Polizei kontrolliert Migranten an Grenze zu Frankreich und Luxemburg

Kostenpflichtiger Inhalt: Einsatz der Bundespolizei : Schleuserjagd an saarländischer Grenze

Ein erfahrener Beamter und eine frisch vereidigte Polizistin geben spannende Einblicke in ihre Arbeit bei der Bundespolizei.

Lautes Geschrei schallt über den Flur der Bundespolizeiinspektion Goldene Bremm an der Grenze zu Frankreich. Dieter Schwan schließt die Tür zum kargen Verhörzimmer. Der Lärm ist jetzt gedämpft, aber immer noch hörbar. Schwan, ein grauhaariger und stämmiger Mann kurz vor der Pensionierung, ist seit Jahren Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion in Bexbach, aber er kennt die Situation, die sich auf dem Flur abspielt aus seiner aktiven Zeit nur allzu gut. Ein junger Mann ist kurz zuvor von den Beamten in Gewahrsam genommen worden und beschwert sich lautstark in gebrochenem Französisch über seine Festnahme. Polizeialltag.

Teils resigniert, teils entschuldigend blickt Schwan ob der Geschehnisse auf dem Flur über den Schreibtisch. Dann erklärt der 62-jährige Polizeihauptkommissar das Ziel des zweitägigen Einsatzes am 9. und 10. Oktober. „Wir wollen die Dunkelfelder der illegalen Migration aufhellen und somit der Schleuserkriminalität das Handwerk legen.“ Das gelinge mit diesen Stichprobenartigen Kontrollen zwar nicht direkt, aber: „Damit holen wir die Migranten aus der Illegalität heraus und geben ihnen ihre Identität zurück.“ Illegale Einreise sei zwar ein Straftatbestand, werde jedoch in der Praxis nicht strafrechtlich verfolgt. „So erhalten wir Hinweise auf mutmaßliche Schleuserbanden und deren Kontakte vor Ort“, erklärt Schwan. „Bausteine“ nennt er diese Hinweise in Form von wiederkehrenden Namen oder Telefonnummern. Es gehe bei solchen Einsätzen nicht zuvörderst um Migranten. „Die Kriminellen, das sind die Schleuser.“

Um an die notwendigen Informationsbausteine zu gelangen, aus denen sich wie bei einem Puzzle ein Lagebild erstellen lässt, setzte die Polizei 85 Beamte an der Grenze zu Luxemburg und Frankreich ein, dazu einen Helikopter. Mit diesem wurden immer wieder Einsatzkräfte verlegt und mobile Kontrollpunkte eingerichtet. „Damit wir nicht ausrechenbar sind“, begründet Schwan das Vorgehen. Die Arbeit der Bundespolizei trägt Früchte. 798 illegale Einreisen wurden im Jahr 2018 auf diese Art festgestellt. Dies sei jedoch weniger als die Hälfte im Vergleich zum Jahr 2015. Am ersten der beiden jetzigen Kontrolltage, am Mittwoch, konnten die Beamten neun unerlaubte Einreisen feststellen.

Erneut laute Stimmen auf dem Flur. Vor dem Verhörzimmer steht der junge Mann, der in Gewahrsam genommen worden war – jetzt in Handschellen. Eine Dolmetscherin erklärt ihm, dass sein Verhalten Konsequenzen habe, wenn er sich nicht mäßige. Die lautstarke Auseinandersetzung war entstanden, weil er einen Beamten bespuckt hatte. Auch Polizeialltag.

Nur wenige hundert Meter weiter haben Derya E. und ihre Kollegen in der Metzer Straße einen sogenannten Verkehrstrichter eingerichtet. Die 24-jährige Polizeimeisterin – zierlich, brauner Pferdeschwanz – ist erst seit zwei Monaten mit ihrer Ausbildung fertig, hat in deren Verlauf aber bereits einiges erlebt. „Wir haben bei diesen Einsätzen immer wieder Treffer“, sagt sie. Drogen aber auch Waffenfunde seien an der Tagesordnung, der Respekt vor Polizeibeamten nicht besonders groß. Dieter Schwan nickt zustimmend und lehnt sich in den Rücksitz des Mannschaftsbusses. Fahrzeuge würden inzwischen ständig durch die Kontrollen rasen. „Man muss höllisch aufpassen“, sagt er. Obwohl der Einsatz ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen ist, kennt die junge Polizistin sich mit gewalttätigen Auseinandersetzungen bereits aus „Im Streifendienst gab es eine Situation, wo ein psychich labiler Mann Widerstand geleistet und mit Gewalt gedroht hat“, erzählt sie. „Den mussten wir zu Boden bringen. Da bekommt man schon Herzrasen, wenn man nicht weiß, ob einer zuschlägt oder nicht.“ Die zierliche Frau lächelt nervös. Durch die permanente Bedrohung bleibe man aber geistig hellwach und halte die Konzentration aufrecht. Denn: „Nichts ist gefährlicher als Routine“, sind sich Dieter Schwan und Derya E. einig. Das gelte auch bei vermeintlich einfachen Dingen wie Fahrzeugkontrollen.

Trotz aller Gefahr: Polizistin ist der Traumberuf von Derya E. Foto: Dominik Dix

Trotz aller Gefahren wollte die 24-Jährige schon immer Polizistin werden. „Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, dass verantwortungsbewusste Menschen den Job machen“, sagt sie . Weitere Pluspunkte seien die Abwechslung und ihre zuverlässigen Kollegen. Ein Bürojob? Komme nicht in Frage. Ihre Eltern stammen aus der Türkei, haben selbst Migrationshintergrund – trotzdem ist sie überzeugt davon, als Teil einer Grenzschutzeinheit das Richtige zu tun. „Natürlich hat man manchmal Mitleid mit den Menschen, die man festnehmen muss“, gibt sie freimütig zu. „Aber das darf die polizeilichen Maßnahmen nicht beeinflussen. Man muss den Beruf und die persönlichen Gefühle trennen und sollte nichts davon mit nach Hause nehmen.“ Ein hehrer Vorsatz, der sich in der Praxis nicht immer umsetzen lässt, wie die Polizeimeisterin schon am eigenen Leib erfahren musste. „Während der Ausbildung wurde ich als Unterstützungseinheit zu einem Fall gerufen, bei dem eine junge Frau von einem Fussballfan in einem Zug vergewaltigt worden ist“, erinnert sich die Polizistin schaudernd. „So etwas kann man nicht ohne weiteres abschütteln.“ Auch das ist – Polizeialltag.

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