1. Saarland

"Pflege steht unter großem Druck"

"Pflege steht unter großem Druck"

Herr Kilian, nach dem Pflegeskandal von Elversberg gab es am Donnerstag einen Pflegegipfel, es gibt neue Arbeitsgruppen und einen neuen Landes-Pflegebeauftragten. Ist das Aktionismus der Politik oder haben Sie Hoffnung, dass sich wirklich etwas bessert?Kilian: Bei dem Treffen im Ministerium war ich darüber erfreut, dass ein sehr offenes Klima herrschte

Herr Kilian, nach dem Pflegeskandal von Elversberg gab es am Donnerstag einen Pflegegipfel, es gibt neue Arbeitsgruppen und einen neuen Landes-Pflegebeauftragten. Ist das Aktionismus der Politik oder haben Sie Hoffnung, dass sich wirklich etwas bessert?Kilian: Bei dem Treffen im Ministerium war ich darüber erfreut, dass ein sehr offenes Klima herrschte. Es gibt einen gewissen Schwung, um die Probleme in der Pflege gemeinsam anzugehen. Ich hoffe sehr, dass dieser Schwung anhält.

Hat es eines so tragischen Ereignisses wie im Elversberger Awo-Heim bedurft, damit sich grundlegend etwas tut?

Kilian: Diese Frage drängt sich auf. Es haben sich offensichtlich verschiedene Probleme kumuliert, die Politik steht unter Handlungsdruck. Von daher beschleunigt das möglicherweise auch Prozesse, die zur Problemlösung beitragen können. Durch die Betroffenheit in den Reihen der Entscheidungsträger denkt der eine oder andere vielleicht auch noch einmal darüber nach, ob er bestimmte Dinge anders angehen muss.

Gibt es im Saarland einen Pflegenotstand, wie die Gewerkschaft Verdi behauptet?

Kilian: Das ist eine Frage der Definition. Tatsache ist, dass die Pflege unter erheblichem Druck steht und sich dieser Druck immer mehr verstärkt. Die Anforderungen in der Pflege sind in den letzten Jahren gestiegen. Die Verweildauer in Einrichtungen hat sich dramatisch verkürzt - ein Indiz, dass die Menschen länger in ihrer Häuslichkeit bleiben. Das heißt aber auch: Der gesundheitliche und pflegerische Zustand der Pflegebedürftigen wird schwieriger, die Anforderungen an das Personal steigen. Wir brauchen mehr Personal und wir brauchen in erhöhtem Maße Fort- und Weiterbildungen. Demgegenüber steht ein leer gefegter Arbeitsmarkt bei Fachkräften.

Könnten Sie denn mehr Personal einstellen, wenn Sie welches finden würden?

Kilian: Wir können nur das Personal einstellen, das wir über die Pflegesätze refinanzieren können. In der letzten Verhandlungsrunde mit den Pflegekassen und den Landkreisen haben wir 16 Prozent mehr Personal gefordert, aber nur fünf Prozent mehr bekommen.

Wie optimistisch sind Sie, dass Sie nach der nächsten Runde 2013 mehr Geld haben?

Kilian: Ich bin verhalten optimistisch, weil - auch durch Vorfälle wie in Elversberg - das Thema an Brisanz gewonnen hat. Aus fachlicher Sicht hat unserer Forderung bislang sowieso niemand widersprochen.

Sie sagen selbst, der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Wo sollen die Fachkräfte denn dann herkommen?

Kilian: Wir können zum einen Pflegehelferinnen und -helfer mit geeigneten Maßnahmen nachqualifizieren. Wir brauchen auch ausländische Pflegekräfte und wir müssen die Arbeitsbedingungen so gestalten, dass die jungen Menschen, die eine Ausbildung machen, in der Pflege bleiben. Die Fachkraftproblematik wird im Übrigen das Thema sein, dass ich mit erster Priorität in den vom Sozialminister initiierten Pflegedialog einbringen werde.

Zum Fall in Elversberg: Sie wollen, sobald Sie die Untersuchungsergebnisse kennen, über Konsequenzen entscheiden. In welche Richtung könnten diese Konsequenzen gehen?

Kilian: Wir brauchen sicher erst noch mehr Erkenntnisse. Aber wenn die beiden Pfleger in Elversberg mit ihren Handys Fotos von ihren Opfern gemacht haben, muss man zum Beispiel darauf hinwirken, dass Einrichtungen bestimmte Vorgaben für die Handy-Nutzung ihrer Mitarbeiter machen. Und wir müssen Möglichkeiten finden, Pflegekräfte, die für den Beruf nicht geeignet sind, davon abzuhalten. Das ist ein ungelöstes Problem. Aufgrund hoher rechtlicher Hürden sind die staatlichen Institutionen an dieser Stelle gefordert. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es aber nicht geben.

Foto: Theobald