Reiß das Néscht raus!

Reiß das Néscht raus!

Edmund Birk aus Dillingen schreibt, ein unfreundlicher Bauer aus dem Saargau habe seinem Knecht befohlen, ein Vogelnest zu zerstören: "Reiß das Néscht raus, se péifen fòòr de Häären ónn fressen vón de Bauern " (Reiße das Nest heraus, sie pfeifen für die Herren und fressen von den Bauern ).Bekanntlich haben wir im Saarland keine "saarländische", sondern rheinfränkische und moselfränkische Mundarten.

Daneben gibt es in Ensheim und anderen Orten noch ein besonderes Idiom mit Wörtern wie "Huss" (Haus) und "Winn" (Wein), das ich und andere bisher als "alemannisch gefärbte Mundart" bezeichneten. Das ist aber nicht korrekt; Prof. Dr. Haubrichs von der Universität des Saarlandes erklärt es genauer: "Richtig ist, dass sowohl die alemannischen Dialekte am Oberrhein, vor allem aber auch Schwyzerdiutsch den mittelhochdeutschen Lautstand mit î statt ai, ei; û statt au; ü statt oi (geschrieben ), pfälzisch ei bewahrt haben. Das sind typische Konservativismen in sprachgrenznahen Regionen, zu denen dann auch die fränkischen Dialektgebiete Lothringens und des Saarlandes nahe der Sprachgrenze gehörten." Er schlägt vor, dass wir in Zukunft diese Mundarten als "lothringisch gefärbt" bezeichnen sollen, und gern folge ich seinem Rat. Mehr darüber werde ich demnächst schreiben, wenn ich Ihnen das Buch "Faasenachd in Ensemm" von Paul Glass vorstelle.Zum Thema "Flauze" schreibt Paul von Medwedeff, er kenne "Flauze" als Bezeichnung für Pansen, nach dem Krieg ein Arme-Leute-Essen, das später niemand mehr haben wollte. Aber heute seien sie als "Kutteln" noch immer eine schwäbische Spezialität.Ernst Lauer zitiert das Rheinische Wörterbuch, wo es heißt, dass "Flauzen" in Saarbrücken und Ottweiler/Spiesen ein "Fleischsalat aus dem in schmale Streifen geschnittenen Rindermagen" seien.Hans-Peter Spelz aus Beckingen schreibt, vor 40 Jahren habe es in Saarlouis-Roden eine Bar gegeben, deren Besitzerin in weitem Umkreis als Flauzen-Agnes bekannt gewesen sei. Er fand im Wörterbuch von Horst-Dieter Göttert: "Flauzen ... essbare Eingeweide, Kutteln, Kaldaunen; Brüste (absch.)." Karl-Josef Ames aus Fell (bei Trier) kennt die "Flaudze" als "Brüste einer jungen Dame". Ernst Schneider aus Saarbrücken, der jahrzehntelang für die Zeitschrift "Beckerturm" zuständig war, ist in Saarbrücken-St. Johann aufgewachsen. In seiner Kindheit gehörten die "Flauze" zu den Tabu-Wörtern, im Rotlicht-Milieu waren sie eine Umschreibung für die Intimbereiche der Prostituierten.Nach Meinung von Hubert Baltes aus Beckingen sind die "Flauze das Fett der Innereien"; man könne sich vorstellen, meint er, "was das Barmädchen mit dem macht, der zusehen will, wie jemand ihr ‚an den Speck‘ geht".Bleibt mir nur noch, meinen Lesern für ihre Festtagsgrüße zu danken und ihnen alles Gute fürs neue Jahr zu wünschen. Fragen und Hinweise bitte per E-Mail an heimat@sz-sb.de

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