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Einsatz auf dem Mittelmeer
„Nicht helfen, das könnte ich nicht“

Saarländerin Stefanie Hilt (r.) ist ehrenamtlich als Seenotretterin bei „Sea-Watch“ im Mittelmeer aktiv. Hier eine Rettungsaktion im November.
Saarländerin Stefanie Hilt (r.) ist ehrenamtlich als Seenotretterin bei „Sea-Watch“ im Mittelmeer aktiv. Hier eine Rettungsaktion im November. FOTO: Lisa Hoffmann / Sea Watch / Lisa Hoffmann
Saarlouis. Sie packt an, wo andere wegsehen: Stefanie Hilt aus Niedaltdorf kämpft als Seenotretterin gegen das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer – und gegen die Gleichgültigkeit. Von Frauke Scholl
Frauke Scholl

Silvester auf dem Mittelmeer. Klingt toll, nach Kreuzfahrt, Freiheit, Abenteuer. So ist es aber nicht. Wenn Stefanie Hilt zum Jahreswechsel zwischen Malta und Libyen kreuzt, geht es zwar auch um Wind, Wellen und ein Wagnis. Aber es geht nicht um Urlaub, sondern um Einsatz. Nicht um ihre Freiheit, sondern die anderer. Es ist eine Haltung. Und es ist gefährlich. Das schreckt sie nicht, sagt die 27-jährige Wahl-Berlinerin, die eben noch auf Weihnachtsbesuch bei ihrer Familie in Niedaltdorf war. Dann musste sie wieder los. Um gut 1800 Kilometer entfernt zu tun, wofür sie viele bewundern. Die Saarländerin rettet ehrenamtlich Menschen. Männer, Frauen und Kinder, die in Seenot geraten. Im Meer vor Europas Haustür, wo das tödliche Flüchtlingsdrama auch weiterspielt, wenn die Welt nicht mehr hinsieht.


Sie selbst findet sich gar nicht heldenhaft, sie fühle sich ja auch wohl mit dem, was sie tue. Auf die „Silvester-Mission“ hat sich Seenotretterin Stefanie, Crew-Mitglied der Organisation „Sea-Watch“ aus Berlin, sogar gefreut. Während es also anderswo ans Bleigießen und Feuerwerken geht, wird Stefanie an Deck der „Sea-Watch 3“ wachsam sein – und bei aller Bereitschaft hoffen, dass es ruhig bleibt. Dass kein Funkspruch der italienischen Seenot-Leitstelle MRCC ankommt, dass kein klappriges Holzboot auf sie zutreibt, überfüllt mit Flüchtlingen aus Afrika, die es in Libyen nicht mehr aushalten. „Man hofft, dass nichts passiert, obwohl man ja für den Fall da ist, dass was passiert“, sagt Stefanie, die so sympathisch lächelt und fürs Duzen ist, ein paar Tage vor Weihnachten in einem Saarlouiser Café. Am zweiten Feiertag ist sie nach Malta geflogen, wo die Missionen der Seenotretter starten. Wenn ihre Hoffnung zerplatzt, muss sie sich wappnen. Für „unglaubliche Not“, für den Fall, zu spät zu kommen, für den Anblick von Leichen. So wie Anfang November.

Es war ihre erste Mission auf See, seit die gelernte Erzieherin und Erlebnispädagogin im Frühjahr über ein Praktikum zu „Sea-Watch“ gestoßen war. Als ausgebildete Rettungssanitäterin war sie an diesem Tag ganz nah dabei, als ihre Crew 30 Meilen vor der libyschen Küste 58 Menschen aus Seenot retten konnte. Aber nicht alle – auch nicht ein kleines Kind, das die gefährliche Flucht übers Meer nicht überstand. „Dann haben wir die Mutter gerettet. Es war furchtbar, ihr zu sagen, dass ihr Kind tot ist“, sagt Stefanie, die schon damals nach dem Unglück mit der SZ gesprochen hatte. Der libyschen Küstenwache, die auch vor Ort war, wirft sie vor, die Rettung behindert zu haben. „Das sind Söldner, die dazu da sind, die Grenze dicht zu machen.“ Von „verlässlicher Zusammenarbeit“, wie es die Politik nenne, könne keine Rede sein. Auf diese setzt jedoch Europa auf der letzten offenen Fluchtroute, auf der das Leid einfach nicht endet. Gibt Geld nach Libyen, das die EU nach der Fluchtwelle aus Syrien und den politischen Folgen vor einer neuen aus Afrika schützen soll. Doch Libyen sei der falsche Partner, sagt Stefanie. „Auch wenn zurzeit niemand mehr so richtig hinsieht. In den Lagern in Libyen ist es schrecklich.“ Deswegen machten sich weiter Tausende auf, bezahlen Schlepper für die wacklige Fahrt übers Meer, die oft tödlich endet. „Viele wollten gar nicht nach Europa, nur in Sicherheit“, sagt Stefanie. Europa schaue dem Elend zu, schimpft die Frau, die eigentlich gar nicht politisch sein will. „Ich wollte immer in die praktische Schiene der humanitären Hilfe, nicht in die politische“. Aber auf dem Mittelmeer, einem Brennglas der globalen Flüchtlingsnot, ist Politik nicht weit. Die Stimmung gegen Flüchtlinge, die derweil durch Deutschland wabert, macht sie wütend und traurig. Aber sie bleibt Optimistin. „Ich glaube, die Stimmung liegt an mangelndem Wissen über das Thema. Ich hoffe nicht, dass es der Hass auf andere Menschen ist.“ Deswegen setzt sich die Saarländerin in Berlin bei „Sea-Watch“ auch für Aufklärung ein. Für sichere Fluchtwege und mehr humanitäre Visa. Für eine bessere Flüchtlings- und Entwicklungspolitik. Und gegen Gleichgültigkeit.



Bis es soweit ist, braucht es im Mittelmeer ehrenamtliche Helfer wie Stefanie, seit sich staatliche Stellen aus der Seenotrettung zurückgezogen haben. „Wir sind keine Schlepper und arbeiten auch nicht mit Schleppern zusammen“, antwortet die Aktivistin, die Internationale Not- und Katastrophenhilfe studiert hat, auf Vorwürfe, die schon gegen die Retter erhoben wurden. „Wir sind auch keine Piraten, sondern arbeiten mit den italienischen Behörden zusammen.“ Vom Funkspruch, der sie zur Rettung jenseits des libyschen Hoheitsgebiets autorisiert, bis zur Übergabe der Geretteten an Land.

Ehrenamtliche Hilfe braucht Zeit und Geld. Während „Sea-Watch“ seine Ausrüstung und die Versorgung der Geretteten rein aus Spenden finanziert, erarbeitet Stefanie ihren Lebensunterhalt freiberuflich mit pädagogischen Projekten im Raum Berlin. Und Zeit? Nimmt sie sich. Für ihre Hobbys, Reisen und Wandern, bleibt genug übrig, sagt sie. Als Wanderin zwischen den Welten, in der Entwicklungshilfe, kann sie sich auch eine berufliche Zukunft vorstellen. „Aber im Moment ist es gut, wie es ist.“

Auch noch nach der Mission von November. Das Drama um den Tod des Kindes habe sie gut verarbeitet. „Wir haben ja alles getan, was wir konnten.“ Ihre Motivation ist stärker als die Belastung, die Not, die Gefahr. „Ich könnte nicht nicht helfen“, sagt sie. Weil es selbstverständlich für sie ist. Dann erzählt sie von dem alten Mann, den sie damals retteten. „Es ging ihm so schlecht, er konnte kaum laufen, ich musste ihn halten. Trotzdem hat er, bevor er sich zum Schlafen an Deck hingelegt hat, zuerst die Füße der anderen zugedeckt. Wenn er noch so an andere denken kann, wieso nicht wir?“

Diese Haltung lebt Stefanie Hilt, die „durchzieht“, was sie sich in den Kopf setzt, eigentlich schon seit ihrer Ausbildung als Erzieherin in Saarlouis. Gestärkt wurde dies in Afrika. Mit 20 arbeitete sie für ein Jahr in Togo. Entwickelte mit Kindern Perspektiven nach der Zwangsarbeit. „Danach hast du einen anderen Fokus“, sagt Stefanie Hilt. Vieles werde belanglos gegen die großen Krisen der Welt. „Nach Afrika hatte ich den Wunsch, noch mal da anzusetzen, wo ich die Notwendigkeit sehe.“ Das war dann im Meer vor Europa. Und so verbringt sie den Jahreswechsel mit Nachtwachen und Planken schrubben, Augen offen halten, bereit sein. Und tun, was sie eben tun muss.

Stefanie Hilt aus Niedaltdorf auf der „Sea Watch 3“.
Stefanie Hilt aus Niedaltdorf auf der „Sea Watch 3“. FOTO: Lisa Hoffmann / Sea Watch / Lisa Hoffmann