Protest unter strahlender Sonne"Wir müssen den Druck erhöhen"

Protest unter strahlender Sonne"Wir müssen den Druck erhöhen"

Cattenom/Merzig-Wadern. Sirenen heulen, viele grüne Ballons steigen auf, mehrere Tausende Demonstranten legen sich auf den Boden - zum symbolischen Sterben nach der angenommenen Reaktorkatastrophe in Cattenom. Dicht an dicht drängen sich die Teilnehmer vor dem Atomkraftwerk, harren bei der Großdemo unter heiß strahlender Sonne aus

Cattenom/Merzig-Wadern. Sirenen heulen, viele grüne Ballons steigen auf, mehrere Tausende Demonstranten legen sich auf den Boden - zum symbolischen Sterben nach der angenommenen Reaktorkatastrophe in Cattenom. Dicht an dicht drängen sich die Teilnehmer vor dem Atomkraftwerk, harren bei der Großdemo unter heiß strahlender Sonne aus. Per Rad, Bus oder Autos haben sich gestern AKW-Gegner aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Frankreich, Luxemburg und Belgien auf den Weg zu der Kundgebung nach Lothringen gemacht, zu der fast 40 Organisationen und Parteien aufgerufen haben. "Ich denke, dass wir rund 5000 Leute auf die Beine gebracht haben", sagt der Sprecher der Internationalen Aktionsgemeinschaft gegen Cattenom (IAC), Henry Selzer, und lässt seinen Blick über die Menge schweifen, die mit Fahnen, Spruchbändern und Transparenten ihrer Forderung Nachdruck verleihen. Die lautet unmissverständlich: Cattenom muss vom Netz.Wegen Staus auf den Zufahrtstraßen starten die Initiatoren die Veranstaltung später als ursprünglich geplant. "Ich denke, wir warten noch eine Viertelstunde bis 20 Minuten, bis auch die letzten Busse da sind", sagt Selzer. "Eigens für uns haben sie sogar den vierten Block ans Netz geholt", frotzelt der Mann, der bereits vor 25 Jahren gegen den Bau des Meilers zu Felde gezogen ist.

"Tschernobyl - onn naischt baigeliert", erinnert eine Gruppe aus dem luxemburgischen Differdingen an die Reaktorkatastrophe in der Ukraine, die sich heute zum 25. Male jährt. Wenige Meter davon entfernt lässt eine Gruppe aus Bernkastel-Kues ihr meergrünes Schwungtuch tanzen, während sich die SPD-Mitglieder Hans-Josef Uder aus Orscholz, Hans Georg Stritter aus Mettlach, Stefan Krutten aus Oppen und Josef Bernardy aus Beckingen an die Demos gegen Cattenom Mitte der 80er ins Gedächtnis rufen. "Damals waren die Grenzen dicht. Wir mussten am Moselufer protestieren" - eine Sache, an die sich auch Merzigs ehemaliger Ortsvorsteher Helmut Reinig erinnert. "Politiker haben mir damals gesagt, bleibe gradlinig. Ich blieb's, diese nicht." Auch in Elmar Seiwert, Chef der Linkspartei im Kreis, werden die Aktionen der Vergangenheit durch diese Veranstaltung wach gerufen.

"Ich denke, wir dürfen nicht nur fordern, dass Cattenom abgeschaltet wird, wir müssen auch Energie sparen", sagt CDU-Mitglied Dirk Dillschneider. Er habe mittlerweile umgestellt auf Ökostrom, verrät er. "Zwar ist der pro Kilowatt zwei Cent teurer als der normale Strom. Wenn das Gros der Leute umstellen würde, würden die Betreiber die Atomkraftwerke vom Netz nehmen, da dieser Strom nicht mehr gebraucht werde." Auf Solar setzt Familie Klein aus Saarhölzbach. Papa Edi mit Sohn Tobias und dessen Freundin Nadine sind per Rad zur Demo gekommen, Mama Marianne mit dem Auto - "als Servicewagen", wie die drei Sportler sagen. "Wir haben vor einem Vierteljahrhundert gegen den Bau demonstriert", sagt das Ehepaar. Es sei es selbstverständlich, bei dieser Demo Flagge zu zeigen.

Derweil leisten Grünen-Mitglied Peter Rohles aus Wadern mit Sohn Sebastian und Jürgen Dittgen Akkordarbeit: Würste grillen, Baguette aufschneiden und verkaufen. "Weit 700 rote und weiße Würste sind weg", schätzt Rohles gegen Ende der Veranstaltung. Am Stand nebenan lassen Petra, Charlotte und Jana Rauch, Nicole und Stefan Müller sowie Tim Vogel die Finger am Getränkestand rundgehen. "Wir dürfen nur Becher ausgeben, keine Flaschen", entschuldigen sie sich unzählige Male. Cattenom/Merzig-Wadern. Unmittelbar hinter dem hohen Zaun, durch den das AKW Cattenom geschützt ist, wechseln sich Polizisten mit Feldstechern und Kameras ab, beobachten mit Argusaugen die Demo. Derweil freuen sich die Organisatoren - fast 40 Verbände und Parteien - über den Erfolg, rund 5000 AKW-Gegner an Ostermontag mobilisiert zu haben.

"Wir haben jetzt wieder eine internationale Plattform geschaffen", kommentiert Henry Selzer zufrieden den Zulauf bei der gestrigen Großdemo. Für den Sprecher der Internationalen Aktionsgemeinschaft gegen Cattenom (IAC) steht fest: "Wir müssen den Druck erhöhen, dass das AKW abgeschaltet wird." So versteht er die Veranstaltung auf dem Platz zwischen dem AKW in Lothringen und dem "Lac du Mirgenbach" als Auftakt zu einer Serie an Protest-Aktionen, die nach seiner Darstellung folgen werden. Eine Demo in den Städten Metz, Saarbrücken, Thionville, Trier und Luxemburg sei vorstellbar, ebenso ein Musikfestival. "Wir werden darüber beraten", sagt er. "Binnen drei Wochen haben wir diese Veranstaltung organisiert. Am 7. April haben wir begonnen", verrät er und blickt auf die Bühne, wo sich Bürgermeister aus der Region versammelt haben, um sich für die Abschaltung von Cattenom stark zu machen.

So erinnert sich Merzigs OB Alfons Lauer an die Kundgebungen vor 25 Jahren, in denen er gegen den Bau des Atomkraftwerks demonstriert hatte. "Ich habe heute ein Déjà-vu", sagt er und fordert, das AKW abzuschalten. mst

"Vor 25 Jahren waren bei Demos die Grenzen dicht."

Josef Bernardy

Dominic Scherer aus Saarbrücken (rechts) und Anna Wilmann aus Bous demonstrierten am Zaun des AKWs. Fotos: Rolf Ruppenthal.
Ein Totenkopf mahnt.

aus Beckingen

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