Vandalismus: Protest aus der Spraydose

Vandalismus : Protest aus der Spraydose

Graffiti-Künstler von Rang haben Saarbrücker Hauswände in Kunstwerke verwandelt. Einige sind jetzt übersprüht. Ein Regelverstoß in der Sprayer-Szene.

Fünf Tage Arbeit stecken in dem Wandbild der international bekannten Graffiti-Künstlerin MadC. Es ist an der Giebelwand des Hauses Spichererbergstraße 9 neben dem Landtag und gehört zum Saarbrücker Artwalk. Kaum zwei Wochen ist es vollendet, da hat ein unbekannter Sprayer das Werk über Nacht mit eigenen Sprühbuchstaben verunstaltet. „Erbärmlich“ findet man das beim Kultusministerium, das die Freiluft-Graffiti-Galerie Artwalk in Auftrag gegeben und finanziert hat.

Früher habe es unter Sprayern einen Ehrenkodex gegeben, wonach Arbeiten von großen Künstlern der Szene nicht beschädigt wurden, sagt die Pressefrau des Ministeriums, Marija Herceg. Doch heute gelte das offenbar nicht mehr, stellt sie fest.  Das Artwalk-Wandbild von MadC ist laut Herceg  nicht das einzige, auf dem Spraydosen-Fans ihre Spuren hinterlassen haben.

Auch das Wandgemälde „Boyhood“ des Australiers Fintan Magee in der Mainzer Straße 52 sei beschädigt worden, das Bild „Out of this World“ des Saarbrückers „Reso“ Jungfleisch an der Musikhochschule sogar schon zum zweiten Mal. Hinter dem Sprühwerk an der Musikhochschule und der Wand neben dem Landtag dürfte sogar derselbe Urheber stecken, denn beide Male hinterließ er als Kürzel „IMC“.

„Es ist so unsäglich.“ Auch Uschi Macher, Leiterin des Referats für internationale kulturelle Zusammenarbeit, EU-Angelegenheiten und Soziokultur beim Ministerium für Bildung und Kultur Saarland, fragt sich, was die Täter antreibt, sich ausgerechnet an den Wandbildern auszulassen, mit denen das Ministerium der Urban Art als Kunstform doch zu mehr Wertschätzung verhelfen wollte.

An Platzmangel könne es nicht liegen. „Die Stadt Saarbrücken hat doch jetzt viele neue Flächen für Graffiti freigegeben“, sagt Macher. Das Ministerium will die drei Werke „reparieren“ lassen. Auf 500 bis 2000 Euro schätzt sie die dafür anfallenden die Kosten. Rechnet man Künstlerhonorare, Kosten für Gerüste, Hubsteiger und Farb-Material zusammen, hat das Ministerium für jedes Kunstwerk des Artwalks laut Macher bisher rund 10 000 Euro bezahlt. Ob gerade in diesem Konzept, also Graffiti-Kunst gegen Bezahlung, der Grund für den Vandalismus liegt? „Es ist der Protest einiger Sprayer gegen die Kommerzialisierung und Entpolitisierung von Graffiti“, vermutet ein Kenner der Szene, der nicht namentlich genannt sein will.

Statt auf Repression will das Ministerium auf Dialog setzten, um die Ursachen zu ergründen und weiteren Vandalismus zu verhindern. „Wir werden mit der Landeshauptstadt zu einem Treffen einladen, um einfach mal darüber zu reden“, kündigt Uschi Macher an. Vorstellbar ist für sie auch, Bewegungsmelder an den Artwalk-Wänden anzubringen, um Vandalen abzuschrecken.

Das für den Artwalk gefertigte Werk von Reso an der Musikhochschule ist ebenfalls zum Teil übersprüht.

Nicht durch Sprayer drohte dem Wandbild von MadC kurz Gefahr. Auf dem Grundstücksstreifen über der Landtagstiefgaragen-Einfahrt besteht Baurecht. Eine Architektengemeinschaft habe dem Landtag angeboten, dort in Eigenregie ein Gebäude zu errichten, um es teilweise dem Landtag zu vermieten und teilweise für private Nutzung zu vermarkten. Das teilte die Landtagsverwaltung der SZ auf Nachfrage mit. Ein solches Gebäude hätte das Wandbild für immer verdeckt. In der letzten Parlamentssitzung vor der Sommerpause habe man dieses Anliegen jedoch abschlägig beschieden. Da man keinen Raumbedarf habe, werde man in absehbarer Zeit dort nicht bauen, sagte der Landtagsmitarbeiter.