurück nach Deutschland. Auch Stigulinszky sollte auf einer Rückfahrt mitkommen. Beim „Filzen“ vor der Abreise fand einer der Aufseher sein Skizzenbuch. „Der war nicht aus dem Lager und kannte mich daher nicht. Der hat das Buch gesehen und meinte nur: Dich soll der Teufel holen. So musste ich zum Strafzug und durfte nicht zurück.“ Der Strafzug war für die besonders harten Arbeiten vorgesehen. Nachdem er hier eine Zeit lang gearbeitet hatte, durfte er schließlich doch abreisen. Er war zu unterernährt, um zu bleiben. „Diesmal hab’ ich mich gehütet, irgendetwas mitzunehmen. Obwohl es wirklich schade ist, dass ich mein Skizzenbuch von damals nicht mehr habe.“

 Stigulinszky hat viele Bilder in Fotoalben geklebt. Auf dem Foto zwischen seinen Zeichnungen trägt er die Uniform des Reichsarbeitsdienstes.
Stigulinszky hat viele Bilder in Fotoalben geklebt. Auf dem Foto zwischen seinen Zeichnungen trägt er die Uniform des Reichsarbeitsdienstes. Foto: Robby Lorenz
 Den Ehrendolch hat Stigulinszky früher am Wochenende angelegt, wenn es zum Tanzen ging.
Den Ehrendolch hat Stigulinszky früher am Wochenende angelegt, wenn es zum Tanzen ging. Foto: Robby Lorenz

Wie es soweit kommen konnte, dass einer wie Hitler so angehimmelt wurde? Darüber hat sich Stigulinszky viele Gedanken gemacht. „Ohne Zweifel war er ein geschickter Redner und hat durch seine autoritäre Haltung Eindruck gemacht. Wir Jungen wurden angestachelt durch die Auszeichnungen, die es zu gewinnen gab“, meint er. Alle wollten Kriegshelden sein, weil das für den sozialen Status sehr viel zählte. Hauptgrund dafür, dass Hitlers Ideologie auf fruchtbaren Boden fiel, war seiner Meinung nach das kollektive Minderwertigkeitsgefühl der Deutschen. Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die Leute nach Anerkennung gesehnt. Nach jemandem, der ihnen erzählt hat, dass man als Deutscher etwas Besonderes ist. Das stand im Gegensatz zu der „Schmach“, mit der sie aus dem Ersten Weltkrieg gekommen waren. So, glaubt Stigulinszky heute, konnte es dazu gekommen, dass Menschenleben einfach nichts mehr bedeuteten. Angesichts allerdings der Diktaturen und Kriege, die in den Jahrzehnten danach folgten, fragt sich, ob die Menschheit irgendetwas daraus gelernt hat.