Premiere von "Hoffnung" in der Saarbrücker Feuerwache

Premiere von "Hoffnung" in der Saarbrücker Feuerwache : Wir Weltverschlechterer

Ohne „Fridays for future“-Aktivisten wäre es bei der Erstaufführung von „Hoffnung“, einem Stück zum Klimawandel, in Saarbrückens Alter Feuerwache bei bravem Aufsage-Theater geblieben.

Ach, ist das ein herrliches Gefühl! Yes, we can. Wir, die Weltverschlechterer, wir werden Mitbesitzer an Windkraft-Kooperativen und erzeugen unsere Energie selbst. Und dann zerren wir die Fossil-Industrie vor den Menschenrechtsgerichthof in Den Haag! Schließlich lässt sich nachrechnen, dass deren Businessplan nur dann funktioniert, wenn die Menschheit drauf geht. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung sollen reichen, um die Politik zur Klimawende zu zwingen. Dazu zählt in Saarbrückens Feuerwache die Energieministerin Gwen (Gaby Pochert). Sie ist das überlebensgroße Video-Gesicht der neuen Bekehrten-Bewegung. Wie in einer Apotheose schwebt ihr Porträt über der letzten Szene. Schlimmster Kitsch, wir mittendrin in plattem Weltverbesserungstheater?

So billig kann es sich der Belgier Stijn Devillé in seinem Stück „Hoffnung“ doch bitte nicht gemacht haben! Hat er auch nicht. „Die Zukunft ist unentschieden“ lautet seine kluge Schluss-Botschaft. Regisseur Krzysztof Minkowski will’s eindeutiger. Gottseidank überlässt er nach Gwens peinlichem Auftritt das letzte Wort dann doch dem Chor: „Jede Sekunde zählt!“ Und wieder retten die zehn jungen Aktivisten der hiesigen „Fridays for Future“-Bewegung die Aufführung. Minkowski hat die jungen Leute und ihre Parolen, die sie selbst bestimmen durften, in Devillés Stück (2015) integriert.

Ein Bürgerchor, das ist seit Volker Löschs Dresdner Inszenierungen kein überraschendes theatrales Mittel mehr, aber auch noch nicht aus der Mode. Ohne dieses authentische Element wäre die deutsche Erstaufführung von Devillés „Hoffnung“ zweifellos ein verkopftes Aufsage-Theater geblieben, gespickt mit der landläufigen Argumentationsware aus der Tagesthemen-Talkshow-Kiste. Doch die jungen Leute tragen Herz und Schmerz und Angst und Wut in diesen Abend, wollen wirklich was von uns, drängen sich mitunter in die Sitzreihen, klagen an: „Warum trennt ihr euren Scheißmüll nicht?“ Sie fordern den sofortigen weltweiten Klimanotstand, rufen nach veganer Schulkost. Da spüren wir sie, die Emotionalität und Power, die in den Äußerungen der acht Schauspieler meist nur als theoretische Größen auftauchen. „Hoffnung“ ist das letzte Stück in Devillés zeitkritischer Trilogie „Habgier, Angst & Hoffnung“, das die Dekade nach der Finanzkrise 2008 ausleuchtet.

Devillé hat seinem Personal persönliche Schicksale mitgegeben, hat eine komplexe Story entwickelt, die mit Karrieren, Korruption und Kapitalismuskritik jongliert und das Zeug für das Drehbuch einer TV-Serie der Marke „Bad Banks“ hätte, dann aber „Energo“ hieße, denn angeprangert werden die Machenschaften der Energiewirtschaft. Bürgermeisterin Luc, von Martina Struppek als temperamentvolles Energiebündel gezeichnet, hat einen Vater im Pflegeheim, ihr Assistent Nico (Thorsten Rodenberg) einen behinderten Sohn, und die krebskranke Gwen Geheimnisse vor ihrem Lover David (Sébastien Jacobi). Doch wichtig ist das Menscheln hier nicht. Denn Minkowski bohrt in Saarbrücken nicht nach psychologischer Tiefenschärfe, er blendet zudem Milieu und Stimmung weitgehend aus. Auf einem U-förmigen Podest mit verglaster Front, das an sterile Rathaus- und Hotel-Treppenhäuser erinnert, schreitet ein in schreiende Papageienfarben gekleidetes Personal zu intellektuell herausfordernden Rede-Duellen an (Bühne und Kostüme: Konrad Schaller). Zwischen ihnen türmen sich schwarze Müllsäcke, denn die Müllabfuhr streikt seit 17 Wochen, außerdem soll ein Atommeiler abgeschaltet und die Bürger zum Stromsparen gezwungen werden. Es herrscht Krisen- und Alarmstimmung, es ist die Stunde der Deals. Dafür steht vor allem die Vertreterin des Energo-Konzerns, bei einer zu zaghaften Mirjam Kuchinke leider keine Amazone des suizidal um sich schlagenden Systems. Kungeln kann aber auch der „gute“ Erfinder-Unternehmer Egon Starck (Michael Wischniowski), der seinen Gemüsebrei aus Energiespargründen im Geschirrspüler bereitet. Er gewinnt den Wissenschaftler Carl Jacobs (Bernd Geiling) auch sexuell für seine Weltrettungsmission. Dieses Männer-Duo sorgt für die ansonsten raren Lacher an diesem Abend, Starck als hysterischer Prophet, Geiling als moralisch befreiter Energiekriegsgewinnler. Im amüsierten Feuerwachen-Publikum geht der auf Akquise für das Windkraft-Kooperationsmodell.

Wirklich brillant agiert nur Till Weinheimer als Gwens Vater Stevie, Symbol eines monströsen Neoliberalismus. Weinheimer gibt ihn mit herrlich grimmigem Witz als lässig-gefährliche Al-Pacino-Type, er aalt sich in Arroganz, kämpft mit grotesken Kung-Fu-Schritten gegen den neuen Geist und schnauzt einen „Fridays-for-Future“-Aktivisten an: „Idiot, geh in die Schule!“ Doch dieser neoliberale Stevie stammt aus Zombieland, sagt Devillé: Gwens Vater ist schon zehn Jahre tot. Die Klappe ist also zu, ran an die bessere Welt? Doch „ohne Kohle kein Schwenkbraten“, das lässt Minkowski seinen Stevie in Saarbrücken sagen. Das Lachen müsste uns in der Kehle stecken bleiben, denn ja, wir müssen unser Leben ändern, und „Hoffnung“ baut ohne Zweifel eine Rampe zu dieser nicht neuen Erkenntnis. Doch die ist nicht kunstvoll genug gebaut, um einen großen Theaterabend zu garantieren. Denn, mit Verlaub, Devillé ist kein belgischer Bert Brecht, wie Rezensenten meinten. Der wusste, dass ein politisches Thema noch keinen politisch wirksamen Abend macht und schuf ein neues ästhetisches Konzept, das epische Theater. Doch weder Devillé noch Minkowski wagen sich ran an eine ungewöhnliche eigene Form-Gebung, an Aufrauhung und Verstörung. Sicher, man scheidet als Zuschauer, der Gegenwärtigkeit erwartet, nach dieser Premiere am Samstag mehr als zufrieden, wohl wissend, dass die Tür zu tieferen Denkräumen nicht aufging.

Nächste Termine: 10., 13, 21. und 27. September, jeweils 19.30 bis 21.30 Uhr

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