1. Saarland

Nur Hartgesottene harren aus

Nur Hartgesottene harren aus

Ein attraktives Programm hatten sich die Gastgeber für den Wandertag der biologischen Vielfalt am Losheimer Stausee einfallen lassen. Doch Kälte und Regen machten ihnen einen Strich durch die Rechnung

 Peter Altmaier diskutiert mit Mitgliedern von Bürgerinitiativen.
Peter Altmaier diskutiert mit Mitgliedern von Bürgerinitiativen.
 Spass beim Wandertag: Gottfried Peter (l.) mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther.
Spass beim Wandertag: Gottfried Peter (l.) mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther.

Der leckere Rehrücken, den Sternekoch Alexander Kunz auf der Bühne zubereitet, geht Peter Altmaier an der Nase vorbei. Zwar nimmt sich der Bundesumweltminister für den Wandertag zur biologischen Vielfalt am Losheimer Stausee einige Stunden Zeit. Doch bevor der exquisite Braten gegart ist, muss Altmaier passen: Weitere Termine warten noch auf das politische Schwergewicht. Eine leuchtend grüne Krawatte hat der gebürtige Ensdorfer für seinen Auftritt an Pfingstsonntag gewählt, ein weißes Hemd und einen grauen Anzug. Anders Landesmutter Annegret Kramp-Karrenbauer und Umweltministerin Anke Rehlinger: In zünftiger Wanderkluft erscheinen die beiden Landespolitikerinnen. Sie stellen sich den Fragen von Moderator Wolf Porz zum Wandern im Allgemeinen und zum geplanten Nationalpark mit Rheinland-Pfalz. "Wandern hat einen hohen Stellenwert", sagt die Landesmutter. Längst ist es nach ihrem Dafürhalten eine große Bewegung, die in der Gesellschaft angekommen ist.

"Viele kommen ins Saarland zum Wandern." Daher sei es zu einem großen Wirtschaftsfaktor geworden. "Wanderer sind in der Natur unterwegs und daher offen für Naturschutz", ergänzt Rehlinger. "Man kann nur schützen, was man auch kennt." Von dem geplanten Nationalpark im Hochwald mit dem Nachbarland versprechen sich die beiden viel. "Anvisiert sind 10 000 Hektar, etwa zehn Prozent der Fläche stellt das Saarland", verrät die Umweltministerin. Sie verspricht ein Konzept, das Naturerlebnis und Geschichte miteinander verbindet - etwa die Erkundung des Hunnenringes bei Otzenhausen.

Derweil steht für Professor Beate Jessel vom Bundesamt für Naturschutz fest: "Im Saarland hat das Bundesamt überproportional viele Naturschutzprojekte gefördert - etwa im Saar-Bliesgau oder auf dem Wolferskopf bei Beckingen. Für ein so kleines Bundesland ist das sehr viel und spiegelt die hohe naturräumliche Vielfalt wider." Was biologische Vielfalt bedeutet, will Porz von Jessel wissen, deren Behörde Mit-Gastgeber der Veranstaltung ist: "Es sind drei Dinge", erläutert sie. "Die Vielfalt der Arten und Lebensräume sowie die genetische Vielfalt innerhalb der einzelnen Pflanzen- und Tierarten. Diese drei Aspekte hängen eng zusammen und beeinflussen sich gegenseitig." Vielfalt nennt Jessel das wichtigste Überlebensprinzip in der Natur. "Nur bei einer großen genetischen Bandbreite innerhalb einer Art besteht die Chance, dass Organismen vorhanden sind, die mit den neuen Bedingungen zurechtkommen. Andernfalls ist das Risiko groß, dass sie aussterben."

Ziel des Wandertages ist nach ihren Worten Menschen über das Wandern mit biologischer Vielfalt vertraut zu machen. Bis zu 250 000 Menschen erreiche man mit diesen Aktionen.

Pech für den Auftakt am Losheimer Stausee: die Kälte und der Regen. Den Temperaturen, die am Morgen Veranstalter und Gäste frösteln lassen, folgt am frühen Nachmittag Dauerregen. Kein Wunder, dass manche Wanderer sich lieber am warmen Ofen verschanzen.

Doch ganz Hartgesottene halten durch - ebenso wie Peter Altmaier. Er weiß: "Momentan ist die Rate des weltweiten Artensterbens hundert- bis tausendmal so hoch wie die natürliche Aussterberate." Nach Auskunft der Weltnaturschutzunion sind rund 17 000 Arten weltweit vom Aussterben bedroht. Er plädiert dafür, die Artenvielfalt zu schützen.

Während die Fachleute auf der Bühne über die Chancen reden, der Wildkatze auch im Saarland mehr Lebensraum zu geben, schaut Ausstellerin Martina Konter kritisch zum Himmel. Derweil schiebt Ehemann Alois Konter abwechselnd Piddelches-Kuchen und Flammkuchen in den transportablen Steinbackofen. "Seit sieben Uhr sind wir hier. Wir wissen nicht, wie viele Kuchen wir zubereiten sollen, da die Gäste wegen des miesen Wetters wegbleiben", sagt die Fremersdorferin. Der heiße Flammkuchen findet angesichts der Kälte reißend Absatz - ob an den Nachbar-Ständen der Konters oder bei Altmaier. Bis gegen 14 Uhr halten er, Rehlinger und Kramp-Karrenbauer durch - einschließlich Wanderungen, die für die Politiker wie auch für Losheims Bürgermeister Lothar Christ auf dem Plan stehen. Grau-blaue Regenwolken brauen sich dichter und dichter über dem Hochwald und dem Losheimer See zusammen. "Wir haben das Wetter nicht mit aus Bayern gebracht", entschuldigt sich Rosi Mittermaier bei ihren Fans. "Gestern war bei uns noch herrlicher Sonnenschein", sagt die Olympia-Siegerin und Ski-WM-Gewinnerin von einst und blickt leidvoll zum Himmel. Über dem bundesweiten Wandertag der biologischen Vielfalt braut sich ein Sauwetter zusammen. Doch als positiv denkender Mensch kann sie diese Widrigkeit nicht verdrießen, schnell kehrt wieder ihr gewinnendes Lächeln zurück, für das die Ausnahme-Sportlerin so berühmt ist. Derweil plaudert Ehemann Christian Neureuther aus dem Nähkästchen. "Früher lagen auf ihrem Nachttisch Tom und Jerry. Seit sie Nordic-Walking macht, liest sie Schopenhauer und Hesse", verrät er und hat die Lacher auf seiner Seite. Auch dem Eheleben habe diese Sportart gut getan, bekennt er und zwinkert seiner Frau fröhlich zu. "Als wir noch gemeinsam gejoggt haben, kam ich immer eine Viertelstunde vor meiner Frau nach Hause und musste alleine duschen. Beim Nordic Walking können wir alles gemeinsam erleben", wirbt der Ski-Weltcupsieger für diesen Trendsport.

Als Fast-Saarländer outet er sich außerdem: "Mein Ur-Ur-Urgroßvater war Künstler bei Karlsberg und hat in Jägersburg gewohnt. Auf Bitten von Moderator Wolf Porz geben die beiden ein paar Tipps zum Bewegungsablauf, einige Infos, wie die Stöcke richtig mitgeführt werden. Derweil wartet Wanderführerin Petra Goergen bereits - zu einer Tour durch die sattgrüne Natur. Noch schnell ein Erinnerungsfoto - und schon geht es auf die Strecke. Mit von der Partie in dem Pulk ist auch der ehemalige Torhüter von 1860 München, Gottfried Peter, ein Freund des Ehepaares. Gebürtig in Machebach, spielte er mit Weltklassefußballern wie Radenkovic, Perusic, Grosser, Heiß, Konietzka und Brunnenmeier in einer Mannschaft gegen Müller, Overath, Netzer, Held, Emmerich, Ulsaß und Co. Sichtlich Spaß macht ihm die Wanderung mit den Stöcken, so wie allen Begleitern von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther. Sie genießen auch den Einblick in den Hochwald. Als hätte Wanderführerin Goergen es geahnt - wenige Minuten, bevor die ersten dicken Tropfen vom Himmel fallen, ist die Gruppe wieder an ihrem Ausgangspunkt zurück. Sofort haben Demonstranten Peter Altmaier umringt, lassen den Bundesumweltminister nicht mehr aus. Den gut 80 Leuten, die aus vielen Orten des Saarlandes und aus Rheinland-Pfalz nach Losheim gekommen sind, brennt eines unter den Nägeln: die Verspargelung der Natur durch Windräder. So nutzen sie den bundesweiten Wandertag der Artenvielfalt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

"Wir sind nicht grundsätzlich gegen diese erneuerbare Energie", macht Joachim Mohr aus Weiten die Marschrichtung seiner Bürgerinitiative klar. "Wir wollen Windkraft, aber mit Vernunft." Um dieses Ziel durchzusetzen, haben sich nach seinen Worten Betroffene aus Weiten, Orscholz und Freudenburg zusammengetan und aus jedem Ort einen Sprecher gewählt. So repräsentierten Bernhard Nollmeyer Weiten, Rouven Barth Orscholz und Erwin Harig Freudenburg. Ihr Wunsch: entweder die Höhe der Windräder von 200 Metern reduzieren oder mehr Abstand zu bewohnten Gebieten. Derweil treibt die Weiskircher Gruppe um Helmut Woll die Sorge um die Verschandelung der Landschaft um. "Wir wollen, dass auch in zehn Jahren Rosi Mittermaier und Christian Neureuther bei ihren Nordic-Walking-Touren durch den Hochwald einen wunderschönen Wald vorfinden, keine Verspargelung der Natur. "Windwahn" prangt in gelber Schrift auf den sxhwarzen T-Shirts der Greimerather. Sie wehren sich vehment gegen die Windräder, die sich auf dem Judenkopf drehen sollen.

"Wir wollen kein Windrad im Wald, im Naturschutzgebiet oder in einer Wasserschutzzone", nennen Angelika und Elea Mege aus Greimerath ihre Gründe gegen den Windpark. Derweil versuchen Gleichgesinnte, den Bundesumweltminister von ihren Argumenten zu überzeugen. Für Altmaier ein Spagat: "Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten. Aber ich kann kein Schiedsrichter sein. Es muss nach einer Lösung gesucht werden, mit der alle leben können. Er plädiert für einen gebührenden Schutz, auch für die Landschaft.