Notdienst für die Seele rund um die UhrHilferufe von Kindern, Frauen und Männer"Telefonseelsorge ist Nachtschicht der Kirche"

Notdienst für die Seele rund um die UhrHilferufe von Kindern, Frauen und Männer"Telefonseelsorge ist Nachtschicht der Kirche"

Homburg. "Before you commit suicide, ring me up!", übersetzt heißt dies: "Ehe Sie einen Suizidversuch unternehmen, rufen Sie mich an!" So lautete ein Inserat in der Londoner Zeitung "Times" im Frühjahr 1953. So entstand auf der britischen Insel ein Notruf für Suizidgefährdete

Homburg. "Before you commit suicide, ring me up!", übersetzt heißt dies: "Ehe Sie einen Suizidversuch unternehmen, rufen Sie mich an!" So lautete ein Inserat in der Londoner Zeitung "Times" im Frühjahr 1953. So entstand auf der britischen Insel ein Notruf für Suizidgefährdete. Dem Baptistenpfarrer Gordon West war die Idee dazu gekommen, als er ein 14-jähriges Mädchen beerdigen musste, das Selbstmord begangen hatte. Kurz danach griff der anglikanische Pfarrer Chad Varah die West-Idee auf. Aufgeschreckt durch die hohe Selbstmordrate in London, veröffentlichte er am 1. November 1953 ein Inserat gleichen Inhalts, dem er seine Telefonnummer hinzufügte. Schon bald konnte er die große Anzahl der Anrufe, die ihn erreichten, nicht mehr alleine bewältigen. Er wählte zu seiner Unterstützung Frauen und Männer aus und gründete eine Organisation mit dem Namen "The Samaritans". "Dieser Name war Programm", sagt Kirchenrat Wolfgang Schumacher von der Protestantischen Landeskirche der Pfalz, zu der auch die Gläubigen aus dem Saarpfalz-Kreis zählen, im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung. In der biblischen Geschichte kümmert sich der Samariter um Verletzte, Kranke, Bedürftige ohne Ansehen der Person, ohne Frage nach Religions- oder Volkszugehörigkeit, aus Verantwortung für die Mitmenschen. Dies ist so bis heute. Für den pfälzischen Kirchenpräsidenten Christian Schad ist die Telefonseelsorge "das Nachtgesicht der Kirche" (siehe Interview).

"Einen Einblick in die 24-Stunden-Arbeit gibt die Evangelisch-Katholische Telefonseelsorge und Beratungsstelle Saar sowie das Projekt Johanneskirche in ihrer Woche der Telefonseelsorge, die vom 14. bis 21. November in Saarbrücken stattfindet", sagt Helmut Paulus, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der rheinischen Kirchenkreise an der Saar. "Wir wollen den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in die Arbeit der Telefonseelsorge geben und gleichzeitig für die Themen sensibilisieren, mit denen wir uns tagtäglich auseinandersetzen: Einsamkeit, Gewalt oder etwa Partnerschaftsprobleme", erklärt Volker Bier, evangelischer Leiter der Einrichtung.

Rund 28 000 Mal im Jahr klingelt das Telefon bei der Telefonseelsorge. In fast 18 000 Gesprächen erleben die 80 ehren- und hauptamtlichen Berater Menschen in ihrer aktuellen, oft langjährigen Not. Wirtschaftliche Not wird nur selten als direkter Anlass für ein Gesprächswunsch benannt. "Der Prozentsatz derer, die wirtschaftliche Not als wichtigsten Anrufgrund nennen, ist mit rund fünf Prozent in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben", berichtet Heidrun Mohren-Dörrenbächer, katholische Leiterin der Saarbrücker Telefonseelsorge. Dies sei auf den ersten Blick erstaunlich. Ein Blick auf den aktuellen Jahresbericht zeige aber, dass die Anrufer zugenommen haben (plus drei Prozent), die Themen aus der Arbeitswelt und im Zusammenhang mit Ausbildung benennen. Zudem würden häufig Ängste vor Arbeitsplatzverlust und Versagensängsten beschrieben, die auf den großen Druck hinwiesen, unter dem Menschen in der jetzigen wirtschaftlichen Situation stehen. "Oftmals beklagen die Anruferinnen und Anrufer die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten", sagt die Telefonseelsorgerin. In den Gesprächen würden die finanzielle Enge und die Angst vor Verlust gesellschaftlicher Anerkennung, der Ausschluss von gesellschaftlich anerkannten Bezügen oder auch die Wut und Ohnmacht in diesem Zusammenhang deutlich. Häufig verschlechterten diese Rahmenbedingungen die Notlage der Betroffenen oder verschärften etwa Partner- und Familienprobleme oder psychische Probleme. Die seien dann oft der Anlass für einen Anruf. Auch die Zahl der Anrufe von Menschen mit psychischen Problemen setze sich fort.

Bei der Telefonseelsorge Saar engagieren sich 80 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die rund um die Uhr seelsorgerliche Gespräche am Telefon anbieten. Für diese Aufgabe wurden sie ein Jahr lang sorgfältig ausgebildet. Fünf hauptamtliche Kräfte (ein evangelischer Pfarrer, zwei Psychologinnen und zwei Psychologen) begleiten die Beratungen am Telefon. "Die Evangelisch-Katholische Telefonseelsorge und Beratungsstelle Saar ist zuständig für alle Festnetzanrufe aus dem gesamten Saarland. Sie ist damit die einzige bundesweit, deren Zuständigkeitsbereich mit den Landesgrenzen übereinstimmt", sagt Heidrun Mohren-Dörrenbächer, und fügt an: "Somit kommen auch Anrufe aus dem Homburger Raum, der zu einer anderen Landeskirche und einem anderen Bistum gehört, bei uns in Saarbrücken an und finden dort einen Gesprächspartner." Auch D1-Anrufe aus dem Saarland seien regionalisiert und kämen zunächst in der Landeshauptstadt an. Mohren-Dörrenbächer: "Sollte die Leitung nicht frei sein, kann es auch zu einer Weiterleitung zur Telefonseelsorge Pfalz kommen." Diese ist eine Einrichtung der Protestantischen Landeskirche und der Diözese Speyer. Sie bietet den Menschen rund um die Uhr eine Gesprächsmöglichkeit an. Darüber hinaus ist sie im Verbund mit den 100 anderen deutschen Telefonseelsorgestellen erreichbar. Diesen Dienst ermöglichen über 80 ausgebildete ehrenamtliche und fünf hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.Die wirtschaftliche und soziale Lage ist bei den Anrufern ein zentrales Anliegen. Hier einige, natürlich anonyme, Beispiele:

Eine Jugendliche regt sich auf, schreit am Telefon, weil der Arzt 50 Euro für eine Bescheinigung von ihr verlangt. Dann fehlen ihr die Worte. Stille.

Die Anruferin (48) hat finanzielle Sorgen, obwohl sie zwei Jobs macht. Jetzt kann sie die Nachzahlung von 325 Euro für Strom im Haus nicht zahlen.

Wie kann Gott es zulassen!", schreit eine Anruferin ins Telefon. "Alles habe ich verloren. Alles, was mit Mühe aufgebaut wurde von den Generationen vor mir. Wie kann Gott das zulassen. Es ist doch Weihnachten. Jetzt kommt mein Sohn noch in Hartz IV mit zwei Kindern und ich habe ihm das Haus überschrieben. Weg ist es!"

Der Anrufer hat vor längerer Zeit seine Arbeit verloren. Er ist Mitte 40. In seinem Wohnhaus wird er von den anderen Mietern schräg angesehen. Die ARGE hat Praktikantenplätze vermittelt. Bei einem Betrieb wurden ihm große Hoffnungen gemacht. Am Tag der Vertragsunterzeichnung ließ ihn der Chef aber hängen und kam nicht. jkn

Herr Kirchenpräsident Schad, welche Bedeutung hat die Telefonseelsorge?

Schad: Als Nachtgesicht der Kirche wurde und wird die Telefonseelsorge bezeichnet. Nicht nur, weil über 50 Prozent aller Anrufe nachts erfolgen - sondern auch, weil die äußere Finsternis oft Spiegelbild der Seele ist. Die Nachtseite des Lebens kommt zur Sprache.

Den Schwachen helfen, ist christliches Handeln. Wo hilft die Telefonseelsorge?

Schad: Das Wort Anrufen heißt in biblischen Kontexten immer: jemanden um Hilfe anrufen. Sich einzugestehen, dass die eigenen Möglichkeiten erschöpft sind, dass ich das Gegenüber brauche, das zuhört, in dessen Ohr hinein ich Klage führen kann. Nicht wegtherapieren können wir das Nachtgesicht des Lebens, wohl aber: dieses wahrnehmen, zuhören und aushalten.

Wie bewerten Sie die ehrenamtliche Mitarbeit?

Schad: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen stellvertretend für das offene Ohr Gottes. Sie repräsentieren die hörende, geduldig und sensibel zuhörende Kirche, in einer Zeit, die immer mehr taub geworden ist für die Not des Einzelnen.

Meinung

Haltepunkt in

schwerer Zeit

Von SZ-Redakteur

Jürgen Neumann

Wirtschaftliche Not, Arbeitsplatzverlust, Partnerschafts-Probleme, Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz, Sucht, Krankheit, Einsamkeit oder Sinn- und spirituelle Krisen, Sorgen um die Kinder. Die Not und die Angst hat viele Gesichter. Ereignisse und Verletzungen bringen uns oft an unsere Grenzen. Und dies nimmt täglich zu. Das Gefühl nirgendwo mehr dazu zugehören lässt sie ihren Alltag zerbrechlich und unkalkulierbar werden. Die Folgen: Einsamkeit, Gewalt, Selbstmord. Unsere Gesellschaft ist unsozialer geworden. Die Ausgegrenzten brauchen seelische, körperliche und geistige Hilfe. Und sie brauchen Würde. Die Telefonseelsorge kann nicht die Reparaturwerkstatt für falsche Wirtschaft und Politik sein. Die Lebenssituation muss generell positiv verändert werden - und zwar auf allen Ebenen. Da sind Wirtschaft und Politik gefordert. Auch im Saarpfalz-Kreis.

Auf einen Blick

Christian Schad.

Die evangelisch-katholische Telefonseelsorge und Beratungsstelle Saar ist ein Angebot für Menschen, auch aus dem Saarpfalz-Kreis, die in Not sind, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, die einsam sind oder jemanden zum Reden brauchen. Sie ist 24 Stunden lang rund um die Uhr unter den bundeseinheitlichen Rufnummern (0800) 1 11 01 11 oder (0800) 1 11 02 22 erreichbar. In den Räumen in Saarbrücken landen alle Festnetzanrufe aus dem Saarland sowie ausgewählte Handy-Anrufe. Für den Dienst am Telefon stehen 80 ehrenamtliche Frauen und Männer zur Verfügung, die sorgfältig ausgebildet wurden. Seelsorge am Telefon bieten auch die fünf hauptamtlichen Kräfte (ein evangelischer Pfarrer, zwei Psychologinnen und zwei Psychologen) an. Sie stehen aber für persönliche Gespräche zur Verfügung und begleiten die ehrenamtlich Mitarbeitenden fachlich. jkn