Pascal oder die Suche nach der Wahrheit

Seit 2001 vermisst : Pascal oder die Suche nach der Wahrheit

Pascal Zimmer aus dem Saarbrücker Stadtteil Burbach wäre heute 13 Jahre alt. Sein früherer Spielkamerad Kevin (Name geändert) feierte kürzlich seinen 14. Geburtstag. Beide Jungen stehen als Opfer im Mittelpunkt des wohl spektakulärsten Kriminalfalles der letzten Jahrzehnte im Saarland.

Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe will womöglich morgen entscheiden, ob der Fall, der nach 148 Verhandlungstagen von September 2004 bis September 2007 vor dem Schwurgericht mit Freisprüchen endete, wieder völlig neu aufgerollt werden muss.Rückblende: Von Pascal fehlt seit dem Nachmittag des 30. September 2001 jede Spur. Der Fünfjährige war an jenem Kirmessonntag mit dem Fahrrad in Burbach unterwegs. Die Ermittler der Sonderkommission "Hütte" stellten wiederholt fast den gesamten Stadtteil auf den Kopf. Der Junge bleibt verschwunden. Ein erster Verdacht gegen seine Stiefschwester, dass sie das Kind erschlagen haben soll, erhärtet sich nicht. Das Mädchen hatte wohl unter dem Druck der stundenlangen Vernehmung ein falsches Geständnis abgelegt. Dass Pascal heute nicht mehr lebt, davon gehen Polizisten, Juristen und Prozessbeobachter aus. Aber die Leiche fehlt.

Oberstaatsanwalt Josef Pattar klagte im Februar 2004 die "Tosa-Gemeinschaft" an. Wirtin Christa W. und ihre "Service"-Kräfte von der früheren Tosa-Klause in Burbach sowie einige Stammgäste sollen den Jungen auf dem Gewissen haben. Mord, schwerer sexueller Missbrauch und Vergewaltigung lautet die Anklage gegen zwei Frauen und vier Männer aus Riegelsberg, Forbach und Saarbrücken. Sieben weiteren Beschuldigten wird Beihilfe zum schweren Kindesmissbrauch - teilweise auch an Kevin - vorgeworfen.

Kevin brachte die Fahnder Ende 2002/Anfang 2003 auf die Spur der Tosa-Runde. Pascals früherer Spielkamerad war vom Jugendamt in einer neuen Pflegefamilie untergebracht worden. Zuvor lebte er bei der Tosa-Wirtin, die auch seine leibliche Mutter Andrea M. betreute. Die Pflegemutter schlug nach auffälligen Schilderungen und Verhalten des Kindes Alarm. Der etwas zurückgebliebene Kevin berichtete von sexuellem Missbrauch, nannte Vor- und Spitznamen von Gästen und erzählte auch von Pascal, der in der Tosa-Klause gewesen sein soll. Im Verlauf der extrem schwierigen Ermittlungen legen mehrere Verdächtige Geständnisse ab, die teilweise miteinander übereinstimmen, in anderen Details aber wiederum widersprüchlich waren. So soll Pascal im Nebenzimmer der Tosa-Klause umgebracht worden sein, nachdem Martin R. sich an ihm vergangen hatte. Kevins leibliche Mutter hatte angegeben, Pascals Gesicht so lange in ein Kissen gedrückt zu haben, bis er sich nicht mehr rührte. Die Leiche soll dann am Abend des 30. September 2001 in einem blauen Müllsack aus der Kneipe gebracht worden sein. Die Leiche wurde nie gefunden. Auch am mutmaßlichen Tatort fanden die Fahnder über ein Jahr nach dem angeblichen Mord keine einzige Spur mehr. Und sämtliche Geständnisse wurden im Lauf des dreijährigen Pascal-Prozesses nach und nach widerrufen.

Es war ein Mammut-Prozess, wie ihn das Saarland noch nie erlebt hat. Am Richtertisch saßen drei Berufsrichter und zwei Schöffen, die wahrlich alles versuchten, um den Sachverhalt aufzuklären. Sie arbeiteten sich durch eine Ermittlungsakte mit rund 60 000 Seiten Papier in 141 Leitz-Ordnern sowie 76 Videokassetten mit Vernehmungen und Rekonstruktionen. Zwei Staatsanwälte, unterstützt von der Polizei, fünf Opferanwälte der Nebenklage und zwölf Verteidiger prüften ebenfalls alles auf Herz und Nieren. Nach mehr als 450 Vernehmungen von fast 300 verschiedenen Zeugen und Sachverständigen hatte niemand mehr Fragen. Der Sachverhalt war so weit aufgeklärt, wie es ging. Vier Tage lang dauerten die Schlussplädoyers. Die Anklagevertreter und die Opferanwälte forderten eine Verurteilung von elf der zwölf Angeklagten (ein Angeklagter starb im Prozessverlauf). Die Verteidiger forderten Freispruch für alle.

Am 148. Prozesstag verkündete der Vorsitzende Richter Ulrich Chudoba das Urteil. Alle Angeklagten wurden freigesprochen, maßgeblich nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten". Begründung: Dies sei einer der wenigen Fälle im Strafrecht, wo sowohl eine Verurteilung als auch ein Freispruch zu begründen seien. Es könnte also so gewesen sein, wie die Ankläger meinen. Oder auch nicht. Deshalb sei der Fall nicht zweifelsfrei geklärt.

Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken sieht das anders. Sie glaubt, dass die Beweislage zumindest bei vier der Angeklagten zu einer Verurteilung reicht. Bei drei Beschuldigten in Sachen Pascal und bei einem weiteren Angeklagten im Fall Kevin. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat sich dieser Linie angeschlossen. Sie wird morgen vor dem Bundesgerichtshof die Revision gegen das Saarbrücker Urteil vertreten. Ihre Meinung nach wurde von den Richtern an der Saar der Zweifelssatz zu weit ausgelegt. Das Schwurgericht habe die Messlatte für eine Verurteilung der Angeklagten zu hoch gehängt.

Die fünf Richter des vierten BGH-Strafsenats wollen sich zunächst die Plädoyers der Beteiligten anhören. Dann werden sie beraten und eventuell ein Urteil verkünden. Heben sie die Freisprüche auf, müsste der Pascal-Prozess an der Saar vor anderen Richtern neu aufgerollt werden.

Auf einen Blick

Der Schlüssel zum Fall Pascal ist die Geschichte eines anderen Jungen. Die Medien nennen ihn "Kevin". Er ist im Januar 2001 sechs Jahre alt. Er lebt mit seiner Mutter bei Christa W. in Riegelsberg. W. betreibt in Burbach die Kneipe "Tosa-Klause". Wegen möglicher Missstände wird Kevin Ende Januar 2001 vom Jugendamt in einer Pflegefamilie untergebracht.Unterdessen verschwindet am 30. September 2001 der fünf Jahre alte Pascal aus Burbach spurlos. Er ist allein mit seinem Fahrrad unterwegs und kommt abends nicht nach Hause.

Im Oktober 2001 gerät eine der Stiefschwestern Pascals in Verdacht, den Jungen erschlagen zu haben. Sie muss kurzzeitig in Untersuchungshaft. Der Verdacht bestätigt sich nicht. Die Suche nach Pascal bleibt ohne Erfolg.

Im November 2002 gerät Christa W. unter den Verdacht, dass ihr Pflegekind Kevin zu Hause in Riegelsberg missbraucht worden sei. Die Wirtin W., die Mutter von Kevin und zwei Männer kommen in U-Haft.

Der Fall Kevin bringt ab Februar 2003 die Wende in Sachen Pascal. Gäste der Tosa-Klause von W. erzählen, dass Kinder auch in dem Burbacher Lokal missbraucht worden seien. Eines der Opfer sei Pascal. Er sei am Tag seines Verschwindens in dem Lokal gewesen, vergewaltigt und umgebracht worden.

Gestützt darauf erhebt der Staatsanwalt im Februar 2004 Anklage gegen 13 Männer und Frauen, die in U-Haft sitzen. Sie sollen für den Tod Pascals in irgendeiner Form mitverantwortlich sein. Einigen wird zudem der Missbrauch von Kevin zur Last gelegt.

Am 20. September 2004 beginnt der Pascal-Prozess vor dem Schwurgericht. Der Andrang von Medien und Zuschauern ist enorm. Drei Angeklagte bestätigen frühere Geständnisse. Andere sagen, dass sie sich von der Polizei unter Druck gesetzt fühlten.

Im Dezember 2004 werden zwei angebliche Tathelfer aus der Haft entlassen. Grund: kein dringender Tatverdacht mehr.

Der Schlagabtausch zwischen Anklage und Verteidigung geht 2005 weiter. Beschuldigte widerrufen alte Aussagen. Währenddessen sterben Mutter und Vater von Pascal.

Im Oktober 2005 ziehen die Richter Zwischenbilanz. Vier weitere Haftbefehle werden aufgehoben. Das Verfahren gegen einen Angeklagten, er ist schwer krank, wird eingestellt. Im Juni 2006 sind alle zwölf Angeklagten frei: kein dringender Tatverdacht mehr.

Ab Herbst 2006 geht es vor Gericht um Kevin. Die Anklage stützt sich auf Aussagen des Jungen. Fazit einer Gutachterin: Kevin wurde wohl missbraucht. Aber von wem und wie, das lasse sich nicht mehr zweifelsfrei klären. Damit wankt auch die Kevin-Anklage.

Am 7. September 2007 spricht das Schwurgericht alle Beschuldigten nach dem Grundsatz "Im Zweifel für die Angeklagten" frei.

Die Staatsanwaltschaft geht im April 2008 bei vier Angeklagten in Revision. Der Bundesgerichtshof wird am 13. Januar 2009 darüber verhandeln. wi

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