Oberärztin berichtet im Arzt-Skandal von Todesfällen nach Fehldiagnosen

Kostenpflichtiger Inhalt: Arzt-Skandal : Oberärztin meldet Todesfälle nach Fehldiagnose

Nach den Vorwürfen einer Chefärztin gegen den niedergelassenen Pathologen kommt jetzt ein Brandbrief aus der Hautklinik der Uni.

Auf den ermittelnden Oberstaatsanwalt, der den Fall des niedergelassenen Pathologen aus dem Saarpfalz-Kreis klären soll, kommt viel Arbeit zu. Waren es bislang 26 Fälle mutmaßlicher Fehldiagnosen, die die Chefärztin für Rechtsmedizin am Saarbrücker Klinikum kürzlich über ihren Rechtsanwalt angezeigt hatte, ist jetzt von „etwa 20 bis 30“ weiteren Fällen die Rede. Zudem haben – wie bereits gemeldet ­– eine Privatperson und die Ärztekammer zwei weitere Verdachtsfälle angezeigt. Die angeblichen Fehldiagnosen zu Gewebeproben durch den Arzt, dem zwischenzeitlich vorläufiges Berufsverbot erteilt wurde, waren offenbar oft Anlass für operative Eingriffen bei Patienten.

Nach Informationen unserer Zeitung soll die saarländische Ärztekammer bereits vor sieben Jahren konkrete Hinweise auf angebliche Fehldiagnosen des Pathologen erhalten haben. Eine Oberärztin der Hautklinik am Universitätsklinikum (UKS) in Homburg war wohl 2012 von dem Mediziner wegen eines „Kollegialitätsverstoßes“ bei der Kammer gemeldet  worden. Sie hatte zuvor die Arbeit ihres Kollegen, konkret dessen Befunde, kritisiert. Es folgte ein so genanntes Schlichtungsverfahren, das mit einem Vergleich endete und in dem die Oberärztin nach eigenen Angaben „durch die Ärztekammer gerügt“  worden war mit der Aufforderung, sich gegenüber dem kritisierten Kollegen „in Zukunft freundlich zu verhalten“.

Weitere Konsequenzen gegen den Pathologen gab es damals nicht. Dr. Josef Mischo, Präsident der Ärztekammer, betont in einer Stellungnahme auf eine SZ-Anfrage: „Zum damaligen Zeitpunkt lagen der Ärztekammer keinerlei Hinweise über eine bestehende Suchterkrankung des Pathologen vor.“ Erst letzte Woche hatte die Kammer eingeräumt, dass es in dem Fall zu einer Informationspanne gekommen war. Der Mediziner war etwa 2014 in einer Behandlung für suchtkranke Ärzte. In seiner Krankenakte seien „kritische Befunde“ gewesen. Diese seien aber von dem zwischenzeitlich verstorbenen Suchtexperten nicht weitergegeben worden.

Im Klartext bedeutet dies weder die Approbationsbehörde, noch die Rechtsaufsicht über die Kammer wurden über diesen Vorfall und die Vorgänge von 2012 informiert.

Auch die Uniklinik, deren Rechtsabteilung damals zu Rate gezogen wurde, sah wohl keinen Anlass, ihre Aufsichtsbehörde einzuschalten. Der kaufmännische Vorstand Ulrich Kerle: „Wir gingen vom Streit zwischen zwei Ärzten aus. Aus der damaligen Sicht haben wir keine Strafanzeige erstattet.“ Der Oberärztin wurde seitens der Klinik wohl auch kein Rechtsbeistand zur Seite gestellt.

Nachdem jetzt die Saarländische Krankenhausgesellschaft und das Gesundheitsministerium vorletzte Woche schriftlich alle Klinikleitungen vor den Diagnosen des niedergelassenen Pathologen gewarnt haben, kommt sieben Jahre später eine alarmierende  Meldung von der Uniklinik. Der UKS-Vorstand informiert Staatskanzlei und Gesundheitsministerium über einen Brandbrief der Oberärztin aus der Hautklinik.

Die Frau schreibt, so SZ-Informationen, dass der Ärztekammer mindestens seit 2012 „konkrete Hinweise bekannt“ sind, wonach der heute 60-Jährige „mit hoher Wahrscheinlichkeit schwere und vor allem zahlreiche Fehldiagnosen“ gestellt haben soll.

In der UKS-Hautklinik existieren, so die Oberärztin, etwa 20 bis 30 Fälle aus den vergangenen Jahren, bei denen der Pathologe falsche  „benigne“ (gutartig) Diagnosen erstellt habe, aber auch falsche Krebsbefunde.  Die Dermatologin verweist zudem ausdrücklich darauf, dass mittlerweile Hautpatienten, bei denen der Pathologe zuvor Fehldiagnosen gestellt habe, an der Erkrankung verstorben sein sollen.

Die Oberärztin selbst wollte sich gegenüber unserer Zeitung zu ihren Hinweisen auf gravierende Unregelmäßigkeiten nicht äußern. Sie verwies an den Vorstand der Uniklinik. Von dort kam auf die Frage, ob denn nach den ersten Vorwürfen 2012 auf Basis der Befunde des beschuldigten Pathologen am UKS weiter operiert wurde, die Antwort des kaufmännischen Direktors: „Ich gehe von Nachbefunden aus.“

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