| 20:39 Uhr

SZ-Serie zum Saar-Bergbau
Pumpen bis in alle Ewigkeit?

Unter Tage in der Grube Reden (von links): RAG-Pressemitarbeiter Gregor Zewe, SZ-Redakteur Michael Kipp, RAG-Obermarkscheider Axel Schäfer (kniend) und Steiger Heinz-Jürgen Jung.
Unter Tage in der Grube Reden (von links): RAG-Pressemitarbeiter Gregor Zewe, SZ-Redakteur Michael Kipp, RAG-Obermarkscheider Axel Schäfer (kniend) und Steiger Heinz-Jürgen Jung. FOTO: Robby Lorenz
Fast sechs Jahre nach Ende des Saar-Bergbaus spaltet das Thema Grubenwasser das Land. Worum es geht, zeigt ein Besuch der Grube Reden. Von Michael Kipp

Schacht IV, Grube Reden, 9 Uhr. Glückauf. Heinz-Jürgen Jung, Maschinen-Steiger, Abteilung Gruben-Rückzug, meldet eine Grubenfahrt an. Dazu trägt er fünf Lampen-Nummern in ein Buch ein. Die Leuchten wollen samt Männern runter. 900 Meter tief in die Erde. Zur Ewigkeitslast Wasserhaltung. In die Grube, die 1995 zum letzten Mal Kohle gefördert hat. Zu ihren Pumpen, die jährlich bis zu 14 Millionen Kubikmeter Wasser nach oben drücken. Noch. Der Bergbaukonzern RAG will sie stoppen, will das Wasser in Zeitlupe steigen lassen. In zwei Schritten.


Viele Saarländer haben Angst davor. Vor Erderschütterungen, Senkungen, Hebungen, Vernässungen – vor Gift im Grubenwasser. Derzeit liegt der Antrag für Phase eins nebst Gutachten und mannigfaltigen Einsprüchen dem Oberbergamt vor. Die Landesbehörde entscheidet darüber.

Dr. mont. Axel Schäfer ist Prokurist und Obermarkscheider des Bergbaukonzerns RAG. Wenn man so will: der Chef-Geograf und Chef-Geologe. Er kennt jede Gesteinsschicht, jeden Stollen, jeden Schacht. Und die Diskussion über den Anstieg des Wassers. „Die erste Phase wird die Grundwasserschichten noch lange nicht erreichen“, sagt der Mann aus Stennweiler in der Schachthalle. Genehmigt das Oberbergamt Phase eins, läuft das Wasser aus Reden und Göttelborn nach Ensdorf über, erklärt er. „Durch Verbindungsstollen“. Bei 320 Meter unter Meeresniveau. „Dann könnten wir das Wasser aus Reden in Ensdorf heben.“ Das habe den Vorteil, dass „wir das Grubenwasser nicht mehr über den Klinkenbach, den Sinnerbach und die Blies zur Saar laufen lassen müssen. Das entlastet 70 Kilometer Flusslauf.“ Der zweite Schritt ist noch nicht beantragt. Auch ihm ist ein Genehmigungsverfahren vorgeschaltet. Öffentlich – mit Umweltverträglichkeitsprüfung. Würde auch er genehmigt, fließt das Wasser (fast) aller Saargruben bei Ensdorf in die Saar. Ohne Pumpen. Nicht vor dem Jahr 2035.

Der finanzielle Vorteil liegt auf der Hand: der Strom für die Pumpen, die Infrastruktur unter Tage. Die Belüftung, die so genannten Wetter. Die Technik, die hydraulische Einrichtung, Elektrik, Sicherheit, Grubenwehr. „Wir pumpen derzeit an fünf Standorten 18 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr nach oben“, sagt Schäfer und schaltet sein Helmlicht ein. „Einen Kubikmeter zu heben, kostet etwa einen Euro“, rechnet er vor. Ewigkeitskosten.

Kalt ist es in der Schachthalle der Grube Reden. „Wenn wir unten sind, hören alle auf das Kommando von Heinz-Jürgen Jung. Er sagt, wo wir hingehen. Wo wir stehen bleiben“, erklärt Gregor Zewe, Mitarbeiter der Presseabteilung der RAG vor Ort. Jung mustert die Gruppe. „Glückauf“, grüßt er und grinst. Menschen wie er haben das Saarland geprägt. Klar in der Ansprache, knappe Sätze, wacher Blick, fester Händedruck, unprätentiös. Stolz auf ihre Arbeit. Die sie über Tage heute oft rechtfertigen müssen. Die jahrzehntelangen Subventionen, die bergbaubedingten Erschütterungen in der Primsmulde, die aktuellen Diskussionen ums Grubenwasser. Das Vertrauen in die RAG ist erschüttert. Die Schächte spalten das Land. „Ich habe 30 Jahre unter Tage an Maschinen geschafft“, sagt Jung. Er könnte bereits im Ruhestand sein. Bergleute dürfen mit 49 Jahren in Rente. Doch der 49-Jährige hat Verlängerung beantragt. Er will die Arbeit hier abschließen. Bis das Wasser in den Strecken, Stollen und Schächten ansteigt. Um die Ewigkeitslast finanzierbar zu machen. Und um nachfolgenden Generationen keine Aufgabe für die Ewigkeit zu hinterlassen. „Das ist für uns der Hauptantrieb, die Pumpen abzustellen“, sagt Zewe. „Und nicht, wie so oft behauptet, der finanzielle Aspekt.“ Wasserhaltung, Bergschäden, Halden- oder Bodensanierungen. Die RAG zahlt die Zeche. Etwa 220 Millionen Euro pro Jahr. Für das Ruhrgebiet und das Saarland zusammen. Ewigkeitskosten.



Der Förderkorb kommt. Die Seilfahrt beginnt. Roter Klinker rauscht an den Schachtwänden vorbei. Baujahr 1887. Vier Meter pro Sekunde. Wasser plätschert. Die Temperatur steigt. Der Boden vibriert. Die Lampen wackeln. Enge. „Das erste Mal im Schacht?“ Zwei Minuten bis nach unten. Angekommen. Von hier fräsen sich die kilometerlangen Strecken ins Gebirge. Knapp 30 Grad warme Luft. Die „Wetter“ wehen, riechen ein wenig modrig. Jung geht vor. Zum ersten Pumpenstandort. Nicht weit. Gut ausgeleuchtet ist es hier. Das Wasser ist nicht zu sehen. Die Pumpen saugen es aus einer „Sumpfstrecke“, die vier Meter tiefer liegt. „Das ist Regenwasser“, sagt Schäfer. Durch Schächte, Gesteinsschichten und Klüfte ist es nach unten gekrochen. Auf seinem wochenlangen Weg nimmt es Mineralien auf, Salze. Wenn es lange steht, hat es schlechte Sauerstoffwerte.

Und Gifte? Der Bergbau hat vieles in der Erde zurückgelassen: Löcher, Bandgurte, Schläuche, Kunststoff, Schrott, Maschinen, Holz, Gips, Asbest, Flugasche mit Zement, PCB. Ewigkeitslasten – vom Warndt bis Landsweiler-Reden. Das Wasser durchdringt vieles. Die Flugasche aus Kohlekraftwerken sei ungefährlich, sagt Schäfer. Das Asbest, das mit Beton vermischt unter Tage liege, sei nicht wasserlöslich. „Wir wissen, was unten liegt. Alles ist vermerkt, von den entsprechenden Ämtern damals genehmigt“, sagt der Obermarkscheider. Auch Hydrauliköle mit PCB, das die Maschinen unter Tage schmierte. „Damals wusste ja niemand, dass es so gefährlich ist“, erinnert Schäfer. Und Jung? „Ich habe selbst mit den Ölen gearbeitet. Wir sind immer sorgsam damit umgegangen.“ PCB verursacht Nieren,- Leber-, Hautkrankheiten und ist krebserregend. Auch hier im Wasser auf Sohle acht. „Das wird ständig beprobt“, sagt Schäfer.

Das PCB klebt an den Schwebstoffen darin, die schwerer als das Wasser sind. „Sie setzen sich unten ab“, sagt Schäfer. Je mehr Grubenwasser also anstehen würde, so folgern Schäfer und einige Gutachter, desto niedriger sei auch der PCB-Schwebstoffgehalt darin. Für die RAG ein weiteres Argument dafür, die Pumpen abzustellen. Im Ruhrgebiet haben die Behörden das Abstellen nur erlaubt, wenn die RAG das Grubenwasser klärt. Zwei PCB-Kläranlagen testet der Konzern daher gerade. „Warten wir mal ab, wie die Behörden hier entscheiden“, sagt Schäfer. Zewe nickt, Jung auch. Der Fahrstuhl nach oben wartet. Die Ewigkeitslasten nicht.

Die Saarbrücker Zeitung startet mit dieser Ausgabe eine Serie über die Folgen des Bergbaus im Saarland.

Die Pumpen in der Grube Reden fördern jährlich bis zu 14 Millionen Kubikmeter Grubenwasser nach oben. Die Pläne der RAG, alle Pumpen im Saarland abzuschalten, spalten seit Jahren das Land.
Die Pumpen in der Grube Reden fördern jährlich bis zu 14 Millionen Kubikmeter Grubenwasser nach oben. Die Pläne der RAG, alle Pumpen im Saarland abzuschalten, spalten seit Jahren das Land. FOTO: Robby Lorenz
Axel Schäfer vom Bergbaukonzern RAG (l.) im Gespräch mit SZ-Redakteur Michael Kipp, im alten Kohlebergwerk in Landsweiler-Reden.
Axel Schäfer vom Bergbaukonzern RAG (l.) im Gespräch mit SZ-Redakteur Michael Kipp, im alten Kohlebergwerk in Landsweiler-Reden. FOTO: Robby Lorenz
Das Grubenwasser wird in die Oberflächengewässer des Landes gepumpt, wie hier in Fischbach in den gleichnamigen Bach.
Das Grubenwasser wird in die Oberflächengewässer des Landes gepumpt, wie hier in Fischbach in den gleichnamigen Bach. FOTO: Robby Lorenz