1. Saarland

Reliquiensammler zeigt Teil der Dornenkrone Jesu in Primsweiler

400 Reliquien in Primsweiler : Jesus auf einem Splitter begegnen

In 1200 Jahren hat seine Familie an die 400 Reliquien gesammelt: Normann Turner aus Primsweiler öffnet Karfreitag die Türen der Familienkapelle und zeigt zwei davon – darunter einen Teil der Dornenkrone Jesu.

Radiokarbonmethode? Normann Turner winkt ab. „Das führt Sie nur zu einem Ziziphus-Strauch in der Nähe von Jerusalem.“ Für ihn steht die Echtheit der Reliquie auch so fest. In dem Holzsplitter, der in einer silbernen Kapsel eingebettet und mit bischöflichem Siegel versehen ist, sieht er ein Stück der blutigen Dronenkrone von Jesus. Vor knapp 2000 Jahren wohl gewunden aus einem Zweig des Ziziphus spina-christi, dem Syrischen Christusdorn. „Schriftlich belegt ist die Existenz der Reliquie bis ins Jahr 409“, präzisiert Turner von derer von Hunolstein, der unter seinen Urahnen einen Papst, eine heilige Kaiserin und, in der 40. Generation urgroßelterlicher Linie, sogar Karl den Großen ausgemacht haben will.

Die Familiensammlung umfasst an die 400 Reliquien, den Hauptteil hat Turner zusammengetragen. Die Fragmente der Dornenkrone etwa gelangten über das Vermächtnis eines Freundes in seinen Besitz. „Es ist die einzige Reliquie dieser Art im Bistum Trier“, sagt der Sammler. Gemäß dem Vermächtnis zeigt er sie seit 2000 jeden Karfreitag in einer Kapelle, die sein Vater 1974 bauen ließ. Auch trotz Coronavirus.

Dabei ist die Pandemie keineswegs die erste Katastrophe, welche das historische Holz miterlebt. „Die Dornenkrone ist im vergangenen Jahr wieder einmal knapp der Vernichtung entkommen“, berichtet Turner und meint die Krone, die in Notre-Dame von Paris verwahrt ist und bei dem Brand im April 2019 gerettet wurde. Von ihr stammt auch das Fragment, das er zeigt. Ein Holzsplitter, der kaum einen Zentimeter misst, aber durch die Zeit reisen lässt. „Wenn ich vor dieser Reliquie stehe, komme ich Jesus unheimlich nahe, diese 2000 Jahre werden aufgehoben und ich stehe gedanklich vor der Kreuzigung“, erklärt Tuner. Dennoch ist eine Reliquie für ihn nichts Magisches. „Sie setzt mich gedanklich in der Zeit zurück, wenn ein Wunder geschieht, dann war das Gott, nicht die Reliquie“, stellt der Christ klar, der sich intensiv mit der geschichtlichen Dimension seiner Objekte beschäftigt. Er hat Bischofssiegel, welche die Echtheit von Reliquien garantieren, geprüft, Reliquienregister in Aachen und Brügge gewälzt, aus dem Lateinischen übersetzt und verglichen.

Glaubt man oder nicht, das historische Holz führt jedenfalls eine wechselvolle abend- und morgenländische Geschichte vor Augen, in der Heilige, Kaiser, Kreuzfahrer und Bischöfe auf- und wieder abtreten. Der Legende nach soll die Heilige Helena, Mutter des ersten christlichen Kaisers Konstantin des Großen und Stifterin des Heiligen Rocks an die Trierer Kirche, um 326 das sogenannte heilige Kreuz, einige Nägel und die Dornenkrone in Jerusalem gefunden haben. Es ist der in Trier geborene Ambrosius, Bischof von Mailand, der diese Legende vom Kreuzesfund 395 als erster im lateinischen Westen verbreitet.

Von Jerusalem gelangte die Krone bald nach Byzanz, wo sie in der Palastkirche der Kaiser aufbewahrt wurde – bis zum Jahr 1237/38. „Ludwig IX. kaufte sie dem in Geldnot geratenem byzantinischen Kaiser für 135 000 Livre ab“, erzählt Turner. Als Reichsreliquie Frankreichs kam die Krone am Vorabend der Französischen Revolution zur Sicherheit in den Vatikan, später wurde sie unter Kaiser Napoleon der Pariser Kathedrale Notre-Dame übergeben. Im Vatikan aber hatte man einen Teil abgelöst, von dem wiederum 1869 Victor Dechamps, Erzbischof des belgischen Mechelen, ein Fragment entnahm und versiegelte. 2000 ging diese Reliquie von Dechamps letzten Ahnen an Turner über. „An den Teilen im Vatikan sieht man noch die Entnahmestelle meiner Reliquie, die mir der Bischof von Mechelen 2008 erneut bestätigt hat.“

Neben dem Stück von der Dornenkrone zeigt Turner in diesem Jahr zum ersten Mal ein Kreuz aus dem 6. bis 7. Jahrhundert aus Byzanz, das Fragmente des Kreuzes von Jesus enthalten soll. „Es ist eines der ältesten intakten Reliquien im Saarland und seit 1300 Jahren verschlossen.“ Von den 400 seiner Reliquien sind die meisten von der Kirche anerkannt. Initial der Sammlung sind Verwandtschaftsverbindungen ins historische Flandern. „Graf Arnulf war ein großer Sammler“, erzählt Turner von seinem Urahn. In Belgien kaufte er auch einen Teil der Reliquien, die früher seinem Vorfahr Karl dem Großen gehört hatten, und ans Bistum Brügge geht alles nach Turners Tod: „Die Stücke gehören zusammen und sollen nicht verstreut werden.“

Spötter stören den 50-Jährigen nicht. „Wer das belächelt, hat nicht verstanden, dass eine Reliquie nicht altmodisch sein kann, höchstens ihre Fassung“, sagt er und ergänzt, „alles, was sich auf Gott bezieht, ist zeitlos“. Und wer kann schon behaupten, dass er auf verwandte, jahrhundertealte DNA geschaut hat. Turner mit den Knochensplittern seiner Urahnin, der heiligen Adelheid, schon. Aber das ist eine andere Reliquien-Geschichte.

Die Reliquie des Heiligen Rochus, dem Schutzheiligen der Aerzte, Aportheker und krankenhaeuser, der in den Fuersprachen der Glaeubigen bei Epidemien und Seuchen angerufen wird,. Foto: Rolf Ruppenthal/ 2. April 2020 Foto: Ruppenthal
Diese ebenfalls ausgestellte Reliquie soll Fragmente vom Kreuz Christi enthalten. Foto: Ruppenthal
Wird Karfreitag gezeigt: In der Kapsel soll sich ein Splitter der Dornenkrone Christi befinden. Foto: Ruppenthal

Stille Andacht vor den beiden Reliquien, Karfreitag, 9 bis 18 Uhr, in der St-Barbara-Kapelle, Schmelz-Primsweiler, Böschenstraße 11. Besucher aufgrund des Coronavirus nur einzeln, Spenden für den guten Zweck willkommen.