1. Saarland

Nur wenig Hilfe für behinderte Schüler

Nur wenig Hilfe für behinderte Schüler

Eltern sollen die Möglichkeit haben, ihr behindertes Kind an eine Regelschule zu schicken. Doch dort steht den Kindern weniger Unterstützung zu als an Förderschulen. Der Lehrerverband SLLV fürchtet, dass Grundschullehrer bei der Inklusion allein gelassen werden.

Nehmen wir an, die Eltern eines geistig behinderten Kindes wünschen, dass ihr Kind eine reguläre Grundschule besucht. Nach der UN-Behindertenkonvention ist das durchaus möglich. Aber würde das Kind dort überhaupt in geeigneter Weise gefördert - etwa durch einen Sonderpädagogen, der das Kind ständig im Auge hat? Genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Die frühere Inklusionsbeauftragte von Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD), Ilka Hoffmann, sagte dazu vor einem Jahr unserer Zeitung: "Es gibt leider bisher keinen Erlass darüber, was behinderten Kindern an Regelschulen zusteht. Die Stundenzuweisung liegt daher sogar unter dem Satz, den behinderte Kinder an Förderschulen haben. Dort ist immerhin für Kinder mit einer geistigen Behinderung eine Schüler-Lehrer-Relation von 4:1 vorgeschrieben. Derzeit erhält ein geistig behindertes Kind in der Regelschule aber nur vier bis sechs Förderstunden pro Woche. Das ist wahnsinnig wenig. (. . .) Wenn sich da nichts ändert, fährt man das ganze Thema Inklusion an die Wand."

Commerçons Ministerium hat die Angaben von Hoffmann zum Thema Stundenzuweisung jetzt noch einmal ausdrücklich bestätigt. An der Förderschule geistige Entwicklung ergäben sich nach dem Schlüssel von 4:1 pro Schüler der Förderschule für geistige Entwicklung 6,75 Lehrerwochenstunden - also mehr als derzeit an der Regelschule. Als "Zwischenziel" peile das Ministerium daher "die gleichberechtigte Personalisierung von Integrationsmaßnahmen im Vergleich zur Personalisierung der Förderschulen" an.

Nicht nur für Kinder mit einer geistigen Behinderung, sondern auch für solche mit einem Förderbedarf in puncto körperlich-motorischer Entwicklung, Hören oder Sehen gibt es keinen klaren Förderanspruch in der Regelschule. Zwar sollen diese Schüler laut Bildungsministerium bei der geplanten Budgetierung der Schulen in der Zuweisung von Lehrerwochenstunden "besonders berücksichtigt werden". Es gibt jedoch bisher keinen Erlass darüber, wie viele Lehrerwochenstunden von Förderschullehrkräften diesen Kindern zustehen.

Es ist davon auszugehen, dass es in der großen Koalition im Land auch noch keine Einigkeit darüber gibt, ob es in Zukunft überhaupt einen klaren Förderanspruch geben soll. Auf eine entsprechende Frage unserer Zeitung antwortete das Ministerium jetzt vielsagend: "Hinsichtlich der zukünftigen Ausgestaltung" befinde sich das Ministerium gegenwärtig "in intensiven internen Beratungen".

Nach Angaben des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (SLLV) hat das Bildungsministerium unlängst in einer Schulleiterdienstbesprechung "klargestellt, dass es über die bisherigen 105 Förderschullehrer hinaus, die an den 162 Saar-Grundschulen tätig sind, keine weiteren Förderschullehrer für die Grundschulen geben wird". Geplant sei - Stichwort "Budgetierung" - "lediglich eine Umverteilung dieser Lehrer". Die Vorsitzende des SLLV, Lisa Brausch, sagte dazu weiter: "Genau das macht uns Angst: Dass die Grundschullehrer am Ende mit den problematischen Kindern allein sind."