1. Saarland

Bachsanierung: Bürgermeister machen Druck EVS: "Lauterbach war früher ein Abwasserkanal"Der Zorn im Ort ist groß - Unmut in Richtung FrankreichBei Extrem-Hochwasser schwappt der Bach in die HäuserCarling tut schon mal was gegen die Schmutzfracht

Bachsanierung: Bürgermeister machen Druck EVS: "Lauterbach war früher ein Abwasserkanal"Der Zorn im Ort ist groß - Unmut in Richtung FrankreichBei Extrem-Hochwasser schwappt der Bach in die HäuserCarling tut schon mal was gegen die Schmutzfracht

Fast ein Jahr mussten die Lauterbacher warten. Im Spätherbst 2011 hatte Ortsvorsteher Dieter Peters (SPD) beantragt, die Völklinger Verwaltung möge Auskunft geben über den aktuellen Stand der Lauterbach-Sanierung - erst kürzlich hat es dazu eine Bürgerversammlung gegeben

Fast ein Jahr mussten die Lauterbacher warten. Im Spätherbst 2011 hatte Ortsvorsteher Dieter Peters (SPD) beantragt, die Völklinger Verwaltung möge Auskunft geben über den aktuellen Stand der Lauterbach-Sanierung - erst kürzlich hat es dazu eine Bürgerversammlung gegeben. Dabei allerdings bekamen die Bürger umfassende Informationen: der Völklinger Bürgermeister Wolfgang Bintz (CDU) hatte Fachleute eingeladen, die alle Aspekte des Problems beleuchteten.Das Problem ist grenzüberschreitend. Dass der Lauterbach bei Starkregen die Anlieger-Gärten auf deutscher Seite regelmäßig unter Wasser setzt und dabei Fäkalien und sonstigen unappetitlichen Schmutz mitbringt, liegt an Unzulänglichkeiten der Kanalisation im lothringischen Carling: Das hat eine Studie ans Licht gebracht, die der Experte Roland Desgranges 2009 vorlegte. Die Studie hat freilich auch gezeigt, dass Mängel auf deutscher Seite die Lage verschärfen: Hinter Engstellen am Bach - Brücken, Verrohrungen, Mäuerchen - staut sich die Flut; an den Hindernissen bleibt Schmutz hängen, bremst die Durchlässigkeit weiter. Zudem sind die Betonschalen marode, in denen der Bach geführt wird. Das mindert den Querschnitt, es fließt zu wenig Wasser ab.

Die Sanierung ist teuer. 2,2 Millionen Euro kosten die nötigen Verbesserungen der Carlinger Kanalisation. Das Wichtigste dabei: größere Wasserrückhaltebecken. Die bisherigen sind viel zu klein, jeder Gewitterguss lässt sie überlaufen. Und weil die Becken keine Schmutzrechen haben, die Fäkalien und andere Feststoffe zurückhalten, spülen plötzliche Wassermassen jede Menge Dreck mit - in den Lauterbach. Rund eine Million Euro kommt hinzu für Sanierungen in Lauterbach: Beseitigung der Engstellen, Erneuerung der Bachsohle. Gemeinsam haben Völklingen und Carling EU-Förderung beantragt für die grenzüberschreitende Sanierung, berichtet Bintz. Doch der Interreg-Antrag liege auf Eis, auf französischer Seite wolle man alles nochmal prüfen. Denn anders als in Deutschland gelte Regenwasser in Frankreich nicht als (Kanal-)Problem. Deshalb habe er nun, wieder mit seinem Carlinger Kollegen Gaston Adier, einen anderen Weg eingeschlagen: über die Wasserrahmenrichtlinie der EU. Sie schreibt verbindlich vor, dass alle EU-Mitgliedsstaaten "gute" Wasserqualität in ihren Gewässern herstellen müssen. Kein Zweifel, dass da am Lauterbach dringend etwas geschehen muss angesichts üblen Schmutzwassers - immerhin, sagt Bintz, sei nun auch auf französischer Seite das Regenwasserproblem als Problem erkannt und eine Studie dazu in Auftrag gegeben. Dieser Tage solle sie fertig werden. Falle das Ergebnis positiv aus, bekomme Carling 80 Prozent der Kosten für die Sanierung der Kanalisation finanziert.

Doch all dieses Hin und Her und Vielleicht genügt Bintz und Adier nicht. Die beiden haben jüngst einen neuen Interreg-Antrag in Sachen Lauterbach-Sanierung gestellt, berichtete Bintz - auch um politisch Druck zu machen in Frankreich. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit? Auf der alltäglichen, kommunalen Ebene funktioniere sie gut, sagt Bintz. Und lobt insbesondere Adier, der sich stark engagiere für eine Lösung der Lauterbach-Nöte. "Doch wenn es um Geld geht, haben wir ein Problem."

Um den politischen Druck weiter zu verstärken, hat Bintz jetzt Briefe nach Brüssel geschrieben. Saarländische Europa-Abgeordnete der SPD, der CDU und der FDP sollen helfen, die Bachsanierung in Gang zu bringen Grenzüberschreitend - alles andere, sagt Bintz, sei nur Stückwerk. Und rasch: Binnen drei Jahren will der Völklinger Bürgermeister eine Lösung parat haben für das immer wieder weg- und aufgeschobene Problem. "Wir machen den Regen nicht", sagt Karl-Heinz Ecker, Geschäftsführer des Entsorgungsverbandes Saar (EVS), "wir behandeln ihn nur." Eine Binsenweisheit, überflüssig? Nicht ganz. Denn Lauterbach-Anlieger geben dem EVS Mitschuld daran, dass ihre Gärten immer wieder unter Wasser stehen: Seit Kläranlage und Kanäle gebaut worden seien, stelle sich öfter Hochwasser ein als zuvor, sagen sie. Ecker und Gerhard Pansa, Geschäftsbereichsleiter Abwasserwirtschaft beim EVS, widersprechen: Das Wasser werde jetzt durch Kanäle "gefasst" und dadurch nur besser sichtbar. Und das Wetter habe sich verändert, sagt Pansa. Starkregen komme häufiger vor - er erinnert an den Extremregen, der im Juli 2009 Quierschied überspülte. Und: "Für Hochwasserschutz sind die Regenrückhaltebecken nicht gebaut." Diese Becken, rechnet er vor, seien in Lauterbach großzügig dimensioniert. Schmutzwasser, das aus Frankreich herüberkomme, werde gleich an der Grenze in den Kanal geleitet, komme bei Trockenheit gar nicht in den Bach. Der fülle sich erst bei Starkregen. Das zeige: Er war zuvor ein Abwasserkanal - seit das Abwasser kanalisiert sei, liege der Bach meist trocken.

Führe er Wasser, sei sein geringes Gefälle problematisch: Dadurch versande er mit der Zeit, Ablagerungen und Bewuchs behinderten dann den Wasserabfluss. Dafür Abhilfe zu schaffen, sagt Pansa, sei aber nicht Sache das EVS: "Der EVS hat den Auftrag, Abwasser abzuführen - sonst nichts." dd

In ihrem Zorn sind sich die Lauterbacher parteiübergreifend einig. Seit der Studie von 2009 "ist nichts passiert, wir sind nicht weiter", klagt Carmen Lallemand-Sauder (SPD). Es herrsche großer Frust im Ort, weil alles seit Jahren unverändert sei, sagt Klaus Hardt (CDU): "Jeder Regen führt zu Überschwemmungen." Etwas zu tun gegen zu enge Brücken, Ablagerungen und Bewuchs aus dem Bachbett zu entfernen, sei Sache der Stadt, mahnt er. Der Lauterbach sei mit seiner Dreckfracht auch ein Gesundheitsproblem: "Wenn Sie Ihre Wiese mähen wollen, brauchen Sie einen Mundschutz." Haben Anlieger Anspruch darauf, dass ihre Grundstücke wieder gereinigt werden von Fäkalien und sonstigen ekligen "Feststoffen"?, fragt er. Bürgermeister Bintz weiß es nicht: "Das muss ich prüfen lassen."

Michael Grill (CDU) appelliert an die Anlieger, einig zu sein. Erstens ("alle!") einen Weg zuzulassen, damit das Bachbett gepflegt werden kann. Zweitens gemeinsam Unmut in Richtung Frankreich zu artikulieren, damit die Schmutzfracht aufhört. Grill sagt es drastisch: "Ich möchte nicht, dass auf deutsches Gelände geschissen wird." Hardt plädiert dabei für eine harte Linie: "Ich habe kein Verständnis dafür, dass nichts unternommen wird, wenn die Franzosen ihre Kanalanlagen einfach überlaufen lassen!" dd

Hochwasser: Das ist nicht nur am Lauterbach ein Problem, sondern an so gut wie allen Gewässern der Region. Im saarländischen Umweltministerium ist Jens Götzinger zuständig für Fragen des Hochwasserschutzes. Generell, sagt er bei der Bürgerversammlung in Lauterbach, habe sich dabei der Schwerpunkt verändert: weg vom "technischen Hochwasserschutz", etwa mit Deichen - hin zum "Risikomanagement", also zur Hochwasser-Vorbeugung und zur Vermeidung von Schäden. Den Anfang machen Risiko-Karten: Sie zeigen, wie stark sich jedes Gewässer im Hochwasser-Fall ausbreitet und mit welchem Wasserstand dann zu rechnen ist.

Die Karten-Arbeit, fürs ganze Land noch im Gange, ist für den Lauterbach schon abgeschlossen. Was Götzinger da präsentiert, sieht beunruhigend aus: Bei einem 100-Jahres-Hochwasser schwappt der Lauterbach vielen Anliegern ins Haus. Wobei die Gefahrenkarte eindeutige Übereinstimmungen aufweist mit der Abflussmengen-Karte aus der Lauterbach-Studie von 2009: Hinter Engstellen des Bachs prognostizieren die Ministeriums-Experten eine besonders starke Wasser-Ausbreitung.

Was tun? Größere Retentionsräume fürs Wasser könne man in der eng besiedelten Lauterbacher Ortslage nicht schaffen, sagt Götzinger. Man müsse also den Wasserabfluss verbessern: die Bach-Querschnitte durchgängig vergrößern, Engstellen beseitigen - einige davon sind so schmal, dass sie nicht nicht einmal die üblichen jährlich auftretenden Hochwassermengen bewältigen.

Darüber hinaus, sagt Götzinger, seien am Lauterbach nur noch individuelle Schutzmaßnahmen der Anlieger für ihr privates Hab und Gut möglich. dd

Roland Desgranges, Verfasser der Lauterbach-Studie von 2009, hat den Kontakt zu seinen französischen Ingenieurs-Kollegen gewahrt. So kann er den Lauterbachern nun berichten, dass Carlings Bürgermeister Gaston Adier schon mal anfängt mit Verbesserungen für den Lauterbach. Adier lasse jetzt Kanal-Einläufe so korrigieren, dass ein vorzeitiges Überlaufen der Carlinger Wasserrückhaltebecken in den Lauterbach verhindert werde. Und er lasse Schmutzfangrechen einbauen in die Becken. An deren zu kleiner Dimension ändere das zwar nichts. Doch würden dann, schätzt Desgranges, rund 90 Prozent des unhygienischen Kanal-Drecks zurückgehalten. dd

Foto: Doris Döpke

Foto: Mairie Carling